Bamberg

Wagnerjahr-Wissenswette (XII)

Noch einmal, zum letzten Mal lassen Wotan-Wanderer und Mime grüßen: In unserem monatlichen Ratespiel gibt es nur Dinge zu gewinnen, die man so nicht oder nicht mehr kaufen kann. Drum frischt euch, Leser, den Mut!
Artikel drucken Artikel einbetten
+12 Bilder
Wagner-Karten? Kein Problem. Wir haben sie." So warb der Buchverlag des Fränkischen Tags in Bamberg vor zehn Jahren für seine damals jüngste Neuerscheinung: Richard's Rommé heißt das außergewöhnliche, von Matthias Ose gezeichnete Kartenspiel, das im Buch- und Fachhandel längst vergriffen ist. Fünf Exemplare der 2 x 55 Karten gibt es bei der letzten Wissenswette zu gewinnen. Dazu winkt als Hauptpreis der Besuch einer Wagner-Premiere oder -Aufführung mit der Wagner-Jahr Bloggerin.

Wie immer gilt es, drei kaum verfängliche Fragen aus den Blogeinträgen des aktuellen Monats sinnig zu lösen.

1.) Wie heißt der Text Richard Wagners, den sogar Heinrich Heine über den grünen Klee lobte?

2.) Wer dirigierte bei den Festspielen 1924 die Meistersinger von Nürnberg?

3.) Welches Werk dirigierte Richard Wagner am 24. Dezember 1882?

Wer die Antworten nicht auf Anhieb weiß, kann sie in den Dezember-Einträgen dieses Blogs finden. Senden Sie Ihre Lösung mit dem Stichwort "Wissenswette XII" und Ihrer Postanschrift bis spätestens 14. Januar 2014 an leserreporter@infranken.de. Die Gewinner werden unter allen richtigen Einsendungen gezogen.

Um die Vorfreude zu wecken, folgen hier die im Jahr 2003 von mir verfassten ausführlichen Ikonographischen Erläuterungen zu Richard's Rommé, garniert mit den im Abbildungsteil integrierten sechzehn Bildkarten, die Matthias Ose unter meiner tätigen Mithilfe so detailreich ausgestattet hat, dass einem Hören und Sehen vergehen könnte. Dass Text und Kartenspiel schon über zehn Jahre alt sind, merkt man ihnen zuweilen an. Schon der Witz des eingangs erwähnten Werbeslogans ist leider überholt. Heutzutage sind Festspielkarten aus Bayreuth keine Mangelware mehr, weil unter der aktuellen Festspielleitung das künstlerische Niveau derart rapide gesunken ist, dass das Stammpublikum lieber woanders hinfährt. Dass es überhaupt noch Engpässe gibt, hat eher damit zu tun, dass Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier mit dem neuerdings auch übers Internet laufenden Kartenverkauf eine Firma beauftragt haben, die damit heillos überfordert ist. Auch die Gewerkschaftsvorstellungen sind inzwischen abgeschafft, und rosalie ist leider nicht mehr die einzige Frau, die als künstlerische Hauptverantwortliche in der Inszenierungsstatistik steht - was keineswegs frauenfeindlich gemeint ist, sondern sich konkret auf jene Wagnerurenkelin bezieht, die 2007 unter tätiger Mithilfe ihrer Eltern sowie ihres Dramaturgen die wahrscheinlich teuerste, konzeptionell aber höchst unausgegorene, die Musik ignorierende und inhaltlich schrecklich arme Einzelproduktion der Festspielgeschichte auf die Festspielbühne kippen durfte). Und wer versteht heute noch die Anspielungen auf Claus Guth und Lars von Trier? Woher die neumodischen Hummerbratwürste stammen, möchte man gar nicht erst wissen - der Bayreuther Metzgermeister Heinz Nicklas hätte einen solchen Schmarrn bestimmt nicht angerührt. Neue "Freunde" gibt es jetzt auch, nachdem die Festspielleiterinnen sowohl weltweit die Wagnerverbände mit Kartenentzug und die unverzichtbare Mäzenaten-Gesellschaft mit Missachtung und vielen kleinen Schikanen abgestraft haben: Taff heißt der Verein, in dem sich offenbar vor allem jene versammelt haben, die mit den Festspielen in Geschäftsverbindung stehen, und der in den Festspielpublikationen mit einem Slogan wirbt, der eigentlich schon alles sagt. Treffender als mit diesem anmaßenden und vetternwirtschaftlichen Wir sind Festspiele kann man den Niedergang kaum auf den Punkt bringen. Ach, Bayreuth!

Vorab zunächst die Lesehilfe für jene, die noch nicht zitatfest sind. Die Musikdramen Wagners und andere Quellen sind wie folgt abgekürzt: H = Der fliegende Holländer; Th = Tannhäuser; L = Lohengrin; Tr = Tristan und Isolde; M = Die Meistersinger von Nürnberg; R = Der Ring des Nibelungen; Rh = Das Rheingold; W = Die Walküre; S = Siegfried; Gö = Götterdämmerung; P = Parsifal; die Zahlen dahinter bezeichnen die Akte (I, II, III) und Szenen (1-6), V = Vorspiel, anschließend folgt, wenn nicht schon anders vermerkt, der jeweilige Rollenname. Die hauptsächlichen zitierten Schriften sind Briefe sowie ML = Richard Wagner Mein Leben und CT= Cosima Wagner Die Tagebücher. Zitate, Werknamen und Buchtitel usw. sind jeweils kursiv gesetzt.

Richard's Rommé - Ikonographische Erläuterungen

Bei Wagner geht eben doch nichts ohne Gebrauchsanleitung bzw. Grund- und Detailkenntnisse. Und das Schöne dabei: Je länger man sich mit seinen Werken und ihm selber auseinandersetzt, desto mehr bekommt man das Gefühl, noch viel zu wenig zu wissen. Und hört (in Aufführungen, bei Vorträgen, auf Platten und CDs), sieht (in Opernhäusern, im Kino, auf Video, DVDs), liest (sogar Bücher, die einen leider herzlich langweilen), singt (vorzugsweise im Auto oder in der Badewanne) und spielt (z. B. Rommé) immer weiter, um das Faszinosum besser zu ergründen - und höret nimmermehr auf. Zumindest was die Figuren- und Bildkarten von Richard's Rommé betrifft, dürften nach der Lektüre dieses Textes (Gö V, Die drei Nornen: Zu End ewiges Wissen!) kaum noch Fragen offen sein. Oder doch? Eine Einschränkung muss schon vorab gemacht werden: Für Anfänger ist dieser Text nur sehr bedingt geeignet! Übrigens kann man mit relativ großer Sicherheit davon ausgehen, dass der "Meister" höchstpersönlich an Richard's Rommé Gefallen gefunden hätte. Er, der laut seinem Biographen Martin Gregor-Dellin im Sommer 1831 noch in studentischen Sitten verlotterte und so sehr dem Kartenspiel verfiel, dass er um ein Haar die Rente seine Mutter verspielt hätte, fand es nämlich laut Cosima außerordentlich witzig, dass König Ludwig II. in seinem Brief vom 27. August 1872 einen zentralen Satz König Markes aus Tristan und Isolde spielerisch variierte und auf den Nibelungen-Ring bezog: Dies wundervolle Werk, dem mein Wunsch kaum zu nahen wagte, dem mein Wille ehrfurchtsscheu entsagte. Nach einer ähnlichen Methode und mit einer ähnlichen Wagner-Liebe im Herzen sind, was hoffentlich nicht unbescheiden klingen mag, auch Zeichner und Autorin von Richard's Rommé zu Werke gegangen.

Pik-König: Von allen Personifizierungen Wagners die naheliegendste ist Wotan mit Walhall (Rh 2, Wotan: Vollendet das ewige Werk!, mit dem Festspielhaus im Hintergrund) bzw. der Wanderer mit Wehmut im Blick (S III,2, Der Wandrer: Zieh hin! Ich kann dich nicht halten! und S III,2, Siegfried: mit zerfocht'ner Waffe). In anderen Worten, da wir gewissermaßen in master's voice charakteristische Physiognomien haben wollten: Die Mitte nimmt der germanische Mythos ein (Brief an König Ludwig II. vom 1. Oktober 1874 mit einer ausführlichen Beschreibung des Fassadenbildes von Haus Wahnfried), also Wagner at his best. Übrigens hat sich die Gleichsetzung von Wotan mit Wagner nahtlos weitervererbt, vorläufig bis hin zu Wagner-Enkel Wolfgang, der seit 1951 ununterbrochen als Festspielleiter den Festspielhügel beherrscht (unten links präsent durch das im Leitz-Ordner abgelegte Manuskript zu seiner autobiographischen Lebens-Akte). Unser Wotan ist so gekleidet, dass man ihn zeitlich nicht ganz eindeutig zuordnen kann: Ist er aus dem 21. Jahrhundert oder vor 1876 porträtiert, als in den Park unterm Hügel die ersten Bäume gepflanzt wurden? Erinnert er in Haltung und Outfit nicht an die Münchner Porträts von Joseph Albert 1864 und Franz Hanfstaengl 1865 oder die Aufnahmen von Adolph von Gross 1873/74 in Bayreuth? Wenigstens ist sein Anzug in grämliches Grau getaucht (Rh 2, Loge), das der um ein paar Ecken mit der Wagner-Familie verschwippschwägerte Wagnerianer Loriot alias Vicco von Bülow bekanntlich als seine Lieblingsfarbe bezeichnet hat. Nur die Kopfbedeckung (W I,3, Sieglinde: tief hing ihm der Hut, der deckt ihm der Augen eines oder S III,2, Siegfried: Was hast du gar für 'nen großen Hut?) ist wie schon anno 1874 dem Helm des Mythus (Brief an Ludwig II., s.o.) eher fremd und hier eindeutig zeitgenössisch gemeint, genauer: Es soll auch texanische Machtmenschen und Möchtegern-Weltherrscher geben, die solche Hüte tragen. Allerdings hat Wotan-Richard garantiert mehr Grips und sogar Genie. Sonst würden sich auch nicht die beiden Raben weiter um ihn scheren bzw. scharen, die pfeilgrad vom Sgraffito Das Kunstwerk der Zukunft an der Eingangsfront von Wahnfried entflogen sind (Gö I,3, Waltraute: Seine Raben beide sandt er auf Reise). Der Walter der Welt bzw. des Hügels, der laut einem in Zürich ausgestellten Pass von der Körpergröße her nicht einmal 1,66 Meter erreichte, aber trotzdem hoch hinaus bzw. hinauf wollte und auch gekommen ist, steht mit dem bereits zerhauenen Speer, der hinter den Ordnern mit diversen noch gehaltenen oder schon gebrochenen Verträgen (Rh 2, Wotan: Verträge schützt meines Speeres Schaft und W II,2, Wotan: Untreue übt ich, band durch Verträge, was Unheil barg) aufragt, auf einem ihn erhöhenden Stapel Bücher (W III, Schluss, Wotan: Loge! Loge! Hierher!). Ein Bildungsbürger par excellence, zu dessen Lieblingstiteln Wilhelm von Heinses Ardinghello und die glückseligen Inseln zählt, wohin aus guten Gründen auch der Leporello flattert - samt einer ansehnlichen Anzahl von Damen, mit denen Wotan-Richard (Rh 2, Wotan: Wandel und Wechsel liebt wer lebt und W II,2, Wotan: mit Liebeszauber zwang ich die Wala usw. usf.) bis zuletzt seine amourösen Abenteuer pflegte (CT I, 1. Februar 1883: All mein Weibsen geht jetzt an mir vorüber und als allerletzte Notiz vom 13. Februar 1883: Gleichwohl geht der Prozeß der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe - Tragik), allerdings doch nicht im Ausmaß von Don Giovanni, den der von Wagner sehr geschätzte Mozart in den Musikhimmel gehoben hat. (Nebenbei gefragt: Kennt jemand ein genuines Wagner-Wort oder eine Wagner-Figur, die wie Don Giovannis Diener Leporello als Bezeichnung eines Gegenstands Einzug in die Alltagssprache gehalten hat? Die Nibelungentreue gilt nicht!). Unser Frauenheld ist nicht nur philosophisch gut gebildet (mit den gesammelten Werken des bei Wagner ganz hoch im Kurs stehenden Arthur Schopenhauer), sondern greift immer wieder - und bestimmt nicht nur wegen Erda - auf den auffallend dicken Band mit Weckliedern zurück (S III,1, Der Wandrer: Wache, Wala! Wala! Erwach!). Zwar nur in einer konzisen Auswahl, aber immerhin: auch Nietzsche zählt zur Wagner-Pflichtlektüre, ebenso das Standardwerk zur Pomologie (Wie sonst ließen sich Anbau und Pflege von Freias Äpfeln in den Griff kriegen?). Macchiavellis Il principe ist ein Muss für einen Weltenherrscher, ebenso wie das Kompendium zum modernen Zeitmanagement (W II,2, Wotan: Fahre denn hin, herrische Pracht) und maßgeschneidert David Rhinegoldfields Entfesselt! (W II,2, Wotan: In eig'ner Fessel fing ich mich, ich Unfreiester Aller!). Der Text-/Bildband zur Ring-Inszenierung von Patrice Chéreau zählt zu den aktuelleren Lieblingstiteln Wagners, der sich den so genannten "Jahrhundert-Ring" immer wieder gerne auch auf DVD gönnt, und köstlich amüsiert ihn Herbert Rosendorfers Bayreuth für Anfänger, denn genau das hätte er damals, im April 1872 auch gebraucht, als er mit Sack & Pack, Kind & Kegel endgültig nach Bayreuth zog. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits nicht wenige Wagnerianer - der erste Richard-Wagner-Verein mit Patronat- und Stipendien-Aufgaben wurde am 1. Juni 1871 in Mannheim gegründet - für die künftigen Festspiele gespendet. Der Patronat(s)schein ohne s geht als Seitenblick auf Dresdner Revolutionsstollen mit Orangeat und Zitronat völlig in Ordnung, die Nr. 13 bezieht sich sowohl aufs Geburtsjahr (22. Mai 1813) als auf den Todestag (13. Februar 1883) und - um endlich einmal die Mysterien des Wagnerianeralltags der Autorin zu streifen - darauf, dass der vergleichsweise riesige Hund auf dem nachbarlichen Anwesen mit der Hausnummer 13 tatsächlich zufällig (?) Wagner heißt. Erspart geblieben sind uns Gott sei Dank die Schrumpfköpfe aus diversen Wissenswetten, die Ziehharmonika zur stilgerechten Begleitung von Nur Eines will ich noch: das Ööööööönnde (W II,2, Wotan) und anderen Gassenhauern sowie die Buchtitel Führen, Leisten, Leben von Fredmund Malik, der Elternratgeber Be cool! sowie Sanft in den vorgezogenen Ruhestand von Thomas Middelhoff.

Pik-Dame: Nahtlos anschließend an die endgültige Ruhe von Wotan-Richard kommt uns hier Cosimas langes Zweites Leben in Form der Parsifal-Kundry aus dem 3. Akt entgegen, die außer Dienen - dienen (P III, Kundry) nichts mehr sagt und singt und sich nur mehr ihrer hehren Aufgabe widmet. Warum sie hier nicht betet, muss in erster Linie darauf zurückgeführt werden, dass sie so viel in der Hand hat. Natürlich trägt die aktive Kämpferin für das Monopol des Bühnenweihfestspiels ein umgürtetes Rupfengewand à la Uraufführungsproduktion (wie Marianne Brandt, Therese Malten und Amalie Materna 1882) und im Karfreitagszauberaprilwetter im Schweizer Asyl (mit urfränkischer Kreuzgruppe als Anspielung auf Cosimas durchaus schmerzlichen Konfessionswechsel) einen Regenschirm, der zwar schon geflickt, aber sonst von der Art ist, wie man ihn den Photographien der greisen "hohen Frau" eben kennt: Mama rafft noch einmal das ganze Jahrhundert zusammen, stellte richtig auch Sohn Siegfried schon im Jahr 1901 fest. Das Stundenglas in ihrer Hand (P II, Kundry bzw. Parsifal: nur eine Stunde) kann man auch im übertragenen Sinne verstehen, denn für die schon altersgebeugte Cosima-Kundry (P III, Gurnemanz: Wie anders schreitet sie als sonst) im 92. Lebensjahr bleibt nicht mehr viel Zeit (P III, Gurnemanz: Kalt und starr. - Diesmal hielt ich sie wohl für tot.). Die verwünschten Wege und Pfade zu Amfortas säumen unüberhörbar Gralsosterglocken. Und das Gefäß im Vordergrund ist mitnichten kostenlose Werbung für die Lohengrin-Therme oder eine Hommage an den Filius von Parzival; vielmehr hat die heilkundige wie hilfreiche Kundry des 1. Akts (P I, Kundry: Ich helfe nie!) nicht nur zugeschaut, sondern das Blut des von Parsifal getöteten Schwans aufgefangen. Wofür sie es braucht? Also bitte, die bleichen Gralsritter müssen wir doch nicht wirklich auch noch auf dem Tablett präsentieren ...

Pik-Bube: Lohengrin ist abermals Tannhäuser, abermals der Künstler, abermals Richard Wagner, stellte 1959 Hans Mayer fest. Richard-Lohengrin ist, auch wenn das jetzt nicht sonderlich galant scheint, im Vergleich zur Pik-Dame von deutlich jüngerer Statur und von der Erscheinung her ziemlich so, wie ihn der "Meister" (bzw. Elsa) beschrieben hat: In lichter Waffen Scheine [...], ein golden Horn zur Hüften, gelehnet auf sein Schwert. Grazil, ja mit züchtigem Gebaren (L I,2, Elsa) fasst er seinen blau-silbernen Umhang, dessen Farbe und Schönheit unschwer an die berühmte Lohengrin-Hommage von Thomas Mann erinnert (Brief an Emil Preetorius vom 6. Dezember 1949). Die sichtlich gute Laune des Recken spricht hingegen eine andere Sprache: Hat das mit dem komischen Vogel auf dem Helm zu tun oder mit der Tigerente von Janosch, durch die sich der gern zitierte Tenoristen-Scherz Wann kommt der nächste Schwan? (vgl. Lachen mit Leo Slezak) endlich erübrigt? Das Muschelboot stammt aus der Venusgrotte von Schloss Linderhof und verweist darauf, dass Lohengrin das Werk ist, wodurch Wagner die dann doch nicht ganz unerschütterliche heilige, ewige Liebe des mäzenatischen Wittelsbachers gewann (Brief König Ludwigs II. vom 8. Juni 1867). Unser Mr X heißt etwas internationaler und zeitgemäßer so, weil er sich bekanntlich zu Nam‘ und Art (L I,3, Lohengrin) lieber ausschweigen will. Die musikalischen Fragezeichen seien eine Aufforderung an alle, das Nie sollst du mich befragen auf Anhieb korrekt auf eine Notenzeile zu bringen. Na, wer schafft's? Zur Belohnung sei noch auf eine delikate Feinheit hingewiesen: auf den bandagierten Zeigefinger an der Schwerthand des Schützers von Brabant. Bedenkt man Ortruds bzw. Telramunds Ratschläge (L II,1: wird ihm des Leibes kleinstes Glied entrissen nur bzw. L II,5: Laß mich das kleinste Glied ihm nur entreißen), dann birgt diese Darstellung womöglich einen tieferen Sinn für Elsas Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ (L II,2). Schaut er deshalb so pfiffig? Ist das das Lohengrin-Wunder? Und wo sind Glanz und Wonne abgeblieben? Fragen über Fragen. Was sonst.

Caro-Bube: Augenscheinlich mit dem Blick eines betörten Eigenholdes (P II,1, Klingsor) leuchtet uns aus dem Gralsbezirk auch Parsifal entgegen. Für das nicht überlieferte, also zu erfindende Bildnis Richard Wagners im Alter von süßen Siebzehn bot sich im Frühjahr 2003 ein unverwechselbarer Typus an: Richy, der Superstar à la Daniel Küblböck, mit dickem Nibelungenring im Ohr (Uwe Hoppe: Der Ring des Liebesjungen u.a., diverse Figuren: Das ist die falsche Oper!), noch ganz ohne Backenbart und mit kaum behaarten Beinen, zart im Blumenmädchenhemd, mit gehäkeltem Kettenpullunder und Gralsglockenrock. Letzteres ist eine tiefe Verbeugung vor allen gestandenen Tenoristen, die im Laufe der Inszenierungsgeschichte verzweifelt versucht haben, auch in solchen Röckchen eine gute Figur zu machen. Dass man zum Trekking (P I, Gurnemanz: Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit) in der spanischen Pampa und auf Monsalvat das modisch richtige Schuhwerk braucht, versteht sich von selbst, dass im Gralsgebiet auch öfter auf Knien herumgerutscht wird, hat sich selbst unter blöden, taumelnden Toren (P II, Parsifal ff.) herumgesprochen. Schon bei der Uraufführungsproduktion stellte der Kritiker Paul Lindau fest, dass die Kostümierung des Titelhelden im 3. Akt mit den schwarzen Beinschienen diesem eine unerwünschte Ähnlichkeit mit einem eisernen Ofen gibt. Der Hit unseres Jungstars heißt Hier im Herzen der Brand und endet folgerichtig mit dem Refrain: Mit diesem Zeichen bann ich deinen Zauber. Womit schnell nochmals zum Filius übergeleitet sei und dessen Schlussgesang Alljährlich naht vom Himmel eine Taube (L III, Lohengrin). Schade, dass Dirigent Hans Knappertsbusch das nicht mehr erleben durfte! Ein Spatz auf dem Schild ist nämlich für alle eher zu sehen als eine Taube im Bühnenhimmel des trickreichen Wagnerenkels Wieland. Apropos: Das Fußball-Tor in dieser Szenerie wird erst bei der Premium-Edition realisiert. Recht so oder So recht?

Caro-Dame: Welches illustre Venus-Vor-Bild würde sich am besten mit Cosima verschmelzen lassen? Natürlich die Geburt der Venus von Sandro Botticelli, denn gerade diese Verkörperung (ohne Muschel, denn die haben schon der Kini bzw. Lohengrin besetzt) ist idealtypisch für unsere hochschwangere Version: die noch junge Cosima in den Münchner Jahren, in Erwartung ihres ersten Wagner-Kindes. Die Herrin über die Zeit (Th 2, Tannhäuser: Tage, Monde - gibt's für mich nicht mehr) steht in Verdichtung von diversen Regieanweisungen Wagners auf duftig-rosigen Wolken. Der Abendstern als ebenfalls signifikantes Gestirn ist der von manchem Regisseur verzweifelt gesuchte Beleg dafür, dass es konzeptionell richtig ist, Venus und Elisabeth (Th III, Wolfram: O du mein holder Abendstern) mit nur einer Protagonistin zu besetzen. Der ebenfalls gut proportionierte, erfreulich wenig an Gartencenterbeton-Ästhetik gemahnende Dorfbrunnen ist ein für alle Altersstufen (von 0-99) kompatibles Sinnbild des geheimnisumwitterten Wunderbronnens, um den u.a. Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide viel Gedöns machen, obwohl nur einer von ihresgleichen ihn ausgiebig in Augenschein genommen hat: Tannhäuser (Th II,4: Wer sollte nicht den Bronnen kennen?). Der Hexenbesen symbolisiert nicht nur den von Venus mehrfach ausgesprochenen Wunsch Kehr wieder, kehre mir zurück (Th I,2), sondern ist auch ein klarer Hinweis darauf, wie in punkto Liebe frommer Wunsch und nackte Realität zuweilen auseinanderklaffen (Th II,4, Landgraf: Zum Höllenpfuhl zurückgesandt, sei er gefemt, sei er gebannt!). Die große Hörselbergschanze darf als konstruktiver Vorschlag zur Förderung des thüringischen Tourismus gelten und verweist auf den von vielen Theaterwissenschaftlern und Szenikern bisher kaum beachteten Themenkomplex "Wagner & Sport". Skisprungfreunde, die statt des Schlachtrufs "Ziiiiiieh!" ein zackiges Zieh hin, Wahnsinniger! Zieh hin! (Th I,2, Venus) schmettern, outen sich als besonders textfest. Übrigens heißt das Kind im Bauch mitnichten Isolde, sondern Tannhäuser. Schließlich sagte R. selbst, er sei der Welt noch einen Tannhäuser schuldig (CT II, 23. Januar 1883).

Caro-König: Und für das Ende sorgt Alberich erkennt Wotan schon im Zwiegespräch mit Brünnhilde (W II,2): Hier also sitzt der zürnend gezeugte, frühalte Sohn des Schwarzalben zur Wacht und starrt - ausnahmsweise einmal nicht schlafend - freudlos auf seine degenerierten Schwurfinger. Der dem Trunk ergebene, laut den Mannen grimme, vermutlich gewerkschaftlich organisierte Oberförster Hagen-Richard (Vorsicht? Das ist selbstredend nicht wertend gemeint! Der zwingend notwendige Hinweis auf die verdienten Gewerkschaftsvorstellungen der Bayreuther Festspiele seit 1951 lässt sich eben am ehesten mit Führungskräften aus der zweiten Ebene besetzen) thront auf einem Sessel, unter dem man allerhand, z.B. die unrühmliche Schrift Das Judenthum in der Musik von einem gewissen K. Freigedank bzw. Richard Wagner verschwinden lassen kann. Kaum noch zu erahnen ist, dass unter dem Stuhl Hagens u.a. Houston Stewart Chamberlain sitzt und gleich daneben Alberich mit seinen ALBI-Treuepunkten und scheelen Augen nach oben, wo das Wildschwein mit dem berühmten Nibelungenring prangt. Jägermeister Hagen bezeichnet sich selbst ja nicht umsonst als ebensolches (Gö III,3: wilder Eber) und Gunther präzisiert mit Er ist der verfluchte Eber, der diesen Edlen zerfleischt, was mit dem blutenden Lindenblatt am hinten lehnenden Speer gemeint ist. Es geht hier sichtlich um ganz große Sauereien, um Mord und Totschlag - und um mindestens knietiefen braunen Dreck, in den sich unser müder Mann (Gö II,2, Siegfried) nur mit Gummistiefeln traut. Es fügt sich von selbst, dass hinter diesem Hagedorn und Hochzeitsrufer ein Licht-Dom aufscheint, wie ihn der glühende Wagnerianer Adolf Hitler alias USA (= unser seliger Adolf, Winifred Wagner) gerne zu den Reichsparteitagen im benachbarten Nürnberg inszenieren ließ. Der rote und damit Reinigungskosten sparende Empfangsteppich ist für Siegfried gedacht, ebenso das Memory-Spiel (Gö III,2, Hagen: ich würzte dir holden Trank, die Erinnerung hell dir zu wecken), der Rettungsring als Überlebensmittel für die finale Flutkatastrophe.

Kreuz-König: Auch der holländerische Richard hat mit Untiefen zu tun, und weil auf die sich anbietenden Vampirzähne doch verzichtet wurde, musste wenigstens das Ölzeug in ein naheliegendes Blut-Oranje-Rot getaucht werden. Das Bild ist ein Widerspruch in sich, denn vom Ansatz her handelt es sich um die umgekehrte Visualisierung der auf die Holländermannschaft gemünzten Matrosensätze Sie trinken nicht, sie singen, nicht, in ihrem Schiffe brennt kein Licht. Steckt dahinter eine bahnbrechende Neuinterpretation? Immerhin: Dieser Holländer trinkt, und zwar Bellini, was zum einen darauf verweist, dass R.W. sich mehrfach mit Vincenzo Bellini auseinandergesetzt hat (vgl. diverse Norma-Besuche und -Dirigate sowie die Komposition einer Einlagearie) und zum anderen die Verbindungslinie nach Venedig zeichnet, wo das gleichnamige Getränk herkommt und wo R.W. im holländerischen Sinne am 13. Februar 1883 seine Erlösung fand. Dieser Holländer singt, und zwar Die Frist ist um (H I), während die auf hoffnungsgrünem Hintergrund verewigte Senta quasi dialogisch die im Text folgenden sieben Jahr auf ihre Weise guth aufscheinen lässt. Die Ähnlichkeit mit einer Barbiepuppe ist gewollt, denn so lässt sich elegant der Bogen schließen von R.W. und seiner ersten komplett erhaltenen, überwiegend in Würzburg komponierten Oper Die Feen zur jüngsten Kunstäußerung aus seiner Nachkommenschaft, nämlich auf das Aufsehen erregende Regiedebüt der jüngsten Wagnerurenkelin Katharina mit dem Fliegenden Holländer 2003 ebendort. Das Sturmlicht schließlich bedient ebenfalls den schon erwähnten Widersinn und beleuchtet so manches, das sich im Laufe der Inszenierungsgeschichte ästhetisch vielfach als Kreuz erwiesen hat, namentlich Spinnrad & Steuerruder. Wer die unter dem Ölzeug hervorblitzende spanische Tracht in Richtung buchstabentreue Opernkonvention deutet, liegt nicht ganz falsch. Aber gemeint sind damit auch die überseeischen Auswanderungspläne (nach Nord- bzw. Südamerika), die Richard-Holländer immer wieder erwog und die z.B. durch den Festspielbesuch 1876 des Kaisers von Brasilien realen Hintergrunds nicht entbehrten. (Liebe Beckmesser: Dass in Brasilien nicht spanisch, sondern portugiesisch gesprochen wird, tut rein gar nichts zur Sache! Es geht hier um ein universales Werkverständnis, das bei unzähligen Wagnerianern gleich welcher Zunge und auf allen Kontinenten vorhanden ist.)

Kreuz-Dame: Tagebucheintrag vom 1. März 1872: R. ruft mir zu: "Was ist der Unterschied zwischen Wotan und Siegfried? Wotan heiratete Minna und Siegfried Cosima." Er erzählt mir dann, er habe von mir geträumt, daß ich schöne goldblonde Locken gehabt hätte. Hat sie hier auch. Äußerungen Richards, dass Cosima seine Brünnhilde sei, sind so zahlreich, dass die Auswahl zu schwer fällt. Sie sollte eigentlich unser jüngstes Cosima-Porträt ergeben, aber sie wirkt - nicht umsonst ist sie die Tante Siegfrieds! - doch eher wie ein ältliches Mädchen, was wiederum der Bühnenrealität entspricht, weil vom Alter her junge Gesangsheroinen heutzutage eine absolute Rarität sind. Für die in jeder Hinsicht anspruchsvollste, differenzierteste Frauenfigur im Wagner-Universum, auch diejenige, die von Werk zu Werk die größten Wandlungen durchmacht, war Ausgangspunkt der Bildfindung die reisige Maid (W II,1, Wotan), also die Darstellung der Walküre als führende Kraft in Wotans mobiler Eingreiftruppe, die reitende Wotanstochter mit Zirkuspferd Grane als schnellem Fortbewegungsmittel, Feuerzauber inklusive. (Übrigens: Die letzten lebenden Pferd auf der Festspielhausbühne gab es zum Zentenarium im 3. Akt Walküre; im Folgejahr 1977 wurde der Walkürenfriedhof unterm Matterhorn durch Richard Peduzzis unvergleichliche Adaption von Arnold Böcklins Toteninsel ersetzt - eine der herausragenden Bühnenbildfindungen des 20. Jahrhunderts und ein unvergessener Feuerzauber mit Gwyneth Jones und Donald McIntyre). Auf den sehrenden Walkürenblick kommt es an, die barmherzig liebende Walküre Brünnhilde ist die eigentliche Schöpfung R.‘s (CT I, 9. Juli 1870). Wie sie in Blitz und Donner auf der Wolke ihren Mann steht (W III,1, Ortlinde: Gewittersturm naht von Norden und Waltraute: Starkes Gewölk staut sich dort auf), samt Hojotoho-Schlachtruf, dem Lufthansa-Schild zum Abheben und der Wolldecke für längere Schlafperioden, weiß viel später noch auch der direkt betroffene Papa mit seinem Sie trotzte dem Stürmebezwinger zu würdigen (S III,1, Der Wandrer). Ihr Schwer wiegt mir der Waffen Wucht (W II,2) wird schnell verständlich, wenn man erfährt, wie viel Gewicht mancher Bühnenbrustpanzer und NVA-Helm auf die Waage bringt. Ganz zu schweigen von all den Helden, die es abzuschleppen gilt und von denen hier stellvertretend als zukunftweisender, virtueller Vertreter der Plastikastronaut Buzz Lightyear aus John Lasseters Toy-Story beim Aufstieg nach Walhall wie weiland Johnny Cash einschmeichelnd vom Ring of Fire singt. Brünnhilde-Cosima hat selbstredend Format genug, um auf die Frau aufmerksam zu machen, die als bisher einzige außerfamiliäre Hauptverantwortliche künstlerisch unverwechselbar in Bayreuth gewirkt hat: Grane trägt im Maul die grämlich-graue Rose von rosalie, womit nicht nur an deren Ring-Bühnenbild und Kostümschöpfungen (1994-1998) erinnert wird, sondern nebenbei auch noch an Wagners Lieblingsschwester gleichen, aber groß geschriebenen Namens und - pardon, auch das Thema muss zumindest gestreift werden - nicht zuletzt an seine Gesichts- und Gürtelrose. Nicht im Bild das eigentlich unverzichtbare Runen-Rätselheft.

Kreuz-Bube: Ganz Gallien ist von angeblich futtermeidischen und/oder schlechten Komponisten bzw. ignoranten und ballettophilen Jockey-Club-Mitgliedern besetzt. Troubadix hat in den Pariser Hungerjahrten deutlich abgenommen und singt in seine, thüringischen Exil auf der chic gestylten Wunder-Waage Zuviel, zuviel! (Th I,2). Übrigens: Schon nach diesen vier Tönen denken manche Zuhörer genauso und machen sich auf lange Marterstunden mit einem Tenor gefasst, der mit lädierter Stimme die Mammutpartie stemmen zu können glaubt, was meistens schief geht. (So viel zum Thema Jedes Glück hat seinen kleinen Stich). Richard-Tannhäuser, gehüllt in einen gesteppten Morgenmantel aus hautschmeichelnder Seide (unser spezieller Dank geht einmal mehr an die Putzmacherin Bertha Goldwag aus Wien!), befindet sich - und im Genuß nur kenn ich Liebe! (Th II,4) - in der Blüte seiner Mannesjahre, was sich unschwer sogar an der geradezu fleischlichen Färbung der Morgen- und/oder Abenddämmerung ablesen lässt. Seinem Freiheitsdrang stehen die Sklavenketten entgegen, die ihn an Frau Venus fesseln, das frische, grüne Eichlaub steht für die von Wolfram gepriesenen tapferen, deutschen und weisen Helden (Th II,4: Blick ich umher in diesem edlen Kreise), zu denen zunächst noch Tannhäuser zählt, bevor er zu seinen unanständigen, frechen Liedern ansetzt. Der Sängerkrieg mit Wartburg und lädierter Harfe steht materiell nicht gerade auf hohem Niveau, ideell reißt das schon begrünte Hinweisschild nach Rom allerdings neue Perspektiven auf. Elisabeth hätte gar nicht ins Kloster gehen müssen: Über die Sache ist längst Gras gewachsen! Am Rande sei noch vermerkt, dass das Autokennzeichen mitnichten ein direkter Hinweis auf den Namen des Zeichners ist, sondern nur ein indirekter: Meiningen [woher Ose stammt] lag zu DDR-Zeiten im Bezirk Suhl (= OS). Statt der Figur aus Asterix und Obelix, der niemand zuhören will, war Tannhäuser übrigens zunächst u.a. als Rolling Stone angedacht, der hier als Dancer in The Dark mit Sympathy for the Devil oder Let's spend the Night together garantiert Ehre eingelegt hätte.

Herz-Bube: Was schafft der Tölpel dort mit dem Topf? (S I,3, Siegfried). Mime, der Fünf-Sterne-Koch, braut wider Erwarten keinen Lindenblütentee oder mageren Mutterwitz zusammen, sondern einen Sud, aus dem ab und zu u.a. schwarze Rabenfüße, braune Bärentatzen, Rehhindinnenleber und -nieren, Waldvogeleier, ein kalter grätiger Fisch sowie alte Knochen von Brange, Fips, Marke, Peps, Pohl, Robber & Russ etc. pp. hochköcheln. Dünn, spillerig, bucklig beugt er sich über seine rustikale wie (zumindest für ökologisch abbaubare Haus- bzw. Museumspantoffeln) brandgefährliche Kochstelle und rührt mit seinem schartigen Nothung-Kochlöffel in der giftgelben Brühe, die dem nicht gerade großen, dafür aber umos grimmigeren Fafner offenmbar noch nicht scharf genug ist. Der (Gold-)Schmied-Meisterbrief hinten an der Wand führt zurück in die Kindheit des Meisters, der nach dem Tod seines Stiefvaters 1821 als Achtjähriger einige Zeit bei dessen jüngerem Bruder verbrachte, der Goldschmied in Eisleben war und bei dem R.‘s Bruder Julius in die Lehre ging. Und er führt hin zum legendären Stuttgarter Ring, eine der wenigen maßgeblichen Produktionen im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert: Dort, in Anna Viebrocks verlassener Fabrikarchitektur, kracht der Meisterbrief tatsächlich im richtigen Moment von der Wand. Auch der Strumpf im Küchentuchkaro ist eine Hommage ans Staatstheater Stuttgart, wo - siehe auch Wieland Wagners Winter-Bayreuth! - die Wagnerpflege zwar Tradition hat, nur nicht im rückwärts gewandten Sinn. (Nebenbei: Ende 1849 beschäftige sich R.W. mit dem Stoff Wieland der Schmied!) Hätte Mime nicht auch noch eine kurze Lederhose und Sieglindes rosa Küchenschürze an, würde man bei ihm sofort an einen Alt-68-er denken: die langen grauen Haare, der Mümmelbart, die Nickelbrille, das dreifach gepiercte Ohr als kleine Rheingold- und Alberich-Reminiszenz (RH 3, Mime: nimm nur die Nägel vom Ohr!) oder als selbst formulierte Quintessenz der 1. Szene Siegfried (vernagelt bin ich nun ganz!) usw., dazu unvermeidlich das rot-grüne Artusi-Kochbuch Die neue Giftküche. Was man nicht hört, sich aber in etwa denken kann: Er summt beim Kochen die 2837. Strophe des alten Starenlieds Als zullendes Kind zog ich dich auf. Derweilen flammt, flackert und lackert, flimmert und schwirrt, schwebt, webt und wabert es umher, glimmert, glitzt, säuselt, summt, saust, brummt, braust und prasselt es in Mime-Richards schief gelegtem, bangen Vogelköpfla, dass es eine wahre Pracht ist. Schluss, aus, Feierabend: Mime, wir lieben dich - und ganz besonders Heinz Zednik, Graham Clark und Heinz Göhrig!


Herz-Dame: Die süßeste Cosisolde, die es je gab, die einzige, beste Schönste (R. am 16. November 1871, CT I). Oder etwa nicht? Unter den weiblichen Wagnerfiguren ist sie in Haltung und Ausdruck die einzig wahre Königin, stark und schön, auf wonniger Blumen sanften Wogen kommt sie in Tribschen licht ans Land gezogen (Tr III,1, Tristan). Das Kleid der Maid (in irischen Landesfarben) ist - natürlich ohne, dass sie das weiß - eine Leihgabe von Tristan-Muse und Seidenfabrikantengattin Mathilde Wesendonck. Anderen Quellen zufolge stammt es von Cosimas Mailänder Schneiderin und landete fälschlicherweise (vgl. CT I, 4. Juni 1872) zunächst in Klein-Asien, d.h. in Beyrouth, wo es rund 120 Jahre später Yamamoto gefunden und mit hochherrschaftlichem Kragengestänge stilsicher und zeitgemäß aufgemöbelt bzw. -gemüllert hat. Ihr Hart am Ziel (Tr I,5) auf Tristans wirre Frage Wo sind wir? nimmt fast alles vorweg. Sie stürzt sich auf Morolds Schwert, fordert Sühne und ist doch selber längst schuldig geworden: Die Akten des Beidler-Prozesses, in die sich das Schwert spießt, offenbaren mit das Unrühmlichste aus Cosimas Leben, nämlich dass sie die Vaterschaft Wagners der ersten gemeinsamen Tochter Isolde verleugnet hat. Dagegen hilft kein Erste-Hilfe-Koffer mit Heil-Salben und Balsam-Saft, keine Gegengift für böse Gifte, keine Liebes- und kein Todestrank. Aber vielleicht vergeht alles im blauen Wunderreich der Nacht (Tr II,2, Tristan), in den Wolken wonniger Düfte (Tr III,3, Isolde), in des Welt-Atems wehendem All? Wahrscheinlich schon. Du bist der Haken, an welchem ich über dem Abgrund hänge, sagt R.W. am 13. Oktober 1872 zu C.W. und meint das auch so.

Herz-König: Mit der Uraufführung der von Wagner so nicht bezeichneten komischen Oper Die Meistersinger von Nürnberg am 21. Juni 1868 in München erlebt Wagner den größten Theatererfolg seines Lebens, wiewohl der Kritiker Eduard Hanslick das Werk eher zu den interessanten musikalischen Ausnahms- oder Krankheitserscheinungen zählt und feststellt: Sachs hat zahlreiche Monologe und Dialoge, mit welchen er die Zuhörer unaussprechlich langweilt. Nun wollen wir nicht, wie weiland Uraufführungsdirigent und Cosimas Noch-Gatte Hans von Bülow, gleich mit bösen Verbalinjurien um uns werfen, aber die Rezeptionsgeschichte hat eindeutig gezeigt, dass sich die Leute offenbar mehrheitlich gut unterhalten haben, ganz unabhängig davon, ob das Werk eher bürgerlich-demokratisch oder nationalistisch interpretiert wurde. Hans Sachs in seiner blauen Latzhose und mit Wagners Samtbarett ist ganz die letzte Erscheinung des künstlerisch produktiven Volksgeistes, wie R.W. ihn in seiner Schrift Eine Mitteilung an meine Freunde 1851 vorgestellt hat. Der Schuster und Poet trägt, da er bekanntlich Vorschriften gern etwas anders auslegt als seine Meisterkollegen, Fußballschuhe mit zahlreichen Stollen. Sein Meisterstück, den avantgardistischen Tristan-Akkord, hat er gerade in Arbeit, das Handwerkszeug - Seht, hier ist Tinte, Feder, Papier (M III,2) sowie Hammer, Ahl und Draht - ist wie immer parat, und die Reclam-Ausgabe von Shakespeares Hamlet darf keinesfalls fehlen, denn Monologe, noch dazu Wahn-Monologe, schüttelt auch ein veritabler Nürnberger Reimeschmiedemeister nicht so ohne weiteres aus dem Hemdsärmel. Der Präsentkorb zum Namenstag steht schon bereit, mit dem Standardwerk zur Wahrtraum- und seligen Morgentraumdeuterei, mit frischen Bratwürsten (vom jahrzehntelangen Hügellieferanten und Metzgermeister Heinz Nicklas), mit herrlichem Kuchen, Wein und Zigarren: Hier gilt's nicht nur der Kunst! (M II,4, Eva), sondern selbstverständlich auch dem Kartenspiel. Mit dem Schelln Unter in der Brusttasche will der schon etwas vergesslich gewordene Meister sich selbst daran erinnern, dass er, der Ober Hans, seinen Unter David noch zum Gesellen hinaufwatschen soll. Das dazu passende Hageldonnerwetter obwaltet links im Hintergrund, rechts hingegen tut sich der legendäre Holunderkugelbusch aus Wieland Wagners Meistersinger-Inszenierung von 1963 auf. Natürlich ist inzwischen, wie Wieland-Tochter Nike feinsinnig festgestellt hat, auch Neu-Bayreuth alt geworden. Aber wollte nicht schon ursprünglich ihr Urgroßvater an drei oder vier Tagen sein ganzes Nibelungen-Werk aufführen und anschließend das Theater abfackeln? Oder alle Opernhäuser in die Luft sprengen? Was Letzteres betrifft, so ist die nähere Zukunft mit Sprengmeister Pierre Boulez als Parsifal-Dirigent der Festspiele 2004 ff. voll gesichert.

Hergestellt wurde Richard's Rommé übrigens nicht bei irgendeinem, sondern bei dem Spezialisten für Spielkarten, also im thüringischen Altenburg. Die Tradition der Kartenproduktion geht dort nachweislich zurück bis in Luthers Zeiten. Das Spielkartenmuseum Altenburg verzeichnet als wesentliche Daten u.a. für 1509 die ältesten in Altenburg hergestellten Spielkarten und für 1731 das Privilegium mit dem Verboths-Recht wider mehrere Kartenmacherei in hiesigem Fürstenthum für den aus dem Bayreuthischen stammenden Kartenmacher Christian Hoffmann. Weitere Verbindungen zur Festspielstadt und zu den Wagners sind mehrfach gegeben. Angefangen bei dem wenig später steckbrieflich gesuchten R.W., der am 20. Mai 1849 von seinem Schwager Heinrich Wolfram (!) nach Altenburg gebracht wurde, von wo aus er seine Flucht gen Weimar fortsetzte, bis hin zu Enkel Wieland, der 1942/43 in Altenburg als Ring-Regisseur debütierte und 1944 dort noch die Oper seines Vaters Siegfried An allem ist Hütchen schuld inszenierte.

Ach du meine Güte, die Joker fehlen noch, und die Asse! Ein Kurzdurchgang: Das Kreuz-As zeigt das Geburtshaus Wagners in Leipzig, auf dem Brühl im rot und weißen Löwen, zwei Treppen hoch (ML). Später dichtete er dazu: Im wunderschönen Monat Mai/ kroch Richard Wagner aus dem Ei./ Ihm wünschen, die zumeist ihn lieben,/ er wäre besser drin geblieben. Warum das kleine Vogelgesicht unten noch kein ausgeprägtes Wagnerprofil aufweist und eher ans die Comicfigur Woodstock aus den Peanuts erinnert, lässt sich wohl als Assoziation in Hinblick auf die finanziellen Katastrophen und Schulden deuten, mit denen sich Das Pumpgenie R.W. ein Leben lang herumzuschlagen hatte. Das Herz-As mit Wahnfried als familiärem Ruhekissen erklärt sich von selbst, das Caro-As mit dem Festspielhaus als Gipfelpunkt der Musiktheaterwelt auch, wenngleich der Ausschnitt der Erdkugel doch etwas klein geraten ist und die Zeichnung rein gar nichts von der unvergleichlichen Akustik vermittelt. Schließlich als Endstation das Pik-As mit dem Palazzo Vendramin in Venedig, von wo aus der "Meister" auf seine allerletzte Reise ging. Die Joker versammeln, nachdem schon in der Vorschlussrunde Hans von Bülow, Giacomo Meyerbeer und Judith Gautier ausgeschieden sind und C.W. entschlossen Wilhelmine (Schröder-Devrient), Minna (Wagner) und Mathilde (Wesendonck) gestrichen hat, nur die drei männlichen Hauptmäzene und -mitstreiter, wobei im Peitsche schwingenden Nietzsche gleichzeitig auch der vielfältig vorhandene Abfall und Abgesang thematisiert ist (siehe Friedrich Nietzsche, Gesammelte Werke). König Ludwig II. als Georgsritter mit Schwanenkrone ist das Urbild des Wagnermäzens, der Klaviervirtuose, Abbé und Schwiegervater Franz Liszt ist hier der weitblickende Künstlerkollege, dessen Gelenkigkeitsübungen immer wieder auch beim Griff in den Geldbeutel gefragt waren.

Was wäre aus Wagner ohne die Wagnerianer geworden? Deshalb sind hier auch die Zeichner von Patronatsscheinen (vgl. Pik-König), die vielen kleinen und großen Geld-Spender, die sich landauf landab unter dem Dach der Richard-Wagner-Vereine und später in der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth engagiert haben, nicht vergessen. Dieses Back-up manifestiert sich auf der Kartenrückseite, wo auf samtrotem Untergrund ein großes W in Schlingen(sief)-Ornamentik prangt: Es steht für das W, das ins Eingangsportal der Villa Wahnfried geschnitzt ist, für das auch unten geschlungene W der Fahne, die jeweils zur Festspielzeit auf dem wunderbarsten Festspielhaus der Welt flattert, für das W, das als Logo vom Richard-Wagner-Verband weltweit unter Wagnerliebhabern, -kennern und vielen jungen geförderten Künstlern geschätzt wird, es steht für all jene, die sich ohne oder mit Umschweife Wagnerianer nennen. Sogar die goldenen Ringe sind mehrfach bedeutungsschwanger: Sie stehen für das Eheglück unserer beiden Hauptprotagonisten, für des "Meisters" Tetralogie und für das dezente Abzeichen der Sponsoren-Freunde. Und frei nach dem Albumspruch "In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken" sind als Initialen wiederum CW und RW präsent: "Ich sprach mit dir", sagt er mir und umarmt mich lange und zärtlich: Alle 5000 Jahre glückt es!", notiert Cosima am 12. Februar 1883 in ihr Tagebuch. Und damit es jetzt nicht pathetisch wird, denken wir alle jetzt nicht daran, dass tags darauf der "Meister" starb, sondern erinnern uns lieber seiner "Diätfehler", nehmen das Trinkhorn zur Hand und ...
Verwandte Artikel