München
Mein Wagner-Jahr

"Immer triumphieren die Schlechten"

Am 22. September 1869 wurde in München gegen den Willen Richard Wagners "Das Rheingold" uraufgeführt. Trotz vorangegangener Querelen und technischer Unzulänglichkeiten war die Premiere ein Erfolg.
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Szenenillustration der "Rheingold"-Uraufführung von Theodor Pixis zur Schlussszene Vorlage: Archiv
Szenenillustration der "Rheingold"-Uraufführung von Theodor Pixis zur Schlussszene Vorlage: Archiv
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Bis zu welchem Grad", schreibt Cosima Wagner am 20. September 1869 in ihr Tagebuch, "die Rheingold-Angelegenheit die Leute beschäftigt, beweist, dass das Luzerner Tagblatt zwei Aufsätze darüber bringt - der eine, für welchen die Redaktion sich erklärt, schmählich, der andre erträglich." Während sie am Tag der von Wagner so nicht gewollten und von Tribschen aus bekämpften Rheingold-Uraufführung am 22. September in München dazu nichts Nennenswertes notierte, folgte tags darauf ein erbitterter Eintrag:

Semper's Theater in Dresden vollständig abgebrannt. An Semper's Unstern dabei gedacht. Sein großes Genie förmlich ungebraucht, seine Werke zerstört! - Nach dieser Nachricht erhalten wir zwei Depeschen, welche melden, dass das Rheingold in München aufgeführt, also doch! Immer triumphieren die Schlechten. Einzig tröstet mich das Wort R.'s, "ich habe das Gefühl, dass alles das mir eigentlich nichts antut, das Innere bleibt unberührt -, nur wenn ich mit dir nicht im vollständigsten Einklang stehe, schwankt mir der Boden".

Dabei hatte ursprünglich Wagner selbst vorgeschlagen, die einzelnen Teile des Rings erstmals in München zu zeigen. In einem Brief an Hofrat Lorenz von Düfflipp kündigte er am 5. Februar 1868 konkret die vorläufige Aufführung des Rheingolds für 1869 und der Walküre für 1870 an. Allerdings war der Plan an notwendige technische Umbauten im Hoftheater gekoppelt. Die kamen erst in Gang, nachdem König Ludwig II. nach monatelanger Funkstille wieder Kontakt mit Wagner aufgenommen hatte und die Arbeiten anordnete. "Ich beschwöre Sie", schrieb er seinem Lieblingskomponisten, "tragen Sie dazu bei, geliebter Freund, diese Aufführung zu ermöglichen; o ich brauche solche Freuden, soll ich nicht vergehen im Strudel des Alltagslebens."

Der Alltag holte beide ein: Wagner, der das Projekt zwar insofern unterstützt hatte, indem er in Tribschen mit den eigens angereisten Sängern, dem Dirigenten Hans Richter und den Szenikern gearbeitet hatte, die Premiere aber nach der unfertig wirkenden Generalprobe verschieben wollte; der König, der erleben musste, dass sowohl sein neuer Hofmusikdirektor wie Wotan-Sänger Franz Betz die geplante Uraufführung am 29. August absagten. Richter wurde sofort entlassen, und es dauerte, bis sich ein Dirigent fand, der die Uraufführung gegen den erklärten Willen des Komponisten und ohne die einstudierten, aber abgereisten Gastsängern durchführen wollte.

Trotz der vorangegangenen Querelen war die Uraufführung ein Erfolg. Franz Wüllner, dem der wütende Wagner noch geschrieben hatte, dass ihn der Teufel holen werde, wenn er nicht die Hand von seiner Partitur lasse, dirigierte. In der Regie von Reinhard Hallwachs und der Ausstattung von Heinrich Döll, Christian Jank, Angelo Quaglio und Franz Seitz sangen und spielten unter anderem August Kindermann (Wotan), Heinrich Vogl (Loge), Karl Fischer (Alberich), Max Schlosser (Mime), Sophie Stehle (Fricka) und Henriette Müller (Freia).

Der Kritiker R. G. beschrieb in der Süddeutschen Presse unter anderem ausführlich die Publikumsreaktionen: "Das Haus war bis in den letzten Winkel zum Brechen soll, viele der Zuschauer mochten sich in den unbequemsten Situationen befinden und lange vor Beginn der Vorstellung schon auf den Beinen und im Gedränge gewesen sein; trotzdem hielten alle aus ohne eine Sekunde Pause, ohne Zwischenakt, bis zum Schluss. Dem eigenthümlichen Zauber, den das Werk in seiner Gesammtheit ausübt, konnten sich selbst die nicht ganz verschließen, die mit Vorurtheilen jeder, besonders persönlicher Art gestern Abend ins Theater gekommen waren." Und er resümierte mit Beobachtungen, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben und in der Schreibweise wie von ungefähr an seinen Kritikerkollegen J. K. erinnert:

Sieht und hört man Rheingold zum ersten male, so ist die Zerstreuung und - wir dürfen wohl sagen Aufregung so groß, dass man unmöglich zu einem ungetrübten Genusse der Musik kommen kann. Man darf deshalb nicht voreilig ein absprechendes Urtheil fällen; am allerungerechtesten wäre der Vorwurf mangelnder Erfindungskraft. Nur eine reiche, fast überreiche Phantasie kann so malerisch schöne Empfindungen haben, wie sie so vielfach im Rheingold zum Ausdruck kommen und in uns wiederklingen.

Um nur außer dem früher schon Erwähnten noch Einiges hervorzuheben: wie gespenstig-unheimlich erfassen uns die dumpfen, fahlen Klänge aus dem Orchester, wenn die Götter nach dem Raube Freias ihre ewige Jugend verlieren und mälig erbleichen, wie innig-jubelnd wird Freia's Rückkehr begleitet, wie ahnungsvoll-prophetisch, geheimnißvoll-mächtig ist die Erscheinung der Erda. Und wenn sich am Schluss aus Nebel und Wolken, Blitz und Donner der Regenbogen zur Götterburg spannt in einem aus den unruhig wogenden Tönen allmälig breit und glänzend sich entwickelnden und ausbreitenden Orchester-Finale, so kann man sich trotz alledem und alledem dem unwiderstehlich sich aufdrängenden Gefühle nicht verschließen, vor einem Kunstwerk gestanden zu haben, welches Anspruch auf eine mehr als oberflächliche Würdigung hat und welches keinesfalls mit einem vornehm-wegwerfenden kritischen Machtspruche abgethan ist.


In der Neuen Zeitschrift für Musik stellte der bekennende Wagnerianer Peter Cornelius unter anderem fest: "Auf die Gefahr hin, die folgenden Worte von ihnen zu ihren Zwecken ausgebeutet zu sehen, will ich sogleich selbst mit dem Geständnisse hervorrücken, dass ich mich für meine Person ebenfalls nicht mit Allem einverstanden erklären kann und dass ich namentlich glaube, W. habe - um die Worte aus seiner Einleitung zu Oper und Drama zu gebrauchen - auf dem Wege musikalischer Charakteristik Effecte angestrebt, die man allein durch das verstandesscharfe Wort der dramatischen Dichtung erreichen kann. Ebensowenig möchte der Umstand dem Werke zum Vortheil gereichen, dass auf das Ensemble, kleine Terzette der Rheintöchter abgerechnet, vollständige verzichtet ist, der zu lang fortgesponnene recitirende Gesang wirkt auf den minder vorbereiteten Zuhörer leicht zuweilen ermüdend und wird hierin durch die nicht immer hinreichend interessante Handlung nicht überall entsprechend unterstützt." Und er schließt, nachdem er unter anderem konkret den Regenbogen am Schluss als "gar zu solid und massig angelegt" kritisierte:

Trotz alledem ist das Werk reich an vielen schönen, höchst wirksamen Scenen und Momenten, und der hohe künstlerische Ernst, der sich ja nirgends verkennen lässt, heißt uns auch da vorsichtig und bescheiden im Tadel sein, wo man nicht einverstanden sein kann. (...) Die wichtigste Aufgabe hat, wie in allen Wagner'schen Opern, das Orchester als Illustration des Wortes und als Ausdrucksmittel aller seelischen Vorgänge der einzelnen Charaktere. Es grollte, lacht und jubelt, dabei entfaltet es einen Reichthum und eine Pracht an Klangfarben, wie es in so wunderbarer Weise nur einem Wagner gelingen konnte...

Es war übrigens auch ein 22. September, an dem in Wahnfried die Kriegstrauung von Siegfried Wagner und Winifred Williams stattfand. Während ich vom Jahr 1915 spontan jetzt nicht die Kurve in die Gegenwart kriege, bietet sich die Rheingold-Uraufführung dafür geradezu an. Heute vor 144 Jahren sang im Münchner Hoftheater ausgerechnet das Fräulein Emma Seehofer die Erda - und somit auch deren "Alles was ist, - endet! Ein düst'rer Tag dämmert den Göttern". Ob das auch auf das Ergebnis des spannenden Wahltags anzuwenden ist? Weiß die Wala wirklich Alles?


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