Wenn Deutschland zu Gast im Stuttgarter Talkessel ist, kann es schon mal eng werden. Für die einen ist das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit schön kuschelig, andere haben vom Gedränge etwa auf der Meile der Bundesländer bald die Nase voll. Stuttgart hat gerufen - und mehrere Hunderttausend sind gekommen. Bei strahlend blauem Himmel und meist bester Laune feiert sich das Volk zwischen Maultasche und Currywurst selbst.

Ausgesperrt ist es noch, als sich die fünf Verfassungsorgane vom Bundespräsidenten bis zum Bundesratspräsidenten an diesem kühlen Morgen treffen. Eine Limousine nach der anderen fährt bei herbstlichen fünf Grad auf dem Schillerplatz vor. Mit Winfried Kretschmann steht nach 23 Jahren Einheit erstmals ein Grüner als Gastgeber am Roten Teppich.

Nach dem Gottesdienst treffen Staatsspitze und Volk kurz aufeinander. Bundespräsident Gauck drückt der neunjährigen Julia die Hand. "Er hat gefragt, ob ich weiß, was heute gefeiert wird", erzählt sie stolz. Und dass sie es "natürlich" wusste, lobt Gauck mit einem "Gut!". Rund 50 Sänger von Chören aus Stuttgart, Heidelberg und Berlin intonieren einen Mix aus den Liedern "Kein schöner Land" und "Nkosi Sikelela" - einem bekannten südafrikanischen Lied und Teil der Nationalhymne des Landes.

"Zwei Monate haben wir daran gearbeitet", sagt Abdourahime Diallo von der Stiftung Partnerschaft mit Afrika. Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt klatschen und singen mit. Anschließend posiert der Bundespräsident mit den Sängern für ein Foto. "Er hat gesagt, er würde gerne mitmachen, aber dann hätten seine Sicherheitsleute ein Problem. Daher wollte er wenigstens das Foto", erzählt Diallo, der Gauck für einen "total spontanen Typ" hält.

Volk übernimmt die Regie der Feier

Nach dem "Bad in der Menge" der Staatsspitze übernimmt das Volk die Regie der Feier. Während die Politiker beim Festakt in der Liederhalle auch die Probleme des Landes wälzen, füllt sich die Innenstadt von Minute zu Minute. Immer größer wird das Gedränge. Massen schieben sich am Mittag durch die Zelte etwa von der Bundesregierung, lange Schlangen bilden sich am "Forum Plenarsaal", einem interaktiven Rollenspiel zur Arbeit des Parlaments.

Kulinarisch bekommt das Volk an diesem Tag genau das, was es erwartet: Saumagen im Zelt von Rheinland-Pfalz, Rostbratwurst bei den Thüringern, Matjes im Niedersachsen-Zelt. Berlin hat das Brandenburger Tor im Kleinformat mitgebracht, bietet Currywurst und präsentiert sich als Musikhauptstadt. Und beim Gastgeber Baden-Württemberg: Linsen mit Spätzle und "Saitenwürschtle". Auch eine riesige Schwarzwälder Kirschtorte darf nicht fehlen.

Am engsten umlagert sind die Stände, wo es was zu tun gibt: Schleswig-Holstein etwa lässt Kinder Muscheln mit dem Mikroskop untersuchen, Berlin hat eine Jukebox zum Mitmachen aufgebaut mit Titeln von den Prinzen, City, Culture Beat und Camouflage.

Deutlich sichtbar sind an diesem Tage auch die Gegner des Bahnhofprojekts Stuttgart 21 - ausgestattet mit gelben Luftballons und den bekannten Symbolen ihres Widerstands. Bundespräsident Gauck geht auf sie ein: Es gebe natürlich immer Leute, die sagen, was sie nicht erreicht haben. "Heute lacht aber die Sonne." Dies sei der Tag, sich über alles Gelungene zu freuen.

Deutschland ein "schlafwandelnder Riese"?

Gauck, der erste Bundespräsident aus dem Osten, zeichnete in seiner Festakt-Rede ein Bild eines Landes, das für neue Herausforderungen gerüstet ist: verantwortungsbewusst, handlungsfähig und solidarisch nach innen und außen. Nun müsse sich die neue Regierung auch bei weltweiten Krisen und Konflikten mutig einmischen und kein "schlafwandelnder Riese" sein. "Ich wünsche Ihnen Leidenschaft, Ehrgeiz und Achtsamkeit für all das, was auf Sie - was auf uns alle - zukommt", ruft Gauck am Donnerstag der versammelten politischen Elite zu.

Beim Festakt in der Liederhalle spart Gauck vor 1400 Gästen nicht mit Hinweisen darauf, was die Politik bald anpacken muss. Angela Merkel und Co. müssten die Folgen der Alterung der Gesellschaft angehen, Regeln für die digitale Revolution finden, die Energiewende vorantreiben und die Eurokrise konsequent bekämpfen. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann zeichnet vor, worin er eine zentrale Aufgabe für eine neue Bundesregierung sieht: in einer umfassenden Reform des Länderfinanzausgleichs.

Der frühere DDR-Bürgerrechtler Gauck freut sich über das Zusammenwachsen Deutschlands und flößt seinen Landsleuten Selbstvertrauen ein: "Ich sehe unser Land als Nation, die nach Jahrzehnten demokratischer Entwicklung "Ja" sagt zu sich selbst." Deutschland sei ein Land, das zuversichtlich in die Zukunft schaue, ohne sich bedroht zu fühlen.

Kretschmann, der sich mit Gauck sehr gut versteht, erinnerte jüngst an Trennungen mit bislang weniger glücklichem Ausgang. Er nannte die Grenze zwischen Nord- und Südkorea oder die zwischen Israel und den Palästinensergebieten. "Das sind Mauern, die mich immer wieder an die ehemalige in unserer Republik erinnern. Ich bin aber auch hier überzeugt: Keine Mauer hat auf Dauer Bestand!"

Linke Proteste

Am Rande der Feier in Stuttgart haben Hunderte Anhänger der linken Szene bei mehreren Protestveranstaltungen gegen Staat und Kapital mobil gemacht. Sogenannte antinationale und antikapitalistische Bündnisse zogen in zwei Demonstrationszügen durch die Innenstadt. Auf Bannern und Plakaten war zu lesen: "Gegen Krieg, Krise, Armut. Den Klassenkampf organisieren." Zahlreiche Polizisten begleiteten die Gruppen. Die Aktionen verliefen nach ersten Angaben der Behörden ohne Störungen. dpa