Er hat seine "dunkle Seite" ausgelebt - jetzt steht ein Frauenarzt aus dem pfälzischen Schifferstadt vor den Scherben seiner Existenz. Jahrelang soll der seriös wirkende Mediziner heimlich intime Fotos und Videos von weit über tausend Patientinnen gemacht haben. Das Landgericht Frankenthal verurteilte den 58-Jährigen dafür am Montag zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren und verhängte zudem ein vierjähriges Berufsverbot, das nach Ende der Haft in Kraft tritt. Seine Approbation wird der Familienvater wohl nie wiederbekommen, sein Vermögen wird vermutlich ganz von Schmerzensgeldforderungen aufgezehrt.

Im Verhandlungssaal, in dem sich viele Frauen eingefunden hatten, blieb es bei der Urteilsverkündung ruhig. Der Verurteilte selbst reagierte erschüttert auf den Richterspruch. "Ich bin zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig", sagte er.
Es werde eine Weile dauern, bis er das Geschehene realisiert habe.

Zehntausende intimer Bilder und Dutzende Videos, die zwischen 2008 und 2011 entstanden waren, fand die Polizei im Besitz des Mannes. Sie zeigten unbekleidete Patientinnen in der Umkleidekabine und im Behandlungsraum und gingen zum Teil sehr ins Detail. Einige erinnerten "eher an Pornografie als an eine gynäkologische Untersuchung", sagte der Vorsitzende Richter Karsten Sauermilch bei der Urteilsverkündung, die der Angeklagte nahezu reglos hinnahm.

Verurteilt wurde der Gynäkologe wegen Verletzung des "höchstpersönlichen Lebensbereichs" seiner Patientinnen in mehr als 1400 Fällen. Zudem habe er sich des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungs- und Betreuungsverhältnisses in drei Fällen schuldig gemacht, urteilten die Richter. Dass der Angeklagte auch noch unerlaubt eine Waffe samt Munition besessen hatte, fiel beim Strafmaß letztlich kaum noch ins Gewicht.
Ins Rollen gekommen war der spektakuläre Fall durch zwei langjährige Arzthelferinnen, die nach der Entdeckung eindeutiger Fotos die Polizei einschalteten. Sauermilch lobte ausdrücklich die Zivilcourage der Frauen, die an die Öffentlichkeit gingen, obwohl sie damit ihre eigene berufliche Existenz aufs Spiel setzten.

Die Kammer habe sich bewusst gegen eine Bewährungsstrafe entschieden, sagte Sauermilch. Sie habe dem Angeklagten vor Augen führen wollen, in welchem Maße er die Opfer beschädigt habe. Es handele sich um Hunderte Einzelschicksale, und viele betroffene Frauen seien nur mit Hilfe von Psychotherapeuten in der Lage, das Geschehene aufzuarbeiten. Sauermilch berichtete von einer jungen Frau, die vor Gericht gegen den Arzt aussagen musste. Sie habe sehr tough und gefasst gewirkt, doch als sie das Bildmaterial von sich gesehen habe, sei sie weinend zusammengebrochen.

Der Gynäkologe habe unter anderem Missbrauchsopfer und sehr junge Mädchen behandelt - die Jüngste sei gerade erst 13 gewesen. Sie alle hätten ihm ihr vollstes Vertrauen geschenkt - und nicht einmal im Ansatz geahnt, was ihr Arzt wirklich im Schilde führte. Dass er ihr Vertrauen missbraucht habe, sei besonders verwerflich, denn einem Gynäkologen würden Einblicke gewährt, die sonst nur dem Intimpartner vorbehalten blieben.
Die Kammer hielt dem Angeklagten zugute, dass er sich geständig zeigte. Zu Prozessbeginn hatte der Arzt sich bei den Patientinnen entschuldigt. "Ich schäme mich", sagte der Mann mit der Brille, der stets in Anzug und Krawatte zu den Verhandlungsterminen erschien. Seine dunkle Seite habe überhandgenommen. Das ließ Sauermilch als Entschuldigung nicht gelten. Ein Mensch müsse in der Lage sein, die inneren Dämonen in ihre Schranken zu verweisen, betonte der Richter.

Die Verteidigung, die zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert hatte, will nun in Revision gehen. Das Strafmaß sei "außerhalb unserer Vorstellungen", sagte Anwalt Götz Stuckensen. Der Fall sollte dem Bundesgerichtshof nicht vorenthalten werden. dpa