Karl-Heinz Frey ist besorgt. Seit sieben Jahren untersucht der passionierte Naturschützer das Vorkommen von Schnecken und Muscheln in baden-württembergischen Gewässern. Auf Spaziergängen und Wanderausflügen nimmt der 70-Jährige aus Nürtingen (Kreis Esslingen) regelmäßig Proben, zählt und bestimmt die gefundenen Tiere. 70 bis 100 Bäche, Flüsse und Seen hat er auf diese Weise schon unter die Lupe genommen - sein Urteil ist verheerend. "Den Wasserschnecken und Muscheln geht es schlecht", warnt Frey. "Artenzahlen und Bestände gehen rapide zurück."

Bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) schätzt man die Situation nicht als so dramatisch ein.
Vor allem an Dauermessstellen der kleineren Gewässer seien die Weichtier-Bestände in den vergangenen Jahren landesweit sogar relativ stabil gewesen, sagt Michael Marten, Süßgewässerbiologe an der LUBW. Lokal könnten sich die Lebensverhältnisse jedoch so verändern, dass Weichtiere und andere wirbellose Fließwassertiere gefährdet werden. Probleme gebe es vor allem in den großen Flüssen.
Marten verantwortet eine Langzeitmessung zu wirbellosen Fließgewässertieren, die seit 1995 Daten in ganz Baden-Württemberg sammelt. Ein zentrales Ergebnis: Einwanderer machen den heimischen Arten zu schaffen. "In Rhein, Neckar und Donau gibt es starke Veränderungen der Weichtierfauna, vor allem durch die Einschleppung neuer Arten", so Marten. "Das hat sich negativ auf Bestände und Artenzahlen der heimischen Spezies ausgewirkt, weil die neuen den heimischen Arten ihre Nahrung und ihre Lebensräume wegnehmen."

Tiere kamen mit den Großschiffen

Stefan Werner, Biologe am Hydra-Institut in Konstanz, hat seine Doktorarbeit über solche eingewanderten Arten geschrieben. "Viele von ihnen sind durch die Öffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals im Jahr 1992 zu uns gekommen", erklärt er. "Sie kamen mit dem Großschiffverkehr, als Larven im Ballastwasser der Schiffe oder als adulte Tiere angeheftet an den Schiffsrumpf."

Einwanderer wie die Asiatische Körbchenmuschel oder die Neuseeländische Zwergdeckelschnecke hätten einen anderen Lebenszyklus als heimische Arten und vermehrten sich deshalb viel stärker, sagt Werner. Die Quagga- und die Zebramuschel aus dem Schwarzmeerraum seien in der Lage, sich mit ihren Haftfäden auf heimische Großmuscheln zu setzen, die bei massivem Befall verhungern könnten.

"Im Rhein zwischen Karlsruhe und Mannheim und auch im Neckar gibt es große Abschnitte, in denen die eingewanderten Arten bereits 80 bis 100 Prozent der vorhandenen Individuen ausmachen", sagt Marten von der LUBW. "Man muss davon ausgehen, dass die neuen Arten nach und nach die großen Flüsse komplett erobern werden."

Der Kampf gegen die Invasoren sei extrem schwierig, da alle Maßnahmen immer auch die heimischen Arten treffen würden. Auch seien die Neueinwanderer robuster gegen bauliche Veränderungen an Gewässern. So würden heimische Arten durch Begradigungen von Flüssen und daraus folgende Eintönigkeit des Lebensraumes sowie permanente Bewegung der Gewässersohle deutlich mehr leiden als die eingeschleppten.

Vertreter der eingewanderten Arten trifft auch Naturschützer Frey auf seinen Untersuchungsspaziergängen häufig. Er warnt zudem noch vor einem anderen Problem, das seiner Ansicht nach heimische wie fremde Arten gleichermaßen betrifft: "In unsere Flüsse und Seen gelangen immer mehr künstliche Hormone wie die aus der Anti-Baby-Pille."

Künstliche Hormone im Abwasser

Übers Abwasser gelangen diese in die Umwelt, Wasserschnecken und Muscheln würden sie aufnehmen, wodurch es bei getrenntgeschlechtlichen Arten zu einer Verweiblichung der Männchen komme. Frey: "Diese Arten können sich dann nicht mehr vermehren, innerhalb von zwei bis drei Jahren ist eine Population ausgestorben."
Um einschätzen zu können, ob dieses biologisch denkbare Problem in Baden-Württemberg langfristig zu Veränderungen der Lebensgemeinschaft führt, benötigt die LUBW zusätzliche Daten - und das langfristig. Zwar wisse man, dass die Konzentration der Hormone in Gewässern sehr gering sei. Eine Wirkung könne aber nicht absolut ausgeschlossen werden, da die Langzeitstudie zu den Wirbellosen bisher nicht das Geschlechterverhältnis innerhalb einer Art erfasse, sagt Michael Marten.

Frey hofft, dass weitere Untersuchungen stattfinden und auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ein stärkeres Bewusstsein für die Bedürfnisse der Wasserschnecken und Muscheln entsteht.

"Schnecken und Muscheln sind Grundarten der Ökosysteme Fluss und See", betont er. "Wenn es ihnen schlecht geht, leiden Fische, Krebse und Wasservögel - ganz am Ende auch der Mensch."

Simon Leissler, dpa