Bamberg
Interview

Gustl Mollath: "Das Allerschlimmste ist die Ignoranz"

Weihnachten wird für Gustl Mollath heuer anders sein. Endlich - nachdem er sieben Jahre lang gegen seinen Willen in psychiatrischen Einrichtungen saß. Was der Nürnberger an Heiligabend plant und warum er niemals aufgegeben hat, erzählt er im Gespräch.
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Gustl Mollath neben dem Christbaum im Medienhaus in Bamberg. Foto: Barbara Herbst
Gustl Mollath neben dem Christbaum im Medienhaus in Bamberg. Foto: Barbara Herbst
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Hartz IV hat Gustl Mollath nicht beantragt. Im Gegenteil. Im neuen Jahr will Deutschlands bekanntester ehemaliger Psychiatriepatient seinen Lebensunterhalt nach eigenen Angaben so schnell wie möglich selbst verdienen. Ruhig und ausgeglichen sitzt er in den Räumen unserer Redaktion. Er erzählt ausführlich: von Missständen in der Gesellschaft, von Weihnachten in der Psychiatrie, und weshalb er sich nie einsam fühlt.

Herr Mollath, was machen Sie an Heiligabend?
Gustl Mollath: Vielleicht lege ich mich unter ein Auto und dann Stille Nacht.

Das meinen Sie nicht ernst.
Doch. Da habe ich dann richtig Ruhe, und darauf freue ich mich.
Denn der braucht das Reparieren.

Wer?
Ein kleiner Autobianchi A112 Abarth.

Ach, Sie wollen ein Auto reparieren?
Ja selbstverständlich.

Und ich dachte schon, Sie legen sich aus Verzweiflung auf die Straße und ...
Um Gottes willen. Da ist es ja viel zu kalt, selbst nach dem Klimawandel.

Der Oldtimer gehört Ihnen?
Nein. Ein guter Freund hat so ein Auto. Das steht seit Jahrzehnten traurig in der Ecke.

Heißt das, Sie verbringen den Heiligen Abend bei diesem Freund?
Ja, zumindest habe ich einen Zugang zur Garage. Erst ein wenig schrauben, und vielleicht gibt es eine Christmette nachts um 12. Ich weiß noch nicht, wie es abläuft.

Und das wird in Franken sein?
Nein, das ist weiter nördlich.

Gibt es einen Christbaum, Plätzchen? Singen Sie irgendetwas?
Ach, ich höre ganz gern Soulmusik. Da hatte ich schöne Platten, fraglich, wo diese geblieben sind. Es muss nicht unbedingt "O du Fröhliche" sein.
Sie klingen sehr gelöst. Ist bei Ihnen derzeit noch irgendein Gefühl der Einsamkeit da?
(überlegt) Einsamkeit können Sie am allermeisten unter vielen Menschen empfinden. Wenn man allein ist, und wenn man eine gewisse Erdung und Verbindung hat, vielleicht auch zum sogenannten Höheren, dann ist man im Prinzip nie einsam.

Glauben Sie an Gott?
Mit Sicherheit gibt es eine ganz große Macht, eine gute Macht.

Die Weihnachtsbotschaft hängt aber zuvorderst mit dem christlichen Glauben zusammen. Können Sie damit etwas anfangen?

Es gibt viele Religionskulturen, die ganz unabhängig voneinander auch viele Gemeinsamkeiten haben. Der wahre Kern, der ist ziemlich ähnlich, wenn nicht sogar gleich. Aber unsere Industriegesellschaft hat sich immer mehr von dieser wahren Kernbotschaft entfernt. Die krasse Lügenpackung kommt meistens an Weihnachten zutage. Es geht eigentlich nur noch ums Business. Das ist nicht die Botschaft.

Was ist die Botschaft?
Die wahre urchristliche Botschaft ist Liebe und Frieden, auf Erden und überall, und nicht nur einen Tag oder ein paar Stunden. Das sollten wir anstreben, das ganze Jahr.

Und was machen wir an Weihnachten?
Gerade an Weihnachten sollte man in sich gehen, sich auskuppeln aus der Hektik. Man muss nichts kaufen. Man kann keine Freunde kaufen. Wenn Sie jetzt durch die Fußgängerzone gehen, dann sehen Sie meistens gestresste Gesichter und ein hohes Aggressionspotenzial. Die Menschen leiden darunter. Sie sind Opfer und Täter zugleich.

Opfer ist ein gutes Stichwort. Sie haben die Welt von einer bestimmten, sehr extremen Seite kennen gelernt.
Es gibt eklatante Defizite in unserem Land, für Menschen mitunter einen regelrecht rechtsfreien Raum. Dass unsere Polizei, unsere Staatsanwaltschaften und Gerichte katastrophal sein können, das wissen wir seit 1945 leider andauernd. Ich fühle mich regelrecht geprügelt, auf die nachweisbaren Missstände in unserem Land hinweisen zu müssen. Dieses "normale" forensische Psychiatriesystem ist in weiten Teilen so etwas von katastrophal, das raubt mir auch nach Jahren immer noch den Atem. Dass das in der öffentlichen Wahrnehmung praktisch keine Rolle spielt, ist absolut skandalös. Ein systematisches flächendeckendes Desaster!

Welches von Menschen gemacht ist, die seit Jahrtausenden nicht anders miteinander umgehen?
Mir ist kein Naturvolk bekannt, das auf die Idee gekommen wäre, eine Psychiatrie einzurichten. Es hat Menschenfresser vielleicht gegeben, es hat Urvölker gegeben, aber nirgends ist bekannt, dass die auf die Idee kamen, irgendwelche Spinnerte irgendwo einzusperren. Bei Indianerstämmen etwa waren die im Verhalten Merkwürdigen regelrecht mit göttlichem Schutz versehen. Die durften ohne Weiteres im Stamm mit leben und wurden geschützt. Das hat funktioniert. Oder bleiben wir in der Gegend. In den fränkischen Dörfern gab es früher den Begriff Dorfdepp. Das war kein Problem. Man hat die Leute integriert, hat sich um sie gekümmert und ihnen einen Raum gegeben.

Sind Sie jemand, der früher in einem Naturvolk als seltsam gegolten hätte?
Wenn man mir etwas nachsagen kann, dann ist es, dass ich nicht so ohne Weiteres klein beigebe. Wir sind eine Gesellschaft, die immer wegschieben will. Wir schieben unsere Eltern weg in irgendwelche Altenheime, wir schauen weg, wenn es Misshandlungen gibt. Jetzt können Sie sich vorstellen: Wenn eine Gesellschaft mit ihren "qualifizierten" Mitarbeitern fähig ist, ordentliche Mütter, ordentliche Väter, nur, weil sie alt und hilfsbedürftig sind, so zu behandeln und misshandeln zu lassen. Wie ist man dann fähig bei angeblichen Straftätern. Das Allerschlimmste ist die Ignoranz der Bürger, die sich immer wieder einbilden: Damit habe ich doch nichts zu tun.

Sieben Jahre gegen Ihren Willen in der Psychiatrie. Haben Sie jemals daran gedacht aufzugeben?
So eine Frage stellt sich mir nicht. Ich wäre auch nicht ein Selbstmörder, das verbietet sich. Denn mit den Anforderungen, die an uns gestellt werden, sollten wir immer fertig werden. Und zwar stets korrekt. Das ist abendländisch-christliche Kultur.

Haben Sie in der Psychiatrie gebetet?

Wenn vermeintlich nichts mehr hilft, dann fängt so gut wie jeder irgendwann das Beten an. Auch ich habe das getan.

Wie läuft eigentlich in der Psychiatrie Weihnachten ab?
Ein paar Tage vor Heiligabend wird am Nachmittag die Stationsweihnachtsfeier zelebriert. Da ist sehr häufig und fast bei allen das sogenannte Stockholm-Syndrom vorherrschend.

Das kennt man bei den Opfern von Geiselnahmen.

Genau. Wenn Sie mit Ihrem Kerkermeister trotzdem eine familiäre Bindung aufbauen, weil Sie sonst nichts haben. Das ist in so einer Anstalt eigentlich auch nichts anderes als bei einer Geiselnahme. Wenn man sich mit solchen Leuten an eine Tisch setzen soll und Weihnachten spielen: Das ist die Krönung, der Gipfel der Verlogenheit!

Haben Sie mitgespielt?
Nein. Ich habe mich jedes Jahr zurückgezogen. Hingeprügelt wurde niemand, aber wer da nicht mitspielt, ist Staatsfeind Nummer eins. Wenn Sie miterleben müssen, dass Menschen panische Angst haben, hier nicht mehr rauszukommen, und deshalb alles tun, um dem Personal zu gefallen. Und dieses Personal weidet sich in seiner Macht. Da fällt Ihnen nichts mehr ein.

Ein schlimmes Weihnachtsfest.
Ich nehme Weihnachten zu ernst. Ein bisschen herumspielen wie es viele machen, sich für kurze Zeit mit Geschenken als Gutmensch zelebrieren, das brauche ich nicht.

Schenken Sie jemandem etwas?
Ich schenke fast jeden Tag jemandem etwas. Da brauche ich nicht einmal Weihnachten dazu.

Also ist der Heilige Abend ein Tag wie jeder andere?
In dieser Gesellschaft nicht. Da ist es eigentlich der schlimmste Tag des ganzen Jahres.

Welches Geschenk könnte Sie erfreuen?
Wenn Menschen, die an relevanten Positionen sitzen, mal nachdenken würden, was sie im Leben besser machen könnten.

Gegenstände scheinen Ihnen egal zu sein.
Materielles ist vergänglich. Eine gute Tat ist da schon besser.

Lassen wir Weihnachten mal beiseite. Schildern Sie kurz den Alltag in der Psychiatrie.
Es gab zum Beispiel einen "ausreichenden" Hofgang von 60 Schritten im L. Hohe Betonmauer, auf der anderen Seite Krankenhausfassade mit Hochsicherheitsfenstern und obendrüber dreifach Nato-Stacheldraht mit vielen Kameras. Und im April war es jedes Mal ein Erlebnis, wenn die Sonne wieder über den Giebel geguckt hat.

Eine Festung.
Man hat gelernt in Deutschland. Es gibt weiße Fassaden, teilweise gar keine Gitter, obwohl es für die Untergebrachten höchst nachteilig ist, dass man das mit Panzerglas regelt, damit Leute von außen nicht merken, dass das ein Hochsicherheitsgefängnis ist, wo dahinter folterähnliche Zustände vorkommen können. Wissen Sie, da fühlt sich der Bürger ruhiger.

Welchen Nachteil haben fehlende Gitter für die Insassen?
Im Hochsommer sind Sie fast am Verrecken, weil Sie kein Fenster öffnen dürfen. Relativ schnell ist so die Außentemperatur wie die Innentemperatur. Ich hatte Mitgefangene, die haben dann die Sauerstoffflasche bekommen. Aber da standen die kurz vor dem Zusammenbruch.

Wie hätte das alles für Sie enden können?
Die hätten mich bis zum Tod in diesen Anstalten verräumt, und kein Hahn hätte danach gekräht.

Aber Sie haben gekämpft.

Ich habe mir die Finger wund geschrieben. Ich habe zentnerweise Korrespondenz. Das Schwert war die Feder.

Zumindest durften Sie schreiben.
Selbst das hat man manchmal verhindert. Es gab in der U-Haft Zeiten, da habe ich nicht einmal ein Blatt Papier oder einen Bleistift bekommen.

Wie schaut Ihr Entwurf für die restliche Lebenszeit aus? Was machen Sie zum Beispiel in zehn Jahren?
Mit 67? Vielleicht schiebe ich dann einen Kinderwagen. Mein Problem ist nach wie vor ein schlechter Maskenbildner. Wenn ich in den Spiegel schaue, blickt mich ein alter Sack an, und ich denke mir: Warum verschwindet der nicht? Du bist ja erst 19. Das geht aber anderen noch viel schlimmer, die nominell nicht einmal halb so alt sind wie ich.

Mit 67 haben Sie dann Ihr eigenes Kind?
Das ist nicht ausgeschlossen. Viele andere geben da ein Beispiel.

Sie fühlen sich nicht zu alt, weil Sie dann ja 29 sind.
Ganz genau. Nichts ist unmöglich.

Bleiben Sie in Franken?

Ich habe nicht vor, mich aus meiner Geburtsstadt rausprügeln zu lassen.


Gustl Mollath - ein bodenständiger Franke

Kindheit
Gustl Mollath wird 1956 in Nürnberg geboren. Er wächst hier auf und geht auch hier zur Schule.

Ausbildung Er macht eine Lehre als Schlosser und studiert dann (nach eigenen Angaben) in Nürnberg Maschinenbau und in Rosenheim Wirtschaftsingenieurwesen.

Beruf Anfang der 1980er Jahre macht Mollath sich in Nürnberg selbstständig, handelt mit Autos, Motorrädern und Zubehör und repariert die Fahrzeuge (häufig Oldtimer) in seiner Werkstatt.

Lebenssituation Mollath ist geschieden, hat derzeit noch keine feste Wohnung und wohnt bei Freunden an wechselnden Standorten. Er hat keine direkten Verwandten, die Eltern sind seit Jahrzehnten tot und auch sein älterer Bruder lebt nicht mehr.

Mollath-Prozess
Mollath wird 2006 in einem Strafprozess wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen (Vorwurf: Er soll seine inzwischen von ihm geschiedene Frau körperlich misshandelt und Autoreifen zerstochen haben). Gutachter stufen ihn wegen seiner angeblichen Wahnvorstellungen als gemeingefährlich ein. Er hatte massiv Schwarzgeld-Geschäfte seiner damals bei der HypoVereinsbank beschäftigten Ehefrau gerügt. Daraufhin wird er in die Psychiatrie eingewiesen.

Wende Als 2012 ein älterer Revisionsbericht der HypoVereinsbank auftaucht, wendet sich der Fall. Der Bericht bestätigt einige der von Mollath behaupteten Schwarzgeld-Geschäfte des Bankinstituts. Nach sieben Jahren wird er Anfang August 2013 aus der Psychiatrie entlassen. Ein Wiederaufnahmeverfahren gegen ihn soll am 7. Juli 2014 beginnen.