Zwei Zahlen überraschen bei einem Gespräch mit dem Weinbroker Guido Gottwald in dessen privatem Weinkeller im oberpfälzischen Velburg. Die eine: 67 Prozent des in Deutschland verkauften Weins werden an den Kassen der fünf großen Discounter bezahlt. Die andere: Der Deutsche gibt im Durchschnitt nur 2,24 Euro für eine Flasche Wein aus. Sagt Gottwald, der es wissen muss.

Der Endvierziger, dem man seine Leidenschaft für Wein und gutes Essen durchaus ansehen kann, gilt heute als einer der großen Weinkenner im Land, wird oft gar als "bayerischer Weinpapst" bezeichnet.

Einstieg als Textilkaufmann

Wie kommt es, dass ein gebürtiger Oberpfälzer, der fernab eines jeden Rebstocks aufwuchs, sich zu einem solchen Weinexperten entwickeln konnte?

Gottwald schenkt einen Riesling aus der Pfalz ein und beginnt zu erzählen. Von seinem Vater, der mit Süßigkeiten handelte und dem zum Gefallen er in Erlangen eine Ausbildung zum Textilkaufmann absolvierte. Nachdem sich das Arbeiten in der Firma des Vaters als problematisch erwies - zwei Alphatierchen sind halt eines zu viel - machte sich Gottwald junior selbstständig. Er handelte allerdings nicht mehr mit Lollys und Marzipan, sondern mit Wein. Machte damit sein Hobby zum Beruf. Und machte Karriere.

Heute gehört er zu den ganz großen deutschen Weinbrokern. Verkauft jedes Jahr rund 25 Millionen Flaschen Wein, davon acht Millionen nach Südamerika. Wie das geht?

Die großen Discounter würden den benötigten Wein auf einer eigens für Broker eingerichteten Internetplattform ausschreiben. Würden zum Beispiel 500.000 Flaschen Soave-Wein benötigt, gibt Gottwald nach Rücksprache mit den Weingütern in Italien, mit denen er kooperiert, ein entsprechendes Angebot ab. Insgesamt gebe es ein knappes Dutzend Broker in dem Geschäft. Seine Gewinnspanne? Eher minimal, aber die Menge macht's. Derlei Weine würden dann meist ein Jahr lang im Sortiment geführt. Dann gelte es neu zu verhandeln.

An Weingütern beteiligt

Es geht aber auch anders. Ehe die neue Weinlese ansteht, sieht sich unser Weinexperte in den Weinkellern seiner Partner im Süden Europas um. Wo noch viel Wein im Keller lagert, kauft er ganze Restbestände zu Sonderkonditionen auf. Der Vorteil: Absolut hochwertige Weine können so preiswert an Discounter abgegeben werden, die sie wiederum vor großen Festtagen wie Weihnachten als spezielle Angebote an den Mann bringen.

"Da sind Spitzenweine dabei, die im Fachhandel natürlich teurer sind. Für den Discountvertrieb sind sie lediglich anders etikettiert", weiß Gottwald.

Und er bekennt: "Wein ist meine größte Leidenschaft." Weshalb er es auch längst nicht mehr bei seiner Tätigkeit als Broker belässt. Inzwischen ist er selbst an einigen Weingütern in Italien beteiligt. Auf die Frage wie denn das gehe, kommt die Antwort: "Ganz einfach." Es handelt sich um eine klassische Win-Win-Situation. Gottwald, der begnadete Verkäufer, garantiert den Weingütern den Absatz des Weins, er erhält dafür eine notariell beglaubigte Beteiligung am Weingut. Längst betreibt er zudem in Velburg seine eigene Vinothek, baut seinen Weinhandel übers Internet aus. Und er kreiert seine eigenen Weine.

Da sitzt er dann mit den Kellermeistern zusammen, um die verschiedenen Rebsorten mit Hilfe von Reagenzgläsern zu ordentlichen Cuvées zu mischen. Inzwischen betätigt er sich auch als Sommelier und als Restaurantkritiker, berät Weingüter weltweit. Und beliefert Bayerns Köche wie Eckart Witzigmann und Alfons Schuhbeck mit seinen Spitzengewächsen.

Im Jahr 2010 hielt er sich gerade bei Schuhbeck auf, als auch der damalige Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, vor Ort war. Als der von Gottwalds Weinen testete, bestellte er gleich diverse Flaschen für die Meisterschaftsfeier seiner Fußballer. Anekdoten wie diese kann der Oberpfälzer viele erzählen. Auf die Frage, ob er als Weinexperte bei einer Blindverkostung Lage und Jahrgang eines Weins erkennen könne, heißt es lapidar: "Alles Ammenmärchen". Wer eine Rebsorte zweifelsfrei zu erkennen in der Lage sei, gehöre schon zur Liga der Besten.
Und die Frankenweine? Da gebe es einige bemerkenswerte Produkte. Insbesondere im Silvaner- und Rieslingbereich. Es fallen Namen von Weingütern wie Sauer und Wirsching.

Dazu gebe es einige junge, wilde Winzer mit hochinteressanten Produkten. Die beim Ausbau den Wein im Holzfass nur leicht streicheln würden. Das schaffe Zugang zum Wein, ein Trinkfluss könne so entstehen. "Die jungen Leute wollen doch heute nicht nur ein Glas Wein trinken, sondern wenn, dann eine ganze Flasche", merkt Gottwald augenzwinkernd an. Zu guter letzt präsentiert er die größten Schätze in seinem Weinkeller. Rothschild-Weine etwa, die Flasche zwischen 10.000 und 40.000 Euro. Keine Wertanlagen seien das, bekennt er freimütig. Die Weine habe er - natürlich - günstiger erstanden. Aber: Der Wein - egal wie teuer - er ist zum Trinken da.


Pro-Kopf-Weinverbrauch

1. Vatikan 66,67 Liter
2. Norfolk Insel 57,44
3. Frankreich 53,22
4. Luxemburg 52,70
5.Andorra 51,78
6. Italien 50,06
7. Portugal 44,32
8.Slowenien 43,77
9. Falkland Insel 41,99
10. Kroatien 41,16
13. Schweiz 36,22
14. Ungarn 35,07
15. Spanien 32,92
16. Griechenland 32,75
17. Österreich 30,26
23. Belgien 25,29
24. Rumänien 25,11
27. Deutschland 24,14
28. Australien 22,70
29. Neuseeland 21,83
30. Niederlande 21,68

Quelle: Zahlen des kalifornischen Weininstituts, bezogen auf das Jahr 2008