London
Fototermin

Gündogan und Özil posieren mit Erdogan: Warum die Erklärung keine Entschuldigung ist

Die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil posierten zum Wochenstart neben dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Was dahinter steckt und welche Wirkung es erzeugt. Ein Überblick.
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Foto: Uncredited / pool Presdential Press Service / AP / dpa
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Nationalspieler im Kreuzfeuer: Ilkay Gündogan (27, Manchester City) und Mesut Özil (29, FC Arsenal) sorgten zuletzt für Wirbel in den deutschen Medien. Sie veröffentlichten Aufnahmen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Einen schlechteren Zeitpunkt für die Veröffentlichung ist kaum vorstellbar: Denn einen Tag später (Dienstag, 15. Mai 2018) wird der vorläufige WM-Kader der Deutschen Nationalmannschaft bekannt gegeben.


Was steckt dahinter?

Die Fußballprofis trafen sich mit dem türkischen Staatspräsidenten im Londoner Luxus-Hotel "Four Seasons" und posierten mit handsignierten Trikots ihrer Spitzen-Clubs aus der Premier League. Ex-Nürnberg-Profi Gündogan schrieb auf sein City-Trikot sogar: "Für meinen Präsidenten. Hochachtungsvoll"

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. DFB-Präsident Reinhard Grindel fand deutliche Worte für die Aktion: "Der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden. Deshalb ist es nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen. Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen."

Teammanager Oliver Bierhoff relativierte die Aussagekraft der Situation und kündigte ein Gespräch mit den beiden Mittelfeldstrategen an: "Die beiden waren sich der Symbolik und Bedeutung dieses Fotos nicht bewusst."

Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber twitterte passend dazu: "Alles, was in Sachen Integration schieflaufen kann, in einem Bild".

Gündogans Antwort folgte noch in den Abendstunden des Montags (14. Mai 2018):
"Bei aller berechtigten Kritik haben wir uns aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und unseren türkischen Wurzeln - auch als deutsche Staatsbürger - für die Geste der Höflichkeit entschieden. Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen. Als deutsche Nationalspieler bekennen wir uns zu den Werten des DFB und sind uns unserer Verantwortung bewusst. Fußball ist unser Leben und nicht die Politik."


Kommentar: Die Wirkung muss Fußball- und Medienprofis bewusst sein

In Zeiten, in denen sich Fußballer zu Redekünstlern entwickeln, die an Diplomatie und Schwammigkeit in ihrer Sprache Nichts vermissen lassen, ist es umso verwunderlicher, dass sich zwei gestandene Fußballprofis und Medien-Jongleure mit einem autoritären Staatspräsidenten ablichten lassen. Recep Tayyip Erdogan verkörpert Werte und Vorstellungen, die sich in dutzenden Fällen nicht mit Positionierungen des Deutschen Fußball-Bundes decken.

Gündogans Aussage, man hätte kein politisches Statement setzen wollen, verpufft bei der Ausschlachtung, die Erdogans AKP mit den Fotos betreibt - auf allen Kanälen. Das Ausmaß einer solchen PR-Aktion abschätzen zu können, zählt zu den Fähigkeiten, die ein gestandener Profi außerhalb des Fußballplatzes mitbringen muss. Punkt.

Bis vor wenigen Wochen saß beispielsweise der deutsche Journalist Deniz Yücel in türkischer Haft - ohne Anklage. Die Türkei hat zweifelsohne deutliche Züge eines autoritären Staates. Mit dieser Aktion verkörpern sie die Werte dieses Staates - auch wenn nur für einen kurzen Moment. Als Spieler des DFB repräsentieren sie diesen Fußballbund auch im Ausland. Somit ist dieser Fototermin völlig deplatziert.

Ein Ausrufezeichen hingegen setzte Nationalspieler Emre Can (24, FC Liverpool). Nach Informationen der "Welt" schlug der Ex-Leverkusener eine Einladung Erdogans aus. Seine Begründung: Er wolle sich nicht von Erdogan für politische Zwecke instrumentalisieren lassen.
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