Ein Großeinsatz von Feuerwehr und Bundeswehr hat die Giftgefahr beim Lebensmittelkonzern Kraft in Niedersachsen gebannt. Etwa 20 Stunden nach dem Chemieunfall in Bad Fallingbostel wurde am Dienstag der Katastrophenalarm aufgehoben. "Wir sind jetzt zuversichtlich, dass wir innerhalb der nächsten Stunden sichere Zustände erreichen", hatte Kreisbrandmeister Uwe Quante zuvor bei bei einer Pressekonferenz gesagt. "Sobald wir einen neutralen PH-Wert haben, ist alles sicher", fügte Quante hinzu.

Am Morgen war es in dem Tank mit Natronlauge, in den Mitarbeiter am Montag bei Reinigungsarbeiten versehentlich tausende Liter Salpetersäure geschüttet hatten, zu einer Reaktion im Gemisch gekommen - der Austritt einer zweiten Giftwolke hatte gedroht.

Bereits am Montag war bei einer Reaktion eine Wolke aus sogenannten Nitrose-Gasen aufgestiegen. Sie sind gefährlich für Atemwege und Haut. "Beim Einatmen dieser Nitrosen-Gase kann es im geringsten Fall zu einer Reizung der Atemwege kommen mit Husten, im schlimmsten Fall kommt es zu einem sogenannten toxischen Lungenödem", erklärte Notarzt Sven Wolf. Verletzt wurde bislang aber niemand.


Großeinsatz für alle Helfer


Am Abend zuvor: Rund 2000 Anwohner wohnen in dem Gebiet rund um das Werk - von der Evakuierung betroffen sind rund 1200. Die Umgebung ist in einem Radius von 500 Metern geräumt worden.

Nathalie Leno trägt ihre kleine Tochter behutsam auf dem Arm durch die riesige Veranstaltungshalle. Das 15 Monate alte Mädchen bekommt Zähne und hat Fieber. Die Mutter hat die ganze Nacht nicht geschlafen, sie hofft, dass die Sperrung der Stadt nach dem Chemieunfall im Kraft-Lebensmittelwerk bald aufgehoben wird. "Da ist man erstmal ein bisschen baff, man weiß nicht, was auf einen zukommt", sagt Leno zur Situation in der Heidmarkhalle, in der sie mit etwa 300 Menschen auf Entwarnung wartet. Sie lobt die Helfer und Offiziellen: "Die reden nichts schön, da kommt kein Unmut auf."

Feldbetten, Sanitätsstation, Getränke- und Essenausgabe - freiwillige Helfer von Feuerwehr und Rotem Kreuz (DRK) haben aus der Halle rasch eine funktionierende Notunterkunft gemacht. Am Mittag erscheint Einsatzleiter Jan Bauer inmitten ballspielender Kinder und kündigt an, dass draußen jetzt eine Hüpfburg aufgebaut werde.
Deo und andere Drogerieartikel seien auf dem Weg, auch Wäsche und Bekleidung - schließlich konnten die meisten Menschen kaum etwas mitnehmen. Manche Dinge habe das DRK nicht auf Lager, das müsse dann in den umliegenden Geschäften besorgt werden, sagt der 31 Jahre alte Mann vom Kreisverband Harburg. Auch Spenden gebe es. Gerade habe ein Bäckerei eine ganze Ladung Brötchen angeliefert.


Zahnbürsten vergriffen


Von Windeln für Babys bis Hundenahrung reicht die Palette der Dinge, mit denen die Wartenden versorgt werden. Nur Zahnbürsten sind im Moment vergriffen. "Wir haben mehr als 400 Zahnbürsten verteilt", wundert sich ein junger DRK-Mitarbeiter. Eigentlich hätten die für alle reichen müssen. Mitten in der Nacht seien sie geweckt worden und hätten sich auf den Weg gemacht, erzählt die DRK-Freiwillige Janina Leuschnert und bereitet die Ausgabe des Mittagessens vor.

Die 71 Jahre alte Irena Dörntge sitzt müde neben ihrem Mann an einem Tisch. "Wir haben nicht geschlafen", sagt sie. Zu laut und unruhig. Dennoch kein Wort der Kritik. Im Gegenteil, die Helfer seien sehr bemüht: Ihr zuckerkranker Mann habe Insulin bekommen, sie seien mit allem versorgt. "Die Ärzte tun ihr Möglichstes." Nur nach Hause sollte es bald wieder gehen, wünscht das Rentnerehepaar.


Aufatmen am Dienstagnachmittag


Sie wohnen direkt neben der Fabrik. "Vom Balkon aus kann ich die Tanks sehen", sagt Dörntge. Am Abend habe es doch einige Verwirrung wegen der Evakuierung der Stadt gegeben. Erst hätten sie die Durchsagen nicht gehört und seien später auf die Straße gegangen. Dort habe man ihnen gesagt, sie müssten sofort in einen Bus einsteigen. "Wir wussten nicht, worum es eigentlich ging."

Weil das Radio in der Halle läuft und auch Landrat Manfred Ostermann (parteilos) zu den Wartenden gesprochen hat, wissen alle inzwischen, dass Natronlauge und Salpetersäure irrtümlich in einem Tank der Mirácoli-Fabrik zusammengeschüttet worden waren und sich daraus eine giftige Wolke gebildet hatte.

Am Dienstagnachmittag dann Aufatmen. Die Menschen können nach Stunden des Wartens endlich in ihre Häuser zurück. In Windeseile bauen die Helfer die Notunterkünfte ab, legen Decken zusammen und verpacken die übrig gebliebenen Lebensmittel. Es blieb bei einer Nacht auf dem Feldbett.