Religiöse Konflikte in einem überbelegten Flüchtlingsheim im thüringischen Suhl haben Ausschreitungen mit mindestens 17 Verletzten ausgelöst. Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) sprach am Donnerstag von versuchter Lynchjustiz, nachdem ein 25-Jähriger mehrere Seiten aus dem Koran gerissen und demonstrativ in eine Toilette geworfen haben soll. Verletzt wurden laut Innenministerium auch sechs Polizisten.


120 Polizisten im Einsatz

120 Polizisten sowie Sanitäter und Feuerwehrleute waren im Einsatz, um den Gewaltausbruch, bei dem Eisenstangen, Steine, Betonklötze und Möbel flogen, unter Kontrolle zu bringen. Mehrere Polizeiautos sowie Einrichtungen des Heims wurden stark beschädigt. Eskaliert war die Situation am Mittwochabend, tags darauf beruhigte sich die Lage dann wieder. In der Erstaufnahmeeinrichtung sind statt der maximal vorgesehenen 1200 derzeit 1800 Flüchtlinge untergebracht.
Laut Lauinger wurde der aus Afghanistan stammende Heimbewohner von anderen Flüchtlingen angegriffen, darunter waren mehrere Syrer. Er konnte sich den Angaben zufolge in ein Büro des Wachdienstes retten, das zeitweise von bis zu 100 Gewalttätern belagert wurde. Zu seinem eigenen Schutz wurde er in Gewahrsam genommen. Die Polizei ermittelt nun wegen Körperverletzung und Landfriedensbruchs gegen Unbekannt.


Ramelow spricht sich für getrennte Flüchtlingsunterkünfte aus

Bei dem Gewaltausbruch sei "eine rote Linie massiv überschritten worden", sagte der Migrationsminister. Das müsse Konsequenzen haben. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach sich bei MDR Info für getrennte Flüchtlingsunterkünfte für verschiedene Ethnien aus, um ähnliche Eskalationen zu verhindern. Zur Entschärfung der Situation seien in den vergangenen Tagen bereits Flüchtlinge in drei Ausweichquartieren untergebracht worden.

Im Gegensatz zu Kommunalpolitikern und Vertretern des Flüchtlingsrates sieht Lauinger die Ursache für die Krawalle aber nicht in der Überbelegung des Heimes: Letztlich habe bloß die Handlung einer Person zu dem Aufruhr geführt. Zur Religion des Mannes aus Afghanistan machte der Minister keine Angaben.

Suhls Oberbürgermeister Jens Triebel (parteilos) nannte die Überbelegung der Erstaufnahmeeinrichtung verantwortungslos. Die Ausschreitungen hätten gezeigt, wie schnell die Situation in dem aus mehreren Wohnblocks bestehenden Heim eskalieren könne. Es sei auch inakzeptabel, dass Flüchtlinge bis zu zwei Stunden an der Essensausgabe anstehen müssten. Als unerträglich empfinde er zudem, dass rechte Gruppierungen schon jetzt mit einem Demonstrationsaufruf versuchten, die Vorfälle in dem Heim zu instrumentalisieren.



Kriminologe warnt vor weiteren Konflikten

Der hannoversche Kriminologe Dirk Baier warnt derweil vor weiteren Konflikten. "In den Einrichtungen treffen viele mögliche Auslöser aufeinander, da muss man sich nicht wundern, dass es zu gewalttätigen Konflikten kommt", sagte der stellvertretende Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen dem Evangelischen Pressedienst. Bisher sei vergleichsweise wenig passiert, aber die Anzeichen für weitere Vorfälle mehrten sich.

Um derartige Konflikte zu vermeiden, müsse stärker darauf geachtet werden, verfeindete Ethnien und Gruppen getrennt voneinander unterzubringen, forderte Baier. "Unterschiedliche kulturelle oder religiöse Auffassungen können, wie in Suhl, schnell zu Auslösern für gewalttätige Konflikte werden." Auch Langeweile könne das Gewaltpotenzial der Menschen steigern. "In den Einrichtungen herrscht ein großes Maß an Nichtstun."

Grund für ein erhöhtes Risiko von Gewalt und Aggression sei zudem, dass zwei Drittel der Bewohner männlich seien, sagte Baier. Weitere Auslöser seien etwa die beengten Wohnverhältnisse oder auch die Hitze der vergangenen Wochen. Um Ausschreitungen zu verhindern, müsse die Polizei zum einen in den Einrichtungen "Flagge zeigen". Zudem müssten die Flüchtlinge schneller auf die Kommunen verteilt werden, wo sie längerfristig bleiben könnten.

Dass es bisher bundesweit relativ wenige Vorfälle gegeben habe, liege vermutlich an dem Wunsch der Flüchtlinge, sich anzupassen. "Viele sind zunächst froh, in Deutschland und in Sicherheit zu sein und wollen daher nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen", sagte der Kriminologe. Nach einer gewissen Zeit steige bei den Menschen aber die Unzufriedenheit. Manche fühlten sich dann gegenüber der deutschen Gesellschaft benachteiligt und stellten mehr Ansprüche.

dpa/epd