Karl Stiefenhofer graust es selten. Aber bei einer Sache stellt es dem Westallgäuer die Nackenhaare auf: Wenn jemand das Gespräch mit "Hallo", "Hi" oder "Moin" beginnt. In Stiefenhofers Heimatregion sagt man nämlich "Grüß Gott". Um die traditionelle Allgäuer Kultur des Grüßens zu bewahren, hat der 67-Jährige aus Eglofs (Kreis Ravensburg) den nach eigenen Angaben ersten Grüß-Gott-Verein Deutschlands gegründet.

Für das Miteinander der knapp 500 Mitglieder gibt es nur eine Regel: Wer die Stube des örtlichen Musikmuseums beim monatlichen Treffen betritt, hebt den Hut oder die Hand und sagt "Grüß Gott". Wahlweise geht auch "Griaß di" oder "Griaß eich mitanand". Fertig. Strafen für Falschgrüßer gibt es aber nicht, auch die Mitgliedschaft im Verein ist kostenlos. "Wir wollen den Aufwand so gering wie möglich halten", sagt Stiefenhofer, der ein ehrgeiziges Vereinsziel verfolgt: In vier Jahren will er 10.000 Mitglieder werben. Zum Vergleich: Eglofs zählt derzeit rund 1600 Einwohner.


Trend geht zur Mundart

"Sportlich, aber machbar", sagt der Vorsitzende des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte in München, Horst Münzinger. Er stellt eine starke Hinwendung und Neugier zu Themen wie Heimat, Tradition, Mundart und Identität fest. "Weg vom Einheitsmenschen und zurück zum Kulturwesen Mensch, der weiß, wo er hingehört."
Diese Idee will auch Stiefenhofer möglichst weit in die Welt hinaustragen. "Im Idealfall gibt es irgendwann einmal Sektionen", sagt der Kaufmann. Überall sollen Grüß-Gott-Stammtische entstehen. "So möchten wir den Trend zum bedeutungslosen "Hallo" stoppen." Ein schöner Nebeneffekt sei, dass ein Gespräch, das mit "Grüß Gott" beginne, meist im Dialekt weitergeführt werde.

Was viele nicht wissen: Der fromme Wunsch bedeutet nicht, dass der Herr gegrüßt werden soll. "Es heißt mehr "Gott schütze dich auf Deinen Wegen" oder "segne dich". Also ein wohl gemeinter Wunsch, auch für Menschen ohne religiöse Ambitionen", sagt Münzinger. Die meisten Leute glaubten auch, dass der Gruß so alt sei, wie die katholische Kirche selbst. Münzinger ist da anderer Meinung: "Der Ursprung liegt vermutlich in der Missionsarbeit iro-schottischer Mönche im Mittelalter."

Dialektforscher Werner König von der Universität Augsburg betont, dass in Süddeutschland erst im 19. Jahrhundert die geistliche Obrigkeit den Gruß für Standespersonen anordnete. "Früher hat man auch im Allgäu je nach Tageszeit gegrüßt: Also "guata Morga", "guata Taag", "guatan Obat"." Für einen Sprachatlas trug König auf einer Übersichtskarte Regionen ein, die sich nach dem normalen Gruß beim Betreten eines Geschäfts unterscheiden.


Verein breitet sich bis nach Franken aus

Während demnach in Süddeutschland, Teilen von Österreich und der Schweiz das "Grüß Gott" zu hören ist, sagen sonst fast überall in Deutschland die Menschen "Guten Tag". Ganz im Norden hört man "Moin", tiefer in der Schweiz heißt es "Gruezi" und in einem Dorf in den Alpen immer noch "Guata Nachmittag". "Das war auch für das Allgäu lange Zeit normal", erklärt König. Die Idee des Grüß-Gott-Vereins gefällt ihm dennoch: "Die Leute haben Spaß daran, das freut mich."

Und die Begeisterung zieht Kreise: Sogar Mitglieder aus Südtirol und Nürnberg kann der Verein bereits verzeichnen. Auffällig ist, dass sich viele junge Menschen der Bewegung anschließen: "Wenn ich in der Schule vom Grüß-Gott-Verein erzähle, werde ich zuerst schon belächelt", sagt der 17-jährige Luca Deiss aus Eglofs. "Aber dann finden es doch alle gut."

Stiefenhofer meint: "Das Heimatwissen braucht nicht die Alten, sondern die Jungen." Und um diese Generation anzulocken, schafft er immer wieder gesellige Gelegenheiten: "In Zukunft wollen wir den Grüß-Gott-Tag mit einem Festakt feiern", erzählt er vom selbst erfundenen Feiertag an Peter und Paul. Außerdem plant er Fachvorträge mit Mundartspezialisten, um die Begeisterung weiter zu schüren.