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Berlin
Sexismus-Debatte

Frühstück bei Brüderle

Bei der Wiederbegegnung von Rainer Brüderle und der "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich herrscht das große Schweigen. Sonst aber redet und twittert die Republik sich das Hirn wund.
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FDP-Fraktionsvorsitzender Rainer Brüderle kommt am 30.01.2013 in Berlin zu einem Pressefrühstück der FDP-Fraktion. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
FDP-Fraktionsvorsitzender Rainer Brüderle kommt am 30.01.2013 in Berlin zu einem Pressefrühstück der FDP-Fraktion. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Geht es eigentlich noch um Rainer Brüderle? Nein. Es geht um Augenhöhe und um Machtspiele, um Herrenwitz-Reißer und um Alpha-Mädchen, es geht darum, dass auch Männer andere Männer manchmal zum Kotzen finden.

Das - und noch unendlich viel mehr - wird seit knapp einer Woche gesagt und geschrieben und gesendet, in den anspruchsvollsten Zeitungen der Republik genauso wie im Tweet-Instant-Format. Es ist von Frauen zu lesen, die ihre Männer krankenhausreif foltern, und von der Hoffnung, dass alte Schwerenöter Stress kriegen mit der zürnenden Gattin. Und nicht immer ist an dem, was da gedacht und gemeint wird und wie, gleich zu erkennen, ob man in einen Shit-Storm schaut - oder in die "Süddeutsche".Trotzdem steht Rainer Brüderle ja am Anfang der Geschichte. Und mit ihm die "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich. Sie, 29, hat über ihn, 67, geschrieben, dass er ihr auf den Busen gestarrt hat in einer Bar, vor gut einem Jahr, bei einem eigentlich beruflichen Aufeinandertreffen.

Kein Kommentar

Seitdem steht Rainer Brüderle im Verdacht, ein Sexist zu sein, und Laura Himmelreich im Ruf einer Aufklärerin. Wie beide das selbst sehen, ist unbekannt. Laura Himmelreich hat nur kurz zu Protokoll gegeben, beim "Deutschlandfunk", sie habe Rainer Brüderle schildern wollen als Mann der Vergangenheit. Seitdem schweigt sie. Rainer Brüderle selbst hat die Geschichte mit keinem Wort kommentiert.

Der "Stern" erscheint, dann vergeht ein Wochenende, in den Talk-Shows wird eine Sexismus-Debatte geschürt, dann beginnt in Berlin eine sogenannte Parlamentswoche. Immer, wenn die Abgeordneten tagen, lädt Rainer Brüderle Mittwoch spätvormittags ausgewählte Korrespondenten zum Frühstück. Es gibt belegte Brote, Kaffee, Wasser, Saft - und dazu ein Gespräch über die politischen Aktualitäten. Üblicherweise geht es dabei heiter zu und etwas launig; so eben wie Rainer Brüderle sich gibt. Vielleicht ist er auch so.

Dieses Mal aber steht bis Mittwochmorgen nicht fest, ob Rainer Brüderle frühstücken will. Denn lädt er ein - wird auch Laura Himmelreich gebeten. Und, der "Stern" kündigt es schon online an: Sie wird teilnehmen. Es klingt nach Showdown. Es klingt, also ob Rainer Brüderle gestellt werden soll.

Bis hinauf in die Spitze weiß die FDP: Für Rainer Brüderle gibt es jetzt nichts zu gewinnen. Überhaupt nichts. Sagt er ab - wird er als feige dastehen, zum zweiten Mal in zehn Tagen. Lädt er ein und schweigt weiter, auch - und außerdem könnte das Frühstück zur High-Noon-Kopie geraten.

Acht vor halb acht rauschen die Einladungs-Mails in die Redaktionen. Viertel nach zehn, eine halbe Stunde vor Frühstücksbeginn, sind statt der üblichen 25 schon 40 da, am Ende knapp 75, dazu fünf Fotografen, vier Kamerateams. Was dann passiert, ist - nichts. Rainer Brüderle schweigt; das hat er vorher gesagt. Das sagt er auch jetzt. "No comment." Laura Himmelreich, begleitet von mehreren "Stern"-Kollegen, sitzt sehr weit vorne, sehr nah an der Wand, und auch sie schweigt. Es ist kein Showdown. Allenfalls eine Show.

Da muss er durch

Da müsse der Rainer jetzt durch, sagen die Liberalen. Was sie nicht sagen, aber wissen: Das Etikett "lüsterner alter Mann" wird an Rainer Brüderle den ganzen Wahlkampf hindurch so fest kleben wie "gieriger Snob" an Peer Steinbrück. Auch wenn die Sexismus-Debatte mit ihm schon nichts mehr zu tun hat. Auch wenn er mit seinen Bar-Sprüchen nur ein Auslöser war.

Aber auch Laura Himmelreich bestimmt den Diskurs kein bisschen. Längst schreibt nicht mehr sie, sondern ihre Chefredakteure tun kund, was sie dachte und wollte. Ein Kölner Medienjurist schilt sie öffentlich "schwatzhaft" und höhnt: "Die Dame überschätzt ihre eigene Bedeutung." Im "Deutschlandradio" aber preist eine Politologin Laura Himmelreich als "Sensation", als Enthüllerin der "Interna der Macht-Mechanik". Beim Frühstück sitzt eine verunsicherte junge Frau.

Zum Frühstück erscheint ein betont ernster Rainer Brüderle, der geradewegs seinem Platz zustrebt. Sonst begrüßt er seine Gäste mit Handschlag. Jeden. Man kann auch das altmodisch finden. Oder noch schlimmer. Wenn man es will.

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