Bamberg
Interview

Tumulte und Massenschlägereien in Freibädern: Warum rasten die Menschen so aus?

Früher wurde in Bierzelten und Fußballstadien randaliert, heute werden Entgleisungen zunehmend auch aus Schwimmbädern vermeldet. Woran liegt das?
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Die Konsequenzen aus   wiederholten Tumulten im Düsseldorfer Rheinbad: Der Einsatz von  Security,   Videoüberwachung, Unterstützung durch das Ordnungsamt und Ausweispflicht Foto: David Young/dpa
Die Konsequenzen aus wiederholten Tumulten im Düsseldorfer Rheinbad: Der Einsatz von Security, Videoüberwachung, Unterstützung durch das Ordnungsamt und Ausweispflicht Foto: David Young/dpa

Die wiederholten Zwischenfälle in einem Düsseldorfer und die Massenschlägerei in einem Münchner Freibad sorgten deutschlandweit für Schlagzeilen. Da stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wie sicher die Schwimmbäder in Franken sind.

Warum rasten die Menschen gerade in Freibädern aus? Für eine Antwort blickt Claus-Christian Carbon, Professor für Psychologie an der Universität Bamberg, hinter die Fassade unserer Gesellschaft.

Was könnte der Grund dafür sein, dass neuerdings verstärkt in Schwimmbädern randaliert wird?

Claus-Christian Carbon: Zunächst möchte ich feststellen: Das Phänomen der Gewalt tritt eher generell auf. Aber die Bedingungen in Schwimmbädern sind besonders geeignet, es auch wirkungsvoll in Szene zu setzen. Dass sich zuletzt Zwischenfälle häufen, kann zwei Ursachen haben. Entweder es handelt sich um eine Verlagerung von Phänomenen oder es hat sich tatsächlich etwas fundamental verändert in unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie mit Verlagerung?

Dass so etwas früher eher in Bierzelten oder Fußballstadien passierte, jetzt aber nicht mehr dort, sondern eben in Schwimmbädern ausgelebt wird. Tatsächlich sind die Massenschlägereien an anderen Stellen weniger geworden. Man hat dafür auch hart gearbeitet, indem man Rassismus, Trunkenheit und Randalen eine Abfuhr erteilt und gleichzeitig Unterstützungsprojekte von Vereinen ins Leben gerufen hat. Dennoch: In Bädern treten die Probleme in anderer Gestalt auf, es scheint also tatsächlich eher etwas zu sein, was mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun hat.

Sind wir zu egoistisch geworden?

Die Fokussierung auf das eigene Vorankommen, den eigenen Erfolg und gleichzeitig die Verabschiedung aus sozialen Geflechten sorgt dafür, dass das eigene Selbst vorangestellt wird. Es wird nicht an andere gedacht. Beispiel Pommesbude im Schwimmbad: Wenn ich meine, ich selbst müsse schnell bedient werden, so werde ich viel früher ungehalten, dass eine Bedienung eine Schlange vor dem Kiosk vermeintlich zu langsam abarbeitet.

Würden also Konflikte erst gar nicht entstehen, wenn man sich selbst zurücknehmen würde?

Hilfreich wäre es, eine breiter angelegte Perspektive einzunehmen, in der auch die anderen eingebunden sind. Was kostet es uns, vielleicht sogar einmal jemanden vorzulassen, eine Tür aufzuhalten oder Danke zu sagen? Im Endeffekt nichts, aber wir ernten zumeist ein Lächeln, einen Moment der Freude und Souveränität, denn wir bestimmen selbst, was wir tun, und lassen uns nicht von äußeren Faktoren fremdsteuern.

Im Alltag scheint das oft schwierig zu sein. Jeder von uns stößt hier an seine Grenzen, zumal ja auch das Gegenüber oft bereits aggressiv ist.

Das stimmt. Aber Eskalation, also das Antworten mit eigener Aggression, führt zu zwei negativen Effekten. Erstens fühle ich mich selbst danach schlecht und aufgebracht und trage vermutlich diesen Unmut mit nach Hause. Zweitens schaukelt sich der ganze Konflikt auf, gerät unter Umständen außer Kontrolle. Wiederum verliert man Souveränität.

Kann man dieses Schema irgendwie durchbrechen?

Man kann paradox intervenieren und mit einer unerwarteten Reaktion kontern. Man bleibt ruhig, beschreibt, wie schön der Tag heute ist und dass man froh ist, gleich ein Eis essen zu können. Wo keine Angriffsfläche, da keine Kraft.

Wo sind die Grenzen der Höflichkeit und Geduld?

Es gibt natürlich Grenzen: Straftaten und die Vorbereitung von Straftaten. Aber dafür sind andere Institutionen zuständig. Erst einmal versucht man die Angriffsfläche zu verringern, im Notfall schaltet man die Zuständigen ein: Im Schwimmbad die Bademeister und Sicherheitskräfte, Polizei, Autorisierte eben. Wir müssen auch schauen, wie man die Energie, die zu Aggression wächst, besser in positive Energie überführen.

Wie meinen Sie das?

Will der, der sich körperlich beweisen will, unter Umständen einfach seine Stärke zeigen? Stärke kann man positiv nutzen, indem man sie konstruktiv nutzt. Vielleicht zeigt sich hier gerade ein neuer Rettungsschwimmer, vielleicht ein Gärtner oder ein Model für Rasierschaum? Wir benötigen kreative Antworten und nicht plumpe Gegengewalt, Hass und unreflektierte Ablehnung, selbst wenn das schwer fällt.

Wie kann unsere Gesellschaft wieder besser werden?

Wir müssen in allen Bereichen der Gesellschaft weg vom ,Ich' wieder zurück zum ,Wir'. Und das ,Wir' ist etwas Integratives, nichts Ausgrenzendes. Es ist souverän, es verteidigt vehement wichtige Grundwerte wie Menschlichkeit und Miteinander. Wenn wir Obacht geben, dass es unseren Nachbarn gut geht, werden wir selbst davon am meisten profitieren.

Das Gespräch führte Irmtraud Fenn-Nebel.