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Diebstahlserie

Franken entpuppt sich als Hotspot für Autodiebe: Zahlreiche BMWs geklaut

Seit Ende September wurden in Oberfranken neun teure BMW gestohlen. Die Täter nutzen die Verkehrsanbindung zum osteuropäischen Raum. Das Besondere: Alle Autos waren mit einem schlüssellosen System ausgestattet.
 
BMW X5
In Franken werden zurzeit zahlreiche BMWs mit "Keyless-Go-System" geklaut. Foto: Pieter Benjamin Nijs / unsplash

Sie waren teuer, sie gehörten Menschen in Oberfranken und sie waren allesamt schlüssellos bedienbar: In den vergangenen vier Wochen wurden neun hochwertige BMW mit einem Gesamtwert im mittleren sechsstelligen Eurobereich gestohlen. Warum häufen sich Diebstähle von so genannten "Keyless"-Autos in der dunklen Jahreszeit und wie wurde Oberfranken zum Hotspot für die Kriminellen?

Seit Ende September sind die Fahrzeugdiebe in der Region auffallend aktiv. Die bisherige Bilanz: Am zurückliegenden Wochenende wurde ein hochwertiger BMW im Neudrossenfelder Gemeindeteil Muckenreuth (Landkreis Kulmbach) entwendet. Zwei Modelle derselben Firma wurden am vergangenen Freitag (16. Oktober 2020) im Litzendorfer Ortsteil Schammelsdorf (Landkreis Bamberg) gestohlen, in der Woche zuvor verschwand ein BMW aus dem Carport eines Wohnanwesens in Neunkirchen am Brand (Landkreis Forchheim) und am Mittwoch (21. Oktober 2020) in Himmelkron.

Nur ein Diebstahl aufgeklärt: Restliche Autos spurlos verschwunden

Der Diebstahl in Neuenkirchen am Brand konnte bisher als einziger und durch einen Zufall aufgeklärt werden: Die Fahrt mit dem gestohlenen Auto endete nach einer Flucht vor einer Polizeikontrolle nur kurze Zeit später im Nachbarlandkreis Erlangen-Höchstadt.

In allen anderen Fällen laufen die Ermittlungen noch, so auch bei den zwei Anfang Oktober gestohlenen BMW in Gundelsheim und Memmelsdorf (Landkreis Bamberg) sowie in Pegnitz (Landkreis Bayreuth) und den bereits Ende September in der Stadt Bayreuth entwendeten Fahrzeugen.

Alle Autos sind mit einer schlüssellosen Öffnungs- und Starttechnik ausgestattet (Keyless-Go). Diese Technik entriegelt das Fahrzeug ohne aktive Nutzung des Autoschlüssels und durch das bloße Betätigen eines Startknopfs. Die Verbindung zwischen Schlüssel und Fahrzeug erfolgt hier per Funk. " Meist legen die Besitzer nach dem Abstellen des Fahrzeugs ihren Schlüssel im Eingangsbereich des Hauses oder der Wohnung in geringer Entfernung zum Auto ab", sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. "Die Funkschlüssel korrespondieren dabei aufgrund der kurzen Entfernung immer wieder mit dem Fahrzeug."

Sicherheitslücke Funkschlüssel: Signal kann abgefangen werden

Da der Öffner ununterbrochen Signale abgibt, liegt eine Sicherheitslücke vor, die Kriminelle ausnutzen. Sie verschaffen sich Zugriff auf die Funkverbindung zwischen Fahrzeug und Schlüssel. Mittels Verstärker wird die Reichweite des Funksignals erhöht und dem Fahrzeug vermittelt, der Schlüssel befände sich in der Nähe. Diebe können so das Fahrzeug öffnen, starten und damit wegfahren. Die Wegfahrsperre wird durch die Manipulation ebenfalls außer Kraft gesetzt.

Die Fahrzeuge werden nach Auskunft der Polizei meist noch in der Nacht des Diebstahls außer Landes gebracht. Bis die Fahrzeugbesitzer den Diebstahl bemerken, befinden sich die Fahrzeuge schon außerhalb der deutschen Staatsgrenze.

Dass gerade in Oberfranken auffällig viele Keyless-Autos verschwinden, hängt laut Polizei mit der guten Verkehrsanbindung in den osteuropäischen Raum zusammen. "Dorthin werden die Autos eigentlich immer gebracht", sagt der Sprecher des Polizeipräsidiums. "Sowohl über die A 73 als auch über die A 9 sind die Täter schneller weg."

Diebstähle in Oberfranken: Nähe zu Osteuropa

Nach Erkenntnis der Polizei ließen sich die Diebstähle der teuren Autos größtenteils verhindern, wenn die Besitzer ein paar einfache Regeln beachten würden (siehe Infobox). Dazu gehört es - neben dem Parken in einer vorhandenen Garage - vor allem, den Zugriff per Funk zu unterbinden. Das geht mit Alufolie, besser aber mit speziellen Behältnissen. Der oberfränkische Polizeisprecher hat wenig Verständnis dafür, "wenn sich jemand ein Fahrzeug im Wert von 70 000 Euro kauft und dann nicht 50 Euro für ein entsprechend abgeschirmtes Behältnis ausgibt." Die Häufung der Diebstahle in Oberfranken steht im Gegensatz zur allgemeinen Statistik. Laut einem Report des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für das Jahr 2019 gehört Bayern neben Baden-Württemberg, Rheinland Pfalz und dem Saarland zu den sichersten Bundesländern für Autobesitzer. Statistisch kommen in Bayern auf 1000 kaskoversicherte Autos nur 0,1 Diebstähle, im Bundesdurchschnitt liegt die Quote bei 0,4. Besonders hoch im Kurs standen 2019 bei Autodieben SUVs. Bei den Marken liegt VW vor Audi und BMW.

Dass Keyless-Autos (und Motorräder) meist deutlich leichter zu stehlen sind als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel zeigt eine Untersuchung des ADAC (September 2020) an über 380 Modellen. "Mit einer selbst gebauten Funk-Verlängerung konnten fast alle bisher untersuchten, mit Keyless ausgestatteten Autos und Motorräder sekundenschnell entsperrt und weggefahren werden", sagt eine Sprecherin des ADAC Nordbayern. "Das hinterließ keine sichtbaren Spuren."

Das Problem fehlender Spuren lässt dem ADAC zufolge schnell den Verdacht entstehen, der Besitzer habe den Diebstahl nur vorgetäuscht, um Versicherungsbetrug zu begehen. "Der ADAC fordert die Auto- und Motorradhersteller daher auf, die gesamte Fahrzeugelektronik systematisch so abzusichern, wie dies in anderen IT-Bereichen längst Standard und idealerweise neutral zertifiziert ist", sagt die Sprecherin. Wenn der Funkschlüssel geknackt oder das System von Autodieben überwunden wurde, zahlt die Kaskoversicherung. Wurde der Wagen gestohlen, wird der Schaden von der Kfz-Teilkaskoversicherung (diese ist automatisch in der Vollkasko inbegriffen) ersetzt. Für die Leistung der Versicherung macht es grundsätzlich keinen Unterschied, wie schnell oder einfach ein Auto aufgebrochen wurde.

Tipps der Polizei: So schützen Sie sich vor Diebstahl

Um das schlüssellose Verriegelungssystem auszutricksen, arbeiten die Diebe meistens zu zweit. Mit einem Aktenkoffer oder einer Laptoptasche mit verbauter Antenne oder einem Tablet- oder Router-ähnlichen Geräte positioniert sich der eine vor dem Haus und fängt das Signal vom Funkschlüssel ab. Über einen Funkstreckenverlängerer leitet er die Daten an den Mittäter weiter (bis zu 400 Meter möglich). Dieser steht beim Fahrzeug und täuscht über das Signal des Komplizen dem Zugangssystem vor, dass der Schlüssel in der Nähe ist. Das Auto wird entriegelt, der Dieb muss nur noch einsteigen und davonfahren.

Die oberfränkische Polizei hat drei Tipps gegen den Diebstahl von Keyless-Fahrzeugen zusammengestellt. "Wenn sich jeder daran halten würde, gäbe es diese Diebstähle nicht", sagt ein Polizei-Sprecher. Die Täter könnten dann die technisch bedingten Unsicherheiten schlicht nicht ausnutzen. Parken sofern möglich, sollte man das Fahrzeug in einer verschlossenen Garage parken.

Abschirmen Ein unberechtigter Zugriff per Funk kann durch die Abschirmung des Funkschlüssels verhindert werden. Dazu gibt es im Handel unterschiedlichste Behältnisse zur Aufbewahrung, die eine Verbindung zwischen Schlüssel und Fahrzeug verhindern (Foto rechts). Als effektiv hat sich auch Alufolie erwiesen. So lange der Schlüssel abgeschirmt aufbewahrt wird, bleiben die Autotüren natürlich auch für den Besitzer verschlossen. Aufmerksamkeit Wer in seinem Wohnumfeld - gerade zur Nachtzeit - Personen beobachtet, die sich im Umfeld hochwertiger Fahrzeuge verdächtig aufhalten: unverzüglich den Polizei-Notruf unter 110 verständigen.