Wunsiedel stirbt. Und José Antonio Ces Canle soll es retten. Er kommt aus Galicien, dem nordwestlichsten Zipfel Spaniens. Seit zwei Monaten lebt der 50-Jährige mit 13 Landsleuten in einer 200-Quadratmeter-WG am Wunsiedler Marktplatz - und trägt im Moment mit seinem Kollegen Angel Morales Tarrio (30) zumindest zur Rettung des lokalen Supermakts bei: Er sitzt auf dem Balkon, raucht und trinkt ein Feierabendbier.

"Passive Wirtschaftsförderung" würde Karl-Willi Beck das vielleicht nennen. Aber das ist dem Wunsiedler Bürgermeisters zu wenig. Er will seine Unternehmen aktiv fördern: In einer groß angelegten Aktion, inklusive umstrittener Spanien-Reise, haben er, Wunsiedels zweiter Bürgermeister und eine spanische Unternehmensberaterin aus München zwölf Fachkräfte nach Wunsiedel geholt.


6,4 Prozent Bevölkerungsschwund - einer der höchsten in Bayern



Sie sollen nicht nur den Bevölkerungsrückgang stoppen, der mit 6,4 Prozent in den letzten sechs Jahren einer der höchsten in ganz Bayern ist. Sondern auch den Fachkräftemangel mildern: Mehr als 60 offene Stellen gab es im vergangenen Jahr, zwei davon haben jetzt Angel und José inne.

Beide sind Elektroinstallateure, Angel bringt zwölf Jahre Berufserfahrung mit, José sogar 23. Und doch waren sie in ihrer Heimat arbeitslos. Das Angebot von Karl-Willi Beck kam gerade recht, "obwohl meine Frau viel mehr Lust gehabt hätte, mal wegzugehen", sagt José. Aber sie arbeitet in einer Textilfabrik. Also ging er. Ins sterbende Wunsiedel.


Alle mussten lernen, miteinander umzugehen



Einfach war das nicht. "Als José und die anderen Anfang September hier angefangen haben, sind sie vor Angst fast gestorben", erinnert sich der Unternehmer Bernd Birke, der vier der Spanier eingestellt hat: wirtschaftlicher Druck, fehlende Sprachkenntnisse, die ständige Angst, etwas falsch zu machen.

Und dann war da noch die Sache mit dem Schulterklopfen. Bernd Birke lacht, als er erzählt, wie er José kurz nach seiner Ankunft beruhigend die Hand auf die Schulter legte. Aber er hört sich immer noch ein bisschen ungläubig an: "Ich wollte ihm nur signalisieren: Wir schaffen das. Und der ist einen Meter zurückgesprungen und war plötzlich stocksteif."

Auch José kann sich erinnern, er starrt beschämt auf den Boden. "In Spanien spricht dein Chef nicht mal mit dir, ich wusste einfach nicht, was das sollte", sagt er dann. Mittlerweile hat er sich aber an die deutschen Sitten gewöhnt und freut sich über den vertraulichen Umgang: "Die Kollegen erklären uns alles und sie grüßen sogar."


Die Mitarbeiter aus Tschechien pendeln



Es ist kalt geworden auf dem Balkon, der von tristen schwarzen Dächern umrahmt wird. José und Angel haben es sich auf dem braunen Ledersofa im Aufenthaltsraum gemütlich gemacht. "Wir sind zufrieden", sagt Angel.
Glücklich sind sie nicht. Dafür fehlt ihnen die Familie zu sehr. Und frischer Fisch. Und das spanische Flair.

Wunsiedel ist weit entfernt von Galicien. Nicht nur atmosphärisch. Und wenn man eine Weile mit Bernd Birke spricht, merkt man: Das ist Absicht. "Ich habe auch Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern, Tschechien, der Slowakei", sagt der Unternehmer. "Aber von denen bleibt keiner da. Die fahren alle übers Wochenende heim." Wunsiedel stirbt. Und Pendler können es nicht retten.


Mehr Engagement für deutsche Arbeitslose



Die Spanier aber auch nicht, sagen andere in Wunsiedel. "Was ist mit unseren Jugendlichen? Und warum wird Geld in Sprachkurse investiert, anstatt in Weiterbildungen für deutsche Arbeitslose?", fragt einer. Und hört sich dabei nicht rassistisch an - sondern verzweifelt.

Das hält Bürgermeister Beck aber nicht davon ab, wütend zu werden: "Das mit der Arbeitslosigkeit hat sich in den Köpfen der Menschen festgefressen", sagt er. Dabei seien die Zeiten lange vorbei, in denen Industriearbeitsplätze nach China verlegt wurden und es im Fichtelgebirge keine Jobs mehr gab: Mittlerweile liegt die Arbeitslosenquote in Wunsiedel mit 4,7 Prozent deutlich unter der gesamtdeutschen Quote (6,5 Prozent).


"Wir leben in einem Europa."



Noch mehr ärgert den Bürgermeister aber das Genörgel über die Herkunft. Karl-Willi Beck ist auch sonst kein leiser Mensch, aber jetzt brüllt er fast: "Wir leben in einem Europa. Wo ist eigentlich das Problem, wenn wir Spanier holen?" Und etwas leiser ergänzt er: "Die noch dazu aus dem gleichen Kulturkreis kommen und den gleichen Glauben haben." Immerhin habe Wunsiedel schon Weltkriegs-Flüchtlinge, Russlanddeutsche und Gastarbeiter erfolgreich eingegliedert.

Auch bei Angel stellen sich bereits Erfolge ein: Zweimal die Woche geht er zum Fußballtraining und seit er mit einem Mitspieler Fußballschuhe kaufen war, fühlt er sich dort "voll integriert". Er strahlt, als er das sagt. Fußball ist für ihn eine "Fluchtmöglichkeit": Zum Ausgehen fehlen ihm noch die Sprachkenntnisse.

Ob allein der Fußball den 30-Jährigen länger in Wunsiedel halten wird? Im Gespräch kommen Zweifel: "So schlecht geht es meiner Familie eigentlich nicht. Außerdem gehört es zur galicischen Mentalität, dass man auch mal die Koffer packt und wo anders hingeht." Sein Vater hat in Bern gearbeitet, sein Großvater in Holland. Wenn es mit Spanien wieder aufwärts geht, kann er sich durchaus vorstellen, wieder zurück zu gehen. Wunsiedel stürbe weiter.



Das Projekt in Kurzform


Idee: Um sowohl Fachkräftemangel als auch Bevölkerungsschwund zu bremsen, entschied sich Wunsiedel im Sommer 2011 für die Kooperation mit Padrón, einer Kleinstadt in Galicien. Einer der Gründe: Auch die Gastarbeiter der 60er Jahre stammten aus dieser Gegend.

Anwerbung: Im März reiste eine Wunsiedler Delegation nach Spanien, um sich den spanischen Arbeitssuchenden vorzustellen. Von 200 Interessenten gaben 40 eine Bewerbung ab. Zwölf wurden ausgewählt, eine Spanierin brachte ihre zwei Kinder mit.

Finanzierung: Die Sprachkurse werden staatlich gefördert, den Rest übernehmen die Unternehmen. Für die Unterkunft zahlen die Spanier Miete.

Reaktionen: Kommunen und Kammern sind zurückhaltend: Bisher interessieren sich nur Gemeinden aus Hessen und Sachsen für das Wunsiedeler Projekt, die IHK Augsburg ist bayernweit die einzige, die gezielt spanische Fachkräfte anwirbt. Unternehmen können sich an die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur wenden, die seit Beginn des Jahres 87 Spanier nach Deutschland vermittelt hat. Ein ähnliches Projekt gibt es jedoch Erlangen: Anfang Juli 2012 hat das Uniklinikum 27 spanische Pflegefachkräfte eingestellt. Das Klinikum hatte in Spanien eine Stellenanzeige aufgegeben.


Zahlen



637 Menschen haben Wunsiedel seit 2006 verlassen. Das ist ein Bevölkerungsrückgang von 6,4 Prozent.

10 000 Euro hat Wunsiedel bisher in die Spanier investiert, Unternehmer Bernd Birke rechnet mit Gesamtkosten von rund 16 000 Euro.

100 Spanier sind im Jahr 2011 nach Oberfranken eingewandert - und 821 Polen. Quelle: Statistisches Landesamt