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Experten raten: Eltern sollen ihre Kinder im Haushalt mitarbeiten lassen

Eltern fordern von ihren Kindern immer seltener Selbstständigkeit und Mithilfe im Haushalt. Das sei ein Fehler, bemängeln Pädagogen und Ärzte.
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Das Hauptargument der Eltern, ihre Kinder nicht mit Hausarbeit zu beauftragen, sei mangelnde Zeit. Karl-Josef Hildenbrand, dpa
Das Hauptargument der Eltern, ihre Kinder nicht mit Hausarbeit zu beauftragen, sei mangelnde Zeit. Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Über viele Jahre hat der Wilhelmshavener Kinderarzt Rupert Dernick in seiner Praxis einen Trend beobachtet: Immer mehr Kindern fehlen die praktischen Fähigkeiten, die für den Schulstart nötig sind. Gemeinsam mit dem Potsdamer Kinderpsychotherapeuten Günter Esser ging er der Sache vor gut zehn Jahren in einer Studie auf den Grund. Ergebnis: Nur die Hälfte der Viereinhalb- bis Fünfeinhalbjährigen kann sich alleine anziehen und nur rund 20 Prozent können eine Schleife binden. "Und das hat sich nach meiner Beobachtung seitdem nicht verändert", sagt Dernick.

Eltern nehmen zu viel ab

Der Grund für die mangelnde Geschicklichkeit: "Die Eltern nehmen ihnen zu viel ab." Und zwar auch dann, wenn es um alltägliche Arbeiten geht wie Tischdecken oder -abräumen. Zwar hätten die meisten Eltern in der Studie mit 500 Kindern angegeben, dass ihre Kinder einfache Tätigkeiten beherrschten, etwa Besteck oder Plastikdosen abtrocknen. Aber nur jedes fünfte Kind tue dies dann auch tatsächlich öfter. "Dadurch verpassen viele Kinder die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten durch Üben zu verbessern." Bei Jungen zeigten sich die Folgen besonders deutlich, sagt Dernick. "Mittlerweile wird 20 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Jungen Ergotherapie verordnet."


Das Hauptargument der Eltern, ihre Kinder nicht mit Hausarbeit zu beauftragen, sei mangelnde Zeit. Denn zunächst einmal brauchen die Kinder Anleitung. Natürlich dauere es länger, wenn man gemeinsam mit dem Kind den Geschirrspüler ausräume oder die Socken zusammenlege. "Aber später, wenn das Kind diese Dinge dann alleine kann, sparen die Eltern Zeit."

Dass Eltern ihren Kindern zu viel abnähmen, liege aber auch an der zu hohen emotionalen Bewertung des Kindes, meint Astrid Kaiser, emeritierte Pädagogik-Professorin der Universität Oldenburg. Früher seien Kinder etwas Normales gewesen. "Heute sind sie oft Lebenserfüllungsobjekte."

Eltern trauen Kindern zu wenig zu

Diese Überhöhung führe dazu, dass Eltern ihrem Nachwuchs zu wenig zutrauten. Dabei fördere es das Selbstwertgefühl eines Kindes ungeheuer, wenn es sich mit praktischer Hilfe im Familienalltag bewähren könne. "Was macht das ein Kind stolz, zum Beispiel einen Pudding herstellen zu können!"
Doch auch ältere Kinder, die theoretisch schon selbstständig handeln könnten, arbeiten immer weniger im Familienhaushalt, wie das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln herausfand.

 

Nach einer Umfrage der Jahre 2012 und 2013 übernehmen knapp 69 Prozent der Jungen und 77 Prozent der Mädchen im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren mindestens geringfügige Aufgaben im Familienalltag. Zehn Jahre zuvor waren es bei den Jungen noch knapp sechs Prozent mehr, bei den Mädchen sieben Prozent mehr.

Langfristige Auswirkungen

Studien weisen darauf hin, dass es längerfristige Auswirkungen hat, wenn Kinder konsequent von alltäglichen Aufgaben im Haushalt verschont bleiben. Die US-Pädagogin Marty Rossman von der University of Minnesota untersuchte die Lebensläufe von 84 Kindern bis ins Alter von Mitte 20. Dabei stellte sie fest: Bei Kindern, die schon ab einem Alter von drei oder vier Jahren kleine Alltags-Aufgaben übernahmen, war die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Erwachsenenlebens am höchsten. Kinder, die bis zum Alter von 15 oder 16 überhaupt keine Verantwortung für die Ordnung im Haus übernahmen, hatten das höchste Risiko für ernsthafte Probleme in der beruflichen und persönlichen Entwicklung.

Grund für psychische Störungen

"Unselbstständige Kinder haben als Erwachsene öfter psychische Störungen", sagt auch Dernick. Wenn Kinder hingegen schon früh leichte Aufgaben im Familienalltag übernähmen, hätten sie die Chance, sich als nützlich und selbstwirksam zu erfahren: "Das ist unbezahlbar." Denn es fördere die Resilienz und die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen im Leben fertig zu werden.

Astrid Kaiser rät, im Alter von etwa drei Jahren damit zu beginnen, Kinder in die täglichen Aufgaben einzubeziehen. Dann könnten sie etwa Löffel auf den Tisch legen oder Dinge aus einer Tüte nehmen. Im Vorschulalter könnten Kinder auch schon Obst und Gemüse schneiden oder Socken zusammenlegen. Grundsätzlich sei es sinnvoll, von Kindern zwar regelmäßige Mitarbeit zu verlangen, aber ihnen eine Auswahl zu lassen. So könnten sie sich für die Aufgaben entscheiden, die ihnen am besten liegen, rät Kaiser.