Hunderttausende erleben im Urlaubsparadies an der Ägäis einen Alptraum: Ein starkes Seebeben hat in der Nacht zum Freitag die beliebte Reiseregion in Griechenland und der Türkei erschüttert. Mindestens zwei Menschen kamen ums Leben - mehr als 120 weitere wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Betroffen war vor allem die griechische Ferieninsel Kos. "Ich habe gedacht, die Decke kommt runter", sagte Giannis Kapasakalis, Direktor einer der größten Reiseagenturen von Kos, der Deutschen Presse-Agentur. Deutsche sind laut gut informierten Diplomatenkreisen nicht unter den Verletzten. 

Auf den Straßen von Kos herrschte Chaos: Viele Touristen, die keine Erdbeben kennen, hätten nicht gewusst, was los war, sagten Anwohner. Zwei junge Männer - ein Türke und ein Schwede - wurden im Urlaub von herabfallenden Trümmern der Decke einer Bar getroffen und starben. Das sagte der Gouverneur der Region Süd-Ägäis, Giorgos Chatzimarkos, im griechischen Rundfunk (ERT). Zum Zeitpunkt des Bebens um 1.28 Uhr Ortszeit waren die Bars von Kos voller junger Menschen.
Das Reiseunternehmen TUI teilte mit, es habe derzeit 6400 Urlauber aus Deutschland vor Ort. Es habe "an einigen wenigen Hotels leichte Schäden" gegeben. Ein Krisenstab des Unternehmens sei aktiviert worden, die Reiseleistungen seien aber nicht eingeschränkt.

Die griechische Erdbebenbehörde gab die Stärke des Bebens mit 6,5 an, die US-Erdbebenwarte (USGS) maß 6,7. Es folgten Dutzende Nachbeben. Seismologen sagten, es sei in den nächsten Stunden und Tagen mit weiteren Erschütterungen zu rechnen.

Das Seebeben löste einen kleinen Tsunami aus. "Die Wellen waren etwa 60 Zentimeter hoch", sagte der griechische Seismologe Akis Tselentis im Fernsehen. Das reichte für sichtbare Schäden: Mehrere Boote wurden beschädigt, entlang der aufgerissenen Kaimauern lag Geröll. Der Mini-Tsunami traf auch die Küste der zehn Kilometer entfernten türkischen Stadt Bodrum. Entlang der türkischen Küste lagen an Land gespülte Fischerboote.

13 Verletzte mussten dem griechischen Zivilschutz zufolge in Spezialkliniken nach Athen und per Rettungshubschrauber auf die Inseln Rhodos und Kreta gebracht werden. Von den etwa 1830 Asylsuchenden, die derzeit auf Kos in Containern leben, wurde laut Polizei keiner verletzt. Kos war in den vergangenen Jahren als Teil der Flüchtlingsroute in die Europäische Union in den Schlagzeilen.
Das Beben beschädigte neben dem Amüsierviertel von Kos auch die zwei Häfen der Insel schwer, den Jachthafen und den Fährhafen. Der Hafenpolizei zufolge konnten bis auf Weiteres keine Fähren mehr anlegen. Der Flughafen der Insel sei aber intakt, teilte Verkehrsminister Christos Spirtzis mit.

In der Türkei gab es Medien zufolge keine Todesopfer. Die Behörden riefen die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf. Die Gouverneurin der türkischen Provinz Mugla, Esengul Civelek, sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, es gebe dort bislang keine Berichte über Opfer oder strukturelle Schäden. Teilweise sei aber die Stromversorgung eingeschränkt. Einige Menschen könnten die Nacht aus Angst vor weiteren Nachbeben im Freien verbringen.

Das Zentrum des Bebens lag laut US-Erdbebenwarte nahe der türkischen Küstenstadt Bodrum in etwa zwölf Kilometern Tiefe. Nach Angaben des Europäischen Seismologischen Zentrums leben rund eine Million Menschen in der Region, in der die Erschütterungen zu spüren waren. Von Stränden und beschädigten Gebäuden solle man sich fernhalten.

Erst Mitte Juni hatte auf den Inseln Lesbos, Chios und an der Westküste der Türkei die Erde gebebt. Auf Lesbos kam dabei ein Mensch ums Leben, viele Häuser wurden zerstört.

Im europäischen Raum kommen in Griechenland, den südlichen Teilen des Balkans sowie im Westen der Türkei die meisten Erdbeben vor. Der größte Teil der schweren europäischen Beben ereignet sich nahe den Rändern der Afrikanischen und Europäischen Kontinentalplatte.


Hintergrund: Kos: Ein Tourismusparadies in der Ägäis

Die griechische Insel Kos ist das drittgrößte Eiland der Inselgruppe der Dodekanes vor der türkischen Küste. Die Haupteinkommensquelle der knapp 33 500 Einwohner ist der Tourismus. Die Insel im Südosten der Ägäis ist eines der beliebtesten Reiseziele Griechenlands. Nach Angaben der Luftfahrtbehörde des Landes kamen im Jahr 2015 fast eine Million Passagiere mit internationalen Flügen am Airport auf Kos an. Charterflüge gibt es in den Sommermonaten aus fast allen Staaten Mittel- und Nordeuropas.

Die Insel ist größtenteils flach und lässt sich deswegen mit dem Fahrrad leicht erkunden. Berühmt sind die Sandstrände von Lampi nahe dem Hauptort Kos sowie bei Tigaki, Mastichari und Kefalos. Die Insel gilt als Geburtsort des Hippokrates, des Vaters der Medizin im Altertum. Auf der Insel ist auch ein Heiligtum des antiken Gottes der Gesundheit, Asklepios (lateinisch: Aesculapius).