Am Mittwoch wurde in Colorado nicht nur der nächste US-Präsident gewählt. In Colorado dürfen todkranke Menschen seit Mittwoch selbst entscheiden, ob sie ihre letzten Monate mit ihrer Krankheit leben - mit dem Leben kämpfen - oder mithilfe eines Arztes lieber sterben wollen. Über die ärztliche Sterbehilfe haben die Bürger selbst entschieden. In Colorado wie auch schon in Kalifornien, Vermont oder anderen US-Staaten darf ein Arzt ein Mittel verschreiben, das den Patienten mit einer unheilbaren Krankheit von seinem Leid befreit.

In Deutschland dagegen ist mittlerweile knapp ein Jahr vergangen, seit die "geschäftsmäßige" Sterbehilfe gesetzlich verboten wurde. Anfang 2017 könnte die Entscheidung nach einer Verfassungsprüfung in Karlsruhe möglicherweise wieder gekippt werden. Darauf hoffen die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Ihre Intention: "Ohne Gesetz ist die Wahlfreiheit für die Menschen größer", sagt Wega Wetzel, Sprecherin der DGHS. Ungefähr 25.000 Einzelpersonen seien in dem Verein Mitglied. Nicht alle davon seien auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Sterbehilfe-Vereine gibt es auch in der Schweiz - mit deutlich höheren Mitgliederzahlen und vor allem einer anderen gesetzlichen Grundlage. Ungefähr 100 Deutsche würden laut Wetzel jährlich in die Schweiz fahren, ihre letzte Reise antreten. Während es in Deutschland keinen legalen Weg gebe, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, werden die Sterbehilfe-Gesetze in anderen Ländern teils sogar ausgeweitet.


Lebensmüde im Alter?

Seit 2014 können zum Beispiel auch todkranke Kinder mit Einverständnis der Eltern in Belgien Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Auch in den Niederlanden ist das Thema derzeit aktuell: 2002 legalisierten die Niederlande die aktive Sterbehilfe für unheilbar kranke Menschen. Jetzt will die niederländische Regierung auch alten Menschen ermöglichen, unter staatlicher Aufsicht Suizid begehen zu können. Eine Mehrheit des Parlaments begrüßte den Plan.

Melanie Huml (CSU), Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin, hält davon nicht viel: "Bei dem Vorstoß, lebensmüden alten Menschen Sterbehilfe zu ermöglichen, handelt es sich um einen gefährlichen Irrweg", sagte sie. Dadurch könnten sich alte Menschen unter Druck gesetzt fühlen. Ihnen dürfe nicht das Gefühl vermittelt werden, dass sie der Gesellschaft zur Last fallen. Laut Huml sollte das Sterben stärker als Teil des Lebens betrachtet werden - als ein Vorgang, der weder künstlich verlängert noch verkürzt werden soll. Deshalb werde sie sich auch künftig gegen aktive Sterbehilfe einsetzen - und auch gegen organisierte Beihilfe zur Selbsttötung. Es sei wichtig, allen Menschen ein Leben in Würde bis zuletzt zu möglichen. Das gelte auch für Schwerstkranke.

Für Huml bedeutet dies, die Palliativ- und Hospizversorgung weiter auszubauen. Die Nürnberger evangelische Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern hat die niederländischen Pläne zur Sterbehilfe als "gruselig" bezeichnet. Die Pläne sehen ihrer Ansicht nach vor, dass alte Menschen sterben können, wenn sie "keine Möglichkeit mehr sähen, ihrem Leben einen Sinn zu geben", isoliert oder einsam seien oder "tief betroffen vom Verlust ihrer Unabhängigkeit", bewertet Hann von Weyhern die Berichte.

Wega Wetzel von der DGHS umschreibt den Gedanken, warum es auch mit einem Gesetz wie diesem keinen "Dammbruch" der Sterbehilfe geben werde, so: "Wenn jemand nicht depressiv ist, dann hängt eigentlich jeder an seinem Leben." Die DGHS oder andere Sterbehilfe-Vereine würden nicht wollen, dass Selbsttötung normal wird. Es gehe darum: "In Würde und Ruhe gehen können, so wie der natürliche Verlauf eigentlich auch wäre", sagt Wetzel. Die Befürchtung einiger Politiker sei es laut Wetzel vor dem Gesetzesbeschluss in Deutschland gewesen, dass Sterbehilfe ein "reguläres Leistungsangebot werden könnte".

Dies fürchten Vereine wie die DGHS nicht. Dass die Auseinandersetzung mit Sterbehilfe und einem selbstbestimmten Ableben schon heute ein bedeutenderes Thema sei, liege auch an der demografischen Entwicklung: Die Gruppe der Menschen, die sich bewusst mit dem Tod auseinandersetzt - setzen muss -, werde schlichtweg größer. Gerade die Generation, die jetzt alt werde, verspüre einen Freiheitsdrang, die Vorstellung, "sich nicht reinquatschen zu lassen", sagt Wetzel - nicht beim Leben, nicht beim Sterben. Noch habe die DGHS Hoffnung, dass das Gesetz in Deutschland wieder gekippt wird. Während in Deutschland die Diskussion um Sterbehilfe eher ruhig ist, ist die Kritik gegenüber den Plänen im Nachbarland groß: Ob Huml, Hann von Weyhern oder Nikolaus Schneider, der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche: Mit einer solchen Altersgrenze sage man: "Ab jetzt kannst du sterben, wir brauchen dich nicht mehr." Schneider betont, in Deutschland setze man das Signal: "Dein Leben ist gewünscht." sd/dpa/epd