Paris
Artensterben

Eine Million Arten vom Aussterben bedroht: Ist unser Wirtschaftssystem Schuld?

Ein am Montag vorgestellter UN-Bericht sorgt für Diskussionen. Laut dem Bericht sind von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit bis zu eine Million vom Aussterben bedroht. Naturschützer schlagen Alarm und fordern die Politik zum Handeln auf.
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Ein als Sensemann verkleideter Mann steht bei einer Aktion der Bewegung Extinction Rebellion im Regierungsviertel. Anlaß ist der neue UN-Bericht zur Biodiversität. Danach sind bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Foto: Paul Zinken/dpa
Ein als Sensemann verkleideter Mann steht bei einer Aktion der Bewegung Extinction Rebellion im Regierungsviertel. Anlaß ist der neue UN-Bericht zur Biodiversität. Danach sind bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Foto: Paul Zinken/dpa

Angesichts der dramatischen Warnung vor einem massenhaften Artensterben fordern Politik, Naturschützer und Wissenschaftler mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. Der Wohlstand von Staaten müsse auch anhand ökologischer und sozialer Kriterien gemessen werden, sagte Bundestags-Fraktionschef Anton Hofreiter der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn wir die Natur weiterhin blind zerstören, hat das auch volkswirtschaftlich immense Kosten." Man müsse weg von einer Orientierung am Wachstum des Bruttoinlandsproduktes. "Wir müssen stattdessen auch soziale und ökologische Kriterien einbeziehen, wenn wir unseren Wohlstand ernsthaft messen wollen", sagte Hofreiter.

Dramatischer UN-Bericht: Bis zu eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht

In einem am Montag in Paris vorgestellten UN-Bericht zum Zustand der Artenvielfalt heißt es unter anderem, von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit seien bis zu eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen.

Umweltministerin Svenja Schulze zeigte sich höchst alarmiert. "Die Lage ist ernst", sagte die SPD-Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Dienstag) - und verwies als Beispiel auf die heimische Agrarlandschaft. "Früher kannte jedes Kind Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn. Heute sieht man diese Arten kaum noch auf den Feldern. Der Frühling ist stumm geworden." Ihnen fehlten die Insekten und den Insekten wiederum das Blütenangebot.

Was die Politik gegen das Artensterben tun kann

Ziel der Politik könne nur sein, keine Art mehr zu verlieren. "Davon sind wir leider noch weit entfernt. Auf dem Weg dahin gibt es viele andere Unterziele, die uns voranbringen: Schädliche Subventionen stoppen, weniger Pestizide einsetzen, den Regenwald schützen, die Meere nicht weiter überfischen, mehr und bessere Schutzgebiete einrichten, um nur einige Beispiele zu nennen."

Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, mahnte: "Für mehr biologische Vielfalt weltweit müssen wir vor unserer eigenen Haustüre anfangen - und zwar nicht irgendwann, sondern hier und heute." In Deutschland sei knapp ein Drittel der in den bundesweiten Roten Listen erfassten Arten gefährdet oder ausgestorben. Es brauche eine naturverträglichere Landwirtschaft und mehr Wildnis, in der die Natur komplett sich selbst überlassen wird.

Nils aus dem Moore vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erklärte, vor allem bei Subventionen für fossile Kraftstoffe, Fischerei und Landwirtschaft bestehe Handlungsbedarf. "Werden diese zentralen Fehlsteuerungen nicht durch grundlegende Reformen korrigiert, dann sind andere Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagte er. Sicher sei, "dass weiteres Wirtschaften mit einer nicht ausreichenden Rücksichtnahme auf die Leistungsfähigkeit der Natur absehbar ins Desaster führt - ökologisch, aber letztlich auch ökonomisch und sozial."

BUND: Müssen weg vom "Wirtschafts-Mantra des ständigen Wachstums"

Eine Abkehr vom "Wirtschafts-Mantra des ständigen Wachstums" mahnte die Naturschutzorganisation BUND an. "Die Zerstörung der biologischen Vielfalt bedroht die Menschheit mindestens so sehr wie die Klimakrise", sagte BUND-Chef Hubert Weiger. "Mit dem neuen Bericht gibt es keine Ausreden mehr. Wir müssen endlich die Bereitschaft aufbringen, den Ressourcenverbrauch in Deutschland drastisch zu reduzieren." Die Bundesregierung müsse den politischen Rahmen für nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltigen Konsum setzen.

Landwirtschaft und Artenschutz zusammen sind möglich - brauchen wir mehr Bio-Bauern?

Die Bio-Lebensmittelbranche forderte hob die Bedeutung der Landwirtschaft hervor, denn mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands werde landwirtschaftlich genutzt. "Artenvielfalt ist das Immunsystem unseres Planeten", sagte Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). "Zehntausende Bio-Bauern in Deutschland, Millionen Öko-Landwirte weltweit zeigen heute schon, dass Landwirtschaft und Artenschutz zusammen möglich sind." Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) müsse sich dafür einsetzen, dass artenfreundliches Wirtschaften stärker unterstützt werde.

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Die umweltpolitische Sprecherin der FDP im Bundestag, Judith Skudelny, forderte, die Vernetzung von kleinen Biotopen in den Vordergrund zu stellen. "Naturschutz und Landwirtschaft dürfen dabei nicht länger gegeneinander ausgespielt werden", sagte sie.