Bamberg
Islamischer Staat

"Ein Extremist kommt ins Gefängnis, fünf kommen wieder raus"

Spätestens seit fünf ehemalige IS-Kämpfer einsitzen, ist der radikale Islamismus auch in Bayerns Gefängnissen angekommen. Das Problem wird sich laut Sicherheitsexperten noch verschärfen.
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Gefängnisse gelten als Orte, in denen vor allem Jugendliche radikalisiert und fanatisiert werden können.  Foto: dpa
Gefängnisse gelten als Orte, in denen vor allem Jugendliche radikalisiert und fanatisiert werden können. Foto: dpa
Die deutschen Gefängnisse stellt diese Entwicklung vor große Herausforderungen. Denn es spricht nur wenig dafür, dass radikalisierte Muslime im Gefängnis ihr extremistisches Weltbild ohne Weiteres ablegen, im Gegenteil.

"Wir kennen Handbücher, in denen radikale Muslime aufgefordert werden, ihre Zeit im Gefängnis für die Rekrutierung von Unterstützern und Kämpfern zu nutzen", sagt Markus Schäfert vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Der Gefahr, dass radikale Muslime unter Mitgefangenen Unterstützer anwerben könnten, ist man sich auch im Jugendgefängnis in Ebrach (Landkreis Bamberg) bewusst: "Wir nehmen das Thema sehr ernst", sagt Anstaltsleiter Gerhard Weigand.

Bereits 2013 hatten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes die Mitarbeiter der Ebracher JVA für die Anzeichen von religiöser Radikalisierung und Rekrutierung sensibilisiert: "Wir werden zum Beispiel hellhörig, wenn wir fremde Symbole erkennen oder sich ein Muslim, der bislang kein Interesse am Islam hatte, sich plötzlich sehr religiös gibt", sagte Weigand. Derzeit sind von den insgesamt 271 Gefangenen in Ebrach 62 Muslime.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die JVA-Beamten bewegen. Ihre Aufmerksamkeit darf weder in einen Generalverdacht gegenüber Muslimen umschlagen noch das Recht antasten, eine Religion frei auszuüben. Deshalb ist Weigand der Hinweis sehr wichtig, dass im Fokus keine Religion, sondern lediglich deren extremistisches Abspaltprodukt stehe: "Wir achten ja auch darauf, dass keine rechtsextremistischen Strukturen bei uns entstehen."

Schwarz und Weiß, Gut und Böse

Es ist kein Zufall, dass sich der Verfassungsschutz auch an die Ebracher gewandt hat. Denn gerade Jugendgefängnisse stehen im Verdacht, von radikalen Muslimen als Ort der Rekrutierung genutzt zu werden. Sowohl die Umstände als auch die Klientel begünstigen ihre Zwecke.

Im Gefängnis leben sie über einen längeren Zeitraum mit denselben Menschen an einem räumlich begrenzten Ort. Zudem fühlen sich gerade junge Häftlinge nicht selten jeder Perspektive beraubt, gesellschaftlich ausgegrenzt und gedemütigt. In einem solchen Zustand können die Sinnangebote eines radikalen Islams auf fruchtbaren Boden fallen: "Der Salafismus beispielsweise teilt klar zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Das kann jungen Gefangenen die gewünschte Orientierung geben", sagt Verfassungsschützer Schäfert. Wenn die Gefängnisleitung einen Insassen im Verdacht hat, Mitgefangene zu radikalisieren, kann sie ihn räumlich absondern. Eine andere Möglichkeit besteht darin, ihn in regelmäßigen Abständen in andere Gefängnisse zu verlegen.

Imame helfen mit

Bis zum heutigen Tag ist die Gefahr der radikal-islamistischen Rekrutierung hinter bayerischen Gittern eher abstrakt. Der Verfassungsschutz spricht von "einigen wenigen Fällen", Gerhard Weigand sogar nur von einem einzigen vagen Anfangsverdacht.

Dass sich die Lage aber schnell ändern könnte, weiß auch das Justizministerium: "Der Bekämpfung des islamistischen Extremismus kommt im bayerischen Justizvollzug seit geraumer Zeit besondere Bedeutung zu." Anschauungsunterricht könnten die Bayern in Hessen nehmen. In den dortigen Gefängnissen sitzen heute schon rund 20 IS-Heimkehrer. Als bisher einziges Bundesland arbeitet das hessische Justizministerium auch mit der Organisation "Violence Prevention" zusammen.

Deren Geschäftsführer Thomas Mücke bemüht sich seit Jahren, religiös fanatisierte Jugendliche gesellschaftlich wieder zu integrieren. Mücke, der dabei mit Imamen zusammenarbeitet, versucht dies mithilfe vieler Gespräche und der Entwicklung beruflicher Perspektiven.

Von der Notwendigkeit seiner Arbeit ist Mücke stärker denn je überzeugt: "Das Gefängnis ist ein perfektes Umfeld für Rekrutierung. Im schlimmsten Fall kommt ein Extremist hinein und fünf kommen wieder heraus."