Meiningen
Kritik

Ein bizarres Paar samt Patchworkfamilie

"Wahnfried - Bilder einer Ehe" heißt ein Stück von Reinhard Baumgart über Richard und Cosima Wagner, das jetzt am Meininger Theater uraufgeführt wurde.
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Familienidylle in Wahnfried (von links): Richard Wagner (Peter Bernhardt), Cosima Wagner (Chris Pichler), Daniela von Bülow (Mara Amrita) und der hingestreckte Hund Ruß, der der schwangeren Hausherrin den Bauch streichelt. Foto: Foto-Ed Meiningen
Familienidylle in Wahnfried (von links): Richard Wagner (Peter Bernhardt), Cosima Wagner (Chris Pichler), Daniela von Bülow (Mara Amrita) und der hingestreckte Hund Ruß, der der schwangeren Hausherrin den Bauch streichelt. Foto: Foto-Ed Meiningen
Vierzehn Jahre, zwei Monate und vier Wochen hat es gedauert, unser Zusammenleben, keinen Tag länger, ich habe es nachgezählt, jeden Abend." Die alt gewordene Cosima Wagner sagt das, deren erstes Leben so auf Richard Wagner fokussiert war, dass sie seinen Tod am 13. Februar 1883 fast nicht überlebte - fast, denn ihr zweites Leben ohne und doch mit ihm sollte noch 47 Jahre dauern.

Szenen dieser erst skandalträchtigen Liaison und späteren Ehe sind immer wieder beschrieben und verfilmt worden. Jetzt sind sie auch im Theater zu erleben, in einem Stück nach dem (Dreh-)Buch "Wahnfried. Bilder eine Ehe" von Reinhard Baumgart, das am 11. Januar in Meiningen uraufgeführt wurde. Die Bühnenadaption ist mit ein paar Einschränkungen gelungen, weil Regisseur Jan Steinbach für Tragik und Komik ein Händchen hat - und Schauspieler, die die Figuren glaubhaft über die Rampe bringen.


Auftakt in Tribschen

Der Abend beginnt mit der Ankunft Cosimas am 12. Mai 1866 in Tribschen bei Luzern, wo der aus München vertriebene Wagner sich auf Kosten von König Ludwig II. eingemietet hat. Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden, obwohl Cosima nach wie vor mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet ist, schon über zwei Jahre ein Paar und haben bereits ein erstes gemeinsames Kind, dem noch weitere zwei folgen.

Die Patchworkfamilie mit drei Wagnersprößlingen und den zwei Cosima-Töchtern aus erster Ehe ist in dem Stück natürlich schon aus Besetzungsgründen geschrumpft: Daniela als älteste Bülow-Tochter und Siegfried als Wagners einziger Sohn stehen für die ganze Kinderschar, von den zahlreichen Freunden, Gönnern und sonstigen wichtigen Menschen, die erst in Tribschen, später in Bayreuth und schließlich in Venedig um Wagner kreisen, sind nur solche übrig, die ein Schlaglicht auf dieses durchaus auch bizarre Paar werfen.


Ein Hund stiftet Verwirrung

Zum Beispiel der Neufundländer Ruß, der erstmal Verwirrung stiftet: Der auch auf allen Vieren agierende Schauspieler Matthias Herold ist nämlich nicht als Hund, sondern als Diener verkleidet - mit der Krawatte als Leine, so dass Wagnerkenner wie Novizen sich fragen, ob hier etwa eine sadistische Ader des Meisters enthüllt werden soll. Als hätte der nicht schon genug Dreck am Stecken!

Aber bald stellt sich heraus, dass der hündische Diener, in dem unter anderem der brave Schnappauf wiederersteht, auf seine Weise erstens die Wagnerehe spiegelt und zweitens eine ganz wunderbare Theaterfigur ist, die eine der rührendsten Szenen schafft. Wenn Wagner wieder einmal mit einem seiner Herzkrämpfe niedersinkt, nimmt der "Hund" ihn schützend in den Arm.


Zwischen Gruft und Komponistenhimmel

Das Kuriose im Tragischen, das donnernde Leben neben dem Erhabenen: Traum- und Alptraum-, Karneval- und biografische Wagnertheaterszenen gehen scheinbar nahtlos ineinander über - unterstützt von Lisa Däßlers historisierenden Kostümen und dem abstrakten, zu Beginn durch einen scheußlich blassgelben Vorhang verunzierten Treppenbühnenbild von Frank Albert, das für viele Spielorte steht, in die Gruft im Wahnfried-Garten ebenso schauen lässt wie in den sich hochschraubenden Komponistenklavierhimmel.

Peter Bernhardt, dem Bamberger Publikum sowohl als Darsteller wie als Regisseur ein Begriff, gelingt ein bemerkenswerter Wagner, obwohl er rein äußerlich nicht eigens auf ihn getrimmt wurde: Man spürt seinen unbändigen Willen zur künstlerischen Selbstverwirklichung, seine Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit, seine starke Sinnlichkeit, natürlich auch seine negativen Seiten, sein Charisma und den Striese, der in ihm steckt.
Cosima gibt es gleich zweimal

Die Inszenierung stellt ihm klug gleich zwei Cosimas zur Seite. Chris Pichler als Nummer 1 verdeutlicht, dass die vermeintliche Dulderin zwar mitunter leidet, aber die Hosen anhat, Ulrike Barthruff als Nummer 2 kommentiert das Geschehen aus der Position von Cosimas zweitem Leben heraus. Unter den weiteren, vielfach geforderten Mitwirkenden ragen zwei heraus: Anja Lenßen als fulminante Judith Gautier und der köstliche Franz Liszt von Ingo Brosch, der mit seinen Einlagen am Miniklavier wirkt wie die Summe aller Klaviervirtuosenkarikaturen, Schröder aus den Peanuts inklusive.

Apropos: Musik gibt es nur in homöopatischer Dosis - und das ist gut so, denn man kann sie im Wagnerjahr 2013 in Meiningen und andernorts sowieso erleben. Was und wie viel Wagner-Neulinge aus den Wahnfried-Bildern einer Ehe mit nach Hause nehmen, kann ich nicht beurteilen. Mir hat es gefallen, bis hin zur Rheintöchter-Schlussmusik, in Anspielung auf Cosimas letzten Tagebucheintrag vom 12. Februar 1883: "Wie er im Bette liegt, sagt er noch: ‚Ich bin ihnen gut, diesen untergeordneten Wesen der Tiefe, diese(n) sehnsüchtigen.'"

Termine und Karten auf der Webseite des Meininger Theaters.