Bamberg
Verkehrsentwicklung

Droht uns der Verkehrskollaps?

Immer mehr Autos und Lkw drängen sich auf unseren Straßen. Das Fahrverhalten vieler Wagenlenker hat sich geändert. Und der Verkehr wächst weiter.
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Das Gedränge auf unseren Autobahnen wird immer größer Gambarini/dpa
Das Gedränge auf unseren Autobahnen wird immer größer Gambarini/dpa

Dieter Strempel fährt seit über 30 Jahren hauptberuflich Omnibus. Beobachtet das, was sich im und um den Straßenverkehr entwickelt, ganz genau. Vermag auch Vergleiche mit früher zu ziehen. Seit 2011 ist er im Linienverkehr unterwegs, nachdem er vorher als Reisebusfahrer in ganz Europa herumkam.

Derzeit fährt er für die Firma Basel auf der Linie 952 des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg (VGN) auf der Strecke zwischen Bamberg und Eltmann. Seit den 80er Jahren sei im Straßenverkehr alles viel enger und hektischer geworden, sagt er.

Zahlen belegen das. Verglichen mit dem Jahr 1975 ist der Pkw-Bestand laut Kraftfahrtbundesamt um mehr als das Zweieinhalbfache gestiegen. In Zahlen: 17,9 Millionen Autos waren 1975 auf der Straße, heute sind es stolze 46,5 Millionen. Alles ist dichter geworden - und hektischer. Da passt die Meldung des ADAC ganz gut ins Bild: 723 000 Staus hat es in Deutschland im Jahr 2017 gegeben. Die summierten sich auf eine Gesamtlänge von gigantischen 1,45 Millionen Kilometer. In Franken ist das nicht anders. Täglich staut es sich aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens im Berufsverkehr auf dem Frankenschnellweg vor Erlangen. Regelmäßige Staus gibt's auch weiter Richtung Nürnberg, wenn sich der Frankenschnellweg mit der Rothenburger-Straße kreuzt und die Ampel auf Rot springt. Oder in Würzburg, wo der Fernverkehr die durch die Innenstadt führende Bundesstraße 19 dazu nutzt, um sich den Weg über das "Biebelrieder Kreuz" zu ersparen.

Auch in Innenstädten wird es eng

Nicht nur auf den Autobahnen wird es immer enger, auch in unseren Innenstädten. Dieter Strempel macht da nahezu täglich ungute Erfahrungen. Wenn seine Fahrgäste zum Beispiel am Bamberger Bahnhof nicht aussteigen können, weil die Bus- Haltestelle mit Fahrrädern zugeparkt ist. "Nichts gegen Radfahrer", so Strempel. "Aber wo bleibt das Recht für meine Fahrgäste".

Aggressiver, rücksichtsloser

Den engagierten Busfahrer wurmt es, dass es auf der Straße immer aggressiver und rücksichtsloser zugeht. Meist zulasten der Schwachen. Wenn Gehwege zugeparkt sind und Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwagen dann auf die Straße ausweichen müssen, das sei einfach nicht in Ordnung.

Das ist keine gute Entwicklung, und auch das, was die Verkehrsplaner zur Verkehrsentwicklung in Bayern prognostizieren, muss nachdenklich stimmen.

Eine im Auftrag des bayerischen Verkehrsministeriums von der Firma Intraplan Consult erstellte Studie geht davon aus, dass im Freistaat in der Zeit von 2007 bis 2025 der Personenverkehr um 22,5 Prozent und die Transportleistung im Güterverkehr sogar um 53 Prozent wachsen wird.

Mit dem Bundesverkehrswegeplan 2030 reagieren die Verantwortlichen durchaus auf diese Herausforderung. Es handelt sich um den zentralen Plan zum Neu- und Ausbau überregionaler Verkehrswege. Bis zum Jahr 2030 ist ein Investitionsvolumen von insgesamt 264 Milliarden Euro vorgesehen. Die Infrastruktur wird ausgebaut, die Autobahnen erhalten zusätzliche Fahrstreifen, es gibt mehr Rastplätze. Allein für den Ausbau und Erhalt der Bundesfernstraßen ist die Hälfte dieser Summe vorgesehen - stolze 130 Milliarden Euro.

Das Problem: All diese Maßnahmen greifen nur bedingt. Weil sie mit der schnelleren Entwicklung des Verkehrs in unserem Land nicht Schritt halten können. Für Experten wie den Bamberger Verkehrsplaner Bernhard Leiter kann es daher nur eine Lösung geben. "Wir müssen bei der Wahl unserer Verkehrsmittel umdenken." Und im Umweltbundesamt denkt man inzwischen in einem Vorbericht für eine bundesweite Fußverkehrsstrategie sogar darüber nach, zur Stärkung des Fußverkehrs in den Innenstädten zwei Drittel der Parkplätze zu entfernen. Entwicklung des Kfz-Bestands in fränkischen Städten Bamberg Vor 43 Jahren zählte man in Bamberg noch 21 958 zugelassene Pkw. Die Zahl stieg bis 2018 um nahezu das Doppelte auf 40 111. Ähnlich der Trend bei Lkw. Da fuhren im Jahr 1975 insgesamt 2107 Brummis, heute sind es 3920. Erlangen Die Zulassungsstelle verfügte hier nur über Zahlenmaterial, das bis 1995 zurückreicht. Zu diesem Zeitpunkt waren 48 758 Pkw und 1946 Lkw gemeldet. Die Zahl stieg bis heute auf 63 052 Pkw und 2821 Lkw. Nürnberg 2018 wurden in der Frankenmetropole doppelt so viele Autos registriert wie im Jahr 1975 — nämlich 287 041 . Etwas schwächer entwickelte sich die Zunahme der Lkw. Da waren es 8485 im Jahr 1975, heute sind es 18 088. Würzburg Ein Trend nach oben lässt sich auch für Würzburg erkennen. Da die Zulassungsbehörde ihre Daten alle sieben Jahre löscht, nur die Zahl für 2011: Da gab es 58 011 Pkw und 5302 Lkw. Im Jahr 2018 waren es 63 371 Pkw und 5900 Lkw. Kommentar Verkehrswende ist nötig Nein, so wie bisher kann es auf unseren Straßen nicht weitergehen. Seit den 60er Jahren hat sich allein der Bestand an Pkw in unserem Land mehr als verzehnfacht. Unsere Innenstädte kämpfen mit wahren Blechlawinen, auf den Autobahnen ist der Umgang mit kilometerlangen Staus und Vollsperrungen Alltagsroutine geworden. Das ist nicht mehr normal. Und das überfordert zunehmend die Verkehrsteilnehmer, deren mühevolle Versuche der Selbstbehauptung im täglichen Verkehrschaos oft genug in Aggressivität umschlagen. All das ist genauso ungesund wie die Unmengen an Schadstoffen, mit denen sich unsere fahrbaren Untersätze obendrein zu Klimakillern entwickelt haben.

Es braucht die Wende nicht nur beim Klima, es braucht sie auch beim Verkehr. Heißt: Wir müssen unser über Jahrzehnte geschätztes, weil bequemes Verkehrsverhalten ändern. Der Güterfernverkehr gehört verstärkt auf die Schiene, um unsere Autobahnen zu entlasten. Ein Tempolimit wäre hier nicht nur für die Umwelt, sondern auch zur Vermeidung von Staus sinnvoll. Und in unseren Innenstädten braucht es einen komfortablen Mix aus öffentlichem Personennahverkehr, ergänzt um eine attraktive Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer. Ein Verkehrskollaps lässt sich sonst nicht verhindern.



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