Amsterdam
Isolierter Bauernhof

Familie lebt neun Jahre versteckt auf Bauernhof - Vater festgenommen

Neun Jahre lang soll eine Familie isoliert auf einem Bauernhof in den Niederlanden gelebt haben. Jetzt wurde der Vater festgenommen. Vermutlich wollte er eine Sekte gründen. Immer mehr Details kommen ans Licht.
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Total isoliert von der Außenwelt haben ein Vater und seine Kinder gut neun Jahre lang in einem Keller eines Bauernhofes in den Niederlanden gehaust. Foto: Vincent Jannink/ANP/dpa
Total isoliert von der Außenwelt haben ein Vater und seine Kinder gut neun Jahre lang in einem Keller eines Bauernhofes in den Niederlanden gehaust. Foto: Vincent Jannink/ANP/dpa

Update: 18.10.2019, 15.50 Uhr: Vater gerät ins Visier der Ermittler

Der Vater gerät nun ins Visier der Ermittler. Vieles deutet darauf hin, dass er eine sektenähnliche Gemeinschaft errichten wollte. Eine Sondereinheit von 30 Beamten ermittelt. Sie versuchen, auch mit Hilfe von Psychologen festzustellen, was auf dem abgelegenen Hof seit 2010 geschehen ist. Der Vater sei ansprechbar, und auch mit den Kindern könne man kommunizieren, sagte ein Sprecher der Polizei am Freitag in der ost-niederländischen Provinz Drenthe.

Der 67-jährige Gerrit Jan van D. war am Donnerstagabend festgenommen worden. Fünf seiner nun erwachsenen Kinder waren nach Aussagen der Polizei dabei und hätten "sehr heftig reagiert." Sie sollen den Vater nach einem Schlaganfall vor einigen Jahren versorgt haben.

Genau wie der ebenfalls festgenommene 58 Jahre alte Österreicher Josef B. wird der Vater der Freiheitsberaubung verdächtigt. Josef B. hatte den Hof gemietet, wohnte aber dort wahrscheinlich nicht. Er hatte die Familie versorgt.

Die Polizei geht davon aus, dass die sechs jungen Leute, heute zwischen 18 und 25 Jahre alt, gegen ihren Willen festgehalten wurden. Nur, wo liegt die Grenze zwischen freiem Willem und Zwang? Geht es hier um starken psychischen Druck des Vaters?

Bisher gibt es nur wenige Informationen über das Leben auf dem Hof. Die Familie hat neun Jahre lang in einem "abschließbaren Raum" gewohnt, der in kleine Kämmerchen aufgeteilt war. Der Raum war hinter einem Schrank verborgen. "Der abgeschlossene Raum war deutlich gedacht, um die Außenwelt draußen zu halten", sagte die stellvertretende Polizeichefin in Drenthe, Janny Knol, im niederländischen Fernsehen. Die Polizei geht davon aus, dass die Mutter der Familie schon 2004 gestorben ist.

Die vier Mädchen und zwei Jungen waren zwar ab und zu im Garten, aber haben nie das Gelände verlassen. Auch wenn sie nie zur Schule gegangen sind, können sie lesen und schreiben und sprechen Niederländisch. Der Kontakt zu ihnen sei aber nicht einfach, sagte die Polizeichefin. "Dass sie nicht unbedingt dasselbe Verhalten zeigen wie wir ist deutlich."

Das isolierte Leben in der Natur und die Selbstversorgung mit eigenem Gemüse passt zu Ideen, die Vater Gerrit Jan van D. schon vor Jahren geäußert haben soll. Er gehörte in den 80er Jahren der Vereinigungskirche des Koreaners Moon an. Die Sekte habe er dann verlassen, sagte der Generalsekretär der Vereinigungskirche, Wim Koetsier. "Gerrit verließ die Bewegung 1987 und begann, soweit wir wissen, seine eigene Gruppe."

Offensichtlich war es nicht einfach, aus diesem Leben des Vaters auszusteigen. Der 25-jährige Sohn Jan hatte seinen Ausstieg geplant. Das geht aus seinen unbeholfenen ersten Schritten im Internet hervor. Schließlich bat er am Sonntag in der Dorfkneipe um Hilfe. So war der Stein ins Rollen gekommen.

Und es gibt noch drei weitere ältere Kinder, die bereits vor einigen Jahren geflohen sein sollen. Das sagen andere Verwandte, und das bestätigt auch die Polizei. Doch bislang haben die sich noch nicht zu Wort gemeldet.

Auch der Österreicher soll einer Sekte angehört haben. Der Vater und der Österreicher kennen sich schon lange und hatten auch ein gemeinsames Unternehmen. Die Geschäftsräume wurden nun durchsucht. Die Polizei untersucht auch, woher die große Summe Geld stammt, die auf dem Hof gefunden wurde. Zehntausende Euro sollen es sein, so berichteten Medien.

Update 17.10.2019, 11.50 Uhr: Spezialeinheit durchsucht Bauernhof

Im mysteriösen Fall einer jahrelang isoliert lebenden Familie untersucht eine Spezialeinheit der niederländischen Polizei erneut den Bauerhof. "Wir erfassen alle Räume digital, so dass wir eine vollständige Übersicht bekommen", teilte die Polizei der Provinz Drenthe am Donnerstag mit. In dem abgelegenen Hof in Ruinerwold im Osten der Niederlande sollen ein Vater und seine sechs jetzt erwachsenen Kinder neun Jahre lang in einem kleinen Raum gehaust haben.

Der 58-jährige Mieter des Hofes wurde festgenommen. Der Österreicher soll am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn der Freiheitsberaubung und der "Benachteiligung der Gesundheit von anderen". Am späten Mittwochabend wurden zwei Betriebe durchsucht, die dem Vater der Familie gehören sollen. Ergebnisse der Durchsuchungen wollte die Polizei zunächst nicht mitteilen.

Hilferuf in Kneipe bringt geschichte ans Tageslicht

Nach einem Hilferuf in einer Kneipe wird eine unglaubliche Geschichte enthüllt: Total isoliert von der Außenwelt haben ein Mann und sechs junge Menschen gut neun Jahre lang in einem Keller eines Bauernhofes in den Niederlanden gehaust. Die Polizei entdeckte die Gruppe auf einem abgelegenen Bauernhof. Die Menschen würden nun versorgt, teilte die Polizei am Dienstag in der östlich gelegenen Provinz Drenthe mit.

Der 58-jährige Mann wurde laut Polizei vorläufig festgenommen. Er ist der Mieter des Bauernhofes und ist verdächtig wegen "Freiheitsberaubung", teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit.

 

Bürgermeister fassungslos über Wohnverhältnisse

Die Gruppe "lebte in sehr provisorischen Räumen", sagte der Bürgermeister Roger de Groot. Er nannte keine Details der Wohnung. "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Warum die Menschen dort so isoliert wohnten, ist unbekannt. Sie sollen auf "das Ende der Zeiten" gewartet haben, berichten niederländische Medien. Das soll einer der Söhne zu Besuchern der Dorfkneipe De Kastelein gesagt haben. Bestätigt wurde das bislang nicht.

Hilferuf in Kneipe: Wirt ruft die Polizei

Der Wirt der Dorfkneipe hatte die Polizei am Montag alarmiert. Bei ihm war ein fremder junger Mann in der Wirtsstube aufgetaucht. Er war total verwirrt, wie der Wirt dem TV-Sender RTV Drenthe sagte. "Er sagte, dass er weggelaufen war und Hilfe brauchte." Der 25-Jährige habe auch geschildert, dass er neun Jahre lang nicht draußen gewesen sei. Daraufhin hatte der Gastwirt die Polizei eingeschaltet. Und so war schließlich seine Familie auf dem Hof auch entdeckt worden.

Der 25-Jährige soll unter dem Namen Jan nach einer neunjährigen Sendepause nun wieder auf den sozialen Netzwerken Bilder gepostet haben. Ob es sich dabei wirklich um den Mann handelt, konnte die Polizei nicht sagen. "Wir überprüfen diese Berichte", sagte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur.

Die sechs Kinder waren 2010 zwischen neun und 16 Jahre alt und hätten zur Schule gehen müssen. Doch weder der Vater noch die Kinder waren bei den Behörden gemeldet. Das könnte erklären, warum niemand die Kinder vermisst hat. "Alle Szenarien sind noch offen", sagte eine Sprecherin. Der 58-Jährige sei festgenommen worden, "weil er nicht an unserer Untersuchung mitarbeitete". Am Donnerstag wird er dem Haftrichter vorgeführt.

Dorfbewohner hatten immer nur einen Mann gesehen

Niederländische Medien berichten, dass die Polizei hinter einem Schrank im Wohnzimmer eine Treppe entdeckt hatte, die in den Keller führte. Dort hätten der Vater und die Kinder gehaust.

Dorfbewohner sind geschockt. Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Der 58-jährige Österreicher hatte den Hof gemietet, aber wohnte wahrscheinlich dort nicht. Er hat auch einen Schreiner-Betrieb im nahe gelegenen Meppel. Fast täglich, so erzählen Nachbarn, war er mit seinem Volvo gekommen und renovierte den Hof. Der Österreicher wohnt wohl schon seit Jahren in den Niederlanden.

Die Nachbarn hatten den neuen Mieter freundlich begrüßt, erzählten sie im Fernsehen. Als er dort vor einigen Jahren erstmals auftauchte, hatten sie ihm Blumen und eine Flasche Wein gebracht. "Doch der reagierte total komisch", erinnerte sich Nachbar John van Dijk. Er sei kurz angebunden gewesen: "Und dann ging das Hoftor auch immer schnell wieder zu."

Etwas stimme nicht mit dem Mann und dem Hof, spürten die Nachbarn. "Wir dachten, dass es irgendetwas mit Drogen war, eine Haschplantage oder so", sagte eine Frau. Bauer van Dijk war sogar einmal abends mit einem Freund dorthin gegangen, um sich umzuschauen: "Aber da hingen überall Kameras, und dann sind wir wieder umgekehrt." Ein paar Mal wollte auch die Polizei nach dem Rechten schauen. Doch die Beamten kehrten am verschlossenen Hoftor unverrichteter Dinge wieder um.

Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein großer Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt.

Die Untersuchungen laufen auf Hochtouren. Vater und sechs Kinder sind vorerst in einem Ferienpark untergebracht worden. "Sie werden versorgt" sagte ein Sprecher der Polizei. "Was sie jetzt vor allem brauchen, ist Ruhe."

In Oberfranken wurde im Mai 2019 ein Reichsbürger festgenommen. Er hauste mit Kindern in einem Erdbunker, er wurde per Haftbefehl gesucht.