Sind drei Jahre Jugendarrest genug für eine mörderische Vergewaltigung? Für ein "abscheuliches Verbrechen", wie es Indiens Premierminister Manmohan nannte? "Das ist unfassbar", "unfair" und "einfach ein Witz" waren noch die eher gedämpfteren Reaktionen auf Twitter. Der junge Mann, der zusammen mit seiner Gang in einem Bus in Neu Delhi so schwere Gräueltaten an einer 23-jährigen Studentin verübte, dass sie daran starb, ist am Samstag von einem Jugendgericht zu drei Jahren Arrest in einem Heim verurteilt worden. Den volljährigen Angeklagten hingegen droht der Strang.

Einige Rechtsexperten, die Eltern des Opfers und die meisten der Tausenden Demonstranten, die wochenlang lautstark auf die Straße gingen, halten das Strafmaß für viel zu gering. Das Jugendstrafrecht setze einen fast 18-Jährigen Straftäter mit einem Siebenjährigen gleich, entrüstet sich Anwalt Sukumar.
Die geringen Strafen seien eine Einladung an Jugendliche, sich kriminell zu verhalten. Indische Medien bezeichneten das Strafgesetz als "zahnlos" und "wirkungslos", außerdem vernachlässige es den Schutz der Gesellschaft.

"Was ist das für ein System, das die Opfer leiden lässt und die Täter freilässt? Ist das Gerechtigkeit?", fragt Rajesh Kumar in der Zeitung "India Today". Sein achtjähriger Sohn wurde in der Stadt Patna entführt, vergewaltigt und getötet. Die damals 15 Jahre alten Täter sind nach drei Jahren wieder auf freiem Fuß. "Die beiden Killer streifen durch Patna, während ich versuche, sie nicht zu sehen. Das ist wie ein Messer in meinem Herz."

Altersgrenze auf 16 Jahre senken?

1281 Morde und 1316 Vergewaltigungen wurden nach offiziellen Angaben in Indien im vergangenen Jahr von Jugendlichen verübt; die meisten davon von 16- bis 18-Jährigen. Trotzdem sollte die Altersgrenze nicht wieder - wie von zahlreichen Indern gefordert - auf 16 Jahre gesenkt werden, findet Arlene Manoharan von der juristischen Fakultät der Indischen Universität in Bangalore. Vielmehr solle sichergestellt werden, dass die verurteilten Jugendlichen alle Hilfe bekommen, die ihnen zusteht. "Dann können sie später geläutert in die Gesellschaft integriert werden und sind davor geschützt, wieder in den Teufelskreis der Gewalt zu rutschen."

Die Öffentlichkeit solle sich nicht von Emotionen leiten lassen, sondern die Unreife der Jugendlichen anerkennen, meint auch Sozialaktivistin Kavita Srivastata. Damit trifft sie meist auf taube Ohren - erst in der vergangenen Woche erhitzten sich die Gemüter wieder, als bekannt wurde, dass auch bei der jüngsten Gruppenvergewaltigung im Mumbai einer der Beschuldigten ein Jugendlicher war. Srivastata meint, jeder Mensch müsse die Chance erhalten, sich bessern zu können. "Der Kern unseres Justizsystems ist Hilfe zur Besserung und Erziehung", erklärt sie. "Wie können wir wegen eines Falls dieses objektive Sicht jetzt verlieren?"

Nach Angaben von Bharti Ali von der Kinderrechtsorganisation Haq werden nur 6,8 Prozent der verurteilten Kinder und Jugendlichen rückfällig. Doch viele Menschen in Indien wollen nicht, dass der nun verurteilte junge Mann später ein normales Leben führt. Vor dem Gerichtsgebäude in Neu Delhi riefen am Samstag Demonstranten: "Wir wollen Gerechtigkeit". Und die sei mit dem jetzigen Urteil noch nicht erreicht, sagte Jiwan Bhatt, der auch protestierte. "Die Gesetze des Landes müssen unbedingt geändert werden. Alle Angeklagten in dem Fall sollten an den Galgen." dpa