Würzburg
Hautkrebs

Der eigene Körper als Abwehrwaffe: So können Immuntherapien Hautkrebs heilen

Krebs ist kein Todesurteil. Und was wäre besser, als dass der Patient aus eigener Kraft den Kampf gewinnt? Neuartige Behandlungen machen es möglich. An der Würzburger Uniklinik setzt man die Immuntherapie gegen Hautkrebs ein.
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Hautkrebs - das ist eine niederschmetternde Diagnose. Doch  in der Uniklinik in Würzburg gibt es jetzt eine Immuntherapie, die helfen kann. Die Geschichte eines Patienten: Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Hautkrebs - das ist eine niederschmetternde Diagnose. Doch in der Uniklinik in Würzburg gibt es jetzt eine Immuntherapie, die helfen kann. Die Geschichte eines Patienten: Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Jahrzehntelang kämpften Mediziner und Forscher mit allen möglichen Ansätzen gegen Hautkrebs, wie Strahlen- oder Chemotherapie. Der Erfolg war begrenzt. Seit wenigen Jahren gibt es nun einen Hoffnungsträger: die Immuntherapie. Sie kommt in der Behandlung verschiedener Krebsarten zum Einsatz. Das US-amerikanische Cancer Research Institute (CRI) hat den Juni zum Monat der Immuntherapie ausgerufen.


3000 Tote durch Schwarzen Hautkrebs

Auch bei schwarzem Hautkrebs kann die Immuntherapie greifen. Pro Jahr sterben laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland rund 3000 Menschen an der Krankheit, bei etwa 20.000 Patienten wird das maligne Melanom neu diagnostiziert. Am Universitätsklinikum Würzburg unterziehen sich laut Dermatologe Professor Bastian Schilling aktuell 53 Hautkrebspatienten einer Immuntherapie. Eingesetzt werden dabei unter anderem die Antikörper Nivolumab und Pembrolizumab. Beide wurden fast zeitgleich entwickelt und sind seit 2015 zugelassen.


Antikörper "enthemmen" Immunsystem

Schilling erklärt das Prinzip so: Häufig erkennt das Immunsystem zwar den schwarzen Hautkrebs. Aber die Immunzellen werden von den Krebszellen "ausgetrickst": Diese weichen aus, sie können nicht mehr abgewehrt werden. Die dem Patienten als Infusion verabreichten Antikörper verändern nun - als "Checkpoint-Blocker" oder "PD1-Blocker" - gezielt die Kommunikation zwischen den Krebszellen und den gesunden T-Zellen. Das Immunsystem wird aktiviert, es erkennt die Tumorzellen wieder und kann sie effektiv bekämpfen.

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Die Wirkstoffe sind inzwischen bei einigen Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium zugelassen - neben dem Schwarzen Hautkrebs auch bei Lungenkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Blasenkrebs. Trotz erster Erfolge und großer Hoffnungen bremst Dermatologe Schilling die Euphorie: Der Einsatz dieser Antikörper kann zu Nebenwirkungen führen, ein Drittel der Behandlungen wird deshalb abgebrochen. "Die Therapie ist keine Wunderwaffe", sagt Schilling. Sie funktioniere nicht bei jeder Krebsart und schlage nicht bei allen Patienten in gleicher Weise an.

Die Ansprechrate bei Hautkrebs liegt aktuell zwischen 40 und 60 Prozent. Wie groß die Erfolgsaussichten einer Immuntherapie sind, lässt sich Schilling zufolge nicht sicher vorhersagen. Vermutlich seien sie aber größer, wenn die Krankheit weniger weit fortgeschritten ist, der Patient von Haus aus über ein gutes Immunsystem verfügt und dieses den Tumor generell erkennen kann.


Wirkung muss noch beobachtet werden

In jedem Fall gilt: Lebten früher nur fünf bis zehn Prozent der Patienten bei fortgeschrittenem Melanom noch länger als zehn Jahre, so "ist es mittels neuer Therapien heute möglich, Krebspatienten bei überschaubaren Nebenwirkungen zu einem normalen Leben zu verhelfen", sagt Schilling.
Von "Heilung" mag der Mediziner nicht sprechen - er setzt lieber auf eine "langfristige Krankheitskontrolle". Weil erst seit drei Jahren in der Anwendung, kann die nachhaltige Wirkung oder gar Heilung durch die neuen Medikamente noch nicht beurteilt werden.


Fünfthäufigste Krebsart in Deutschland

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist der schwarze Hautkrebs in Deutschland die fünfthäufigste Krebsart. Und trotz aller Fortschritte und Erfolgsmeldungen: Bei den zahlenmäßig noch häufigeren Krebsarten Brust- , Prostata- und Darmkrebs funktioniert die Immuntherapie nach Aussage von Hautexperte Schilling nicht. Hier müssen die Patienten auf weitere Forschungserfolge und die Entwicklung von Krebsmedikamenten hoffen.

von Andreas Jungbauer


Die Geschichte des Peter B.

Krebs ist eine bleischwere Diagnose, die Menschen zu Boden reißt. Ein Schlag ins Genick, ein Moment für Gedankengewitter und Gefühlsdonner. Jeder zweite Deutsche erkrankt mittlerweile irgendwann im Laufe seines Lebens an Krebs. Dabei sind die mehr als 300 bekannten Formen so unterschiedlich wie ihre Häufigkeit. Und - meist abhängig vom Zeitpunkt der Erkennung: Ein Todesurteil ist die Krebsdiagnose heute nicht mehr, die Überlebenschancen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Fortschritte in der medizinischen Forschung machen es möglich.

Zum Glück für Patienten wie Peter B. (Name von der Redaktion geändert) aus der Region Würzburg. Seine Geschichte ist die einer zweifachen Auferstehung - eine, die Mut macht, an das Leben und an sich selbst zu glauben. Sich Sucht und Krankheit nicht zu ergeben, sondern sie anzunehmen. Sich dem Kampf zu stellen und ihn zu gewinnen. B. gibt sehr persönliche Einblicke in seine Krankengeschichte, auch in seine familiäre Situation. Namentlich will er deshalb in diesem Beitrag nicht erkennbar werden. Seiner Botschaft tut dies keinen Abbruch.

B.'s erste Bekanntschaft mit dem Kontrahenten Krebs datiert aus dem Jahr 1992. Ein Fleck auf dem Oberschenkel, so groß wie ein halber Fingernagel, war dem heute 57-Jährigen aufgefallen. Der Befund: ein malignes Melanom. Im Deutschen klingt er drastischer: "Schwarzer Hautkrebs", er gilt als aggressivste Form des Hautkrebses. Peter B. hat Glück. Chirurgen schneiden das Melanom heraus, Metastasen werden nicht festgestellt. Auch in den Jahren danach: keinerlei Auffälligkeiten mehr.
Doch B. hat mittlerweile andere Probleme. Über die Jahre rutscht er immer tiefer in eine Alkoholsucht, trinkt am Ende exzessiv - bis ihn seine Frau vor die Tür setzt. "Körperlich und psychisch war das die Hölle", erinnert er sich heute. B. schafft den Ausstieg.


Der Krebs kam zurück

Eineinhalb Jahre lang unterzieht er sich einer ambulanten Therapie - und stellt sein Leben auf neue Beine. Seit zwölf Jahren ist er nun trocken, ohne Rückfall. Man könnte von Glück reden, doch Glück ist ein flüchtiger Geselle. Das musste Peter B. im August 2010 auf bittere Weise erfahren. Der Krebs ist zurück, 18 Jahre nach dem ersten Befund. Diesmal sind Lymphknoten in der linken Leiste befallen. Nur eine leichte Schwellung weist darauf hin. Einer ersten Operation folgt eine zweite im Februar 2012, mit weiteren Untersuchungen und lokalen Bestrahlungen. Es ist wie in einem Ringkampf: Auch diese Runde gewinnt Peter B. Doch der Kampf ist nicht zu Ende, er geht im Herbst 2015 erst in seine schicksalhafte Phase.
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Bei Routineuntersuchungen zeigt sich eine erhöhte Konzentration von Tumormarkern. Über die Ursache können die Ärzte zunächst nur rätseln. B. wird mit Computertomografie (CT), mit Magnetresonanztherapie (MRT) durchgecheckt. Als er mit der Familie in Urlaub fährt, liegt der Befund noch nicht vor. Sie sind gerade in Berlin, als ihn der Anruf der betreuenden Ärztin aus der Dermatologie der Uniklinik Würzburg ereilt: Der Krebs sei so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr zu operieren ist. "Es sieht nicht gut aus." Man müsse über andere Therapien nachdenken. Für B. ist diese Nachricht ein Schock. "Ich musste mich setzen. Alles um mich herum hat sich gedreht", erinnert er sich an den unwirklichen Moment.


"Dunkler Schleier"

Den gebuchten Urlaub abbrechen? Nein. Peter B. will die Zeit mit seiner Frau bewusst verbringen. Die beiden sprechen über alles, außer den Krebs. Es ist eine gezielte Verdrängung, "ein dunkler Schleier hat sich plötzlich über mein Leben gelegt", alles wird negativ - und dann die latente Angst: Ist es der letzte gemeinsame Urlaub, die letzte gemeinsame Fahrradtour? "Du läufst gefühlsmäßig gegen eine Wand", beschreibt B. den emotionalen Ausnahmezustand, der auch die Ehefrau erfasst. Der Patient versucht, in sich hineinzuhören, er hat keine Schmerzen, der Krebs ist nicht greifbar - "das ist das Schlimme daran".

B. stellt sich der Diagnose nach dem Urlaub. Beim Termin in der Würzburger Uniklinik erfährt er die volle Wahrheit: Der gesamte Oberkörper ist übersät mit tumorbefallenen Lymphknoten. Eine Operation? Sinnlos, ausgeschlossen. Im schriftlichen Befund steht wörtlich: "In diesem Stadium selten heilbar." Es ist der Satz, der B.'s Leben umdreht. "Dir zieht es alles zusammen, du fängst an zu heulen" - und vieles, was vorher wichtig war, wird plötzlich ganz unwichtig. Die Gewichte verschieben sich einfach. Und manche Diskussion um Nichtigkeiten wirkt für einen Betroffenen wie B. nun völlig surreal. Eine Chemotherapie kommt für Peter B. nicht mehr in Frage. Die letzte Hoffnung ist eine Immuntherapie. Vereinfacht gesagt: Das Immunsystem wird durch ein Medikament derart auf Höchstleistung getrimmt, dass es Krebszellen erkennt und sie bekämpft.


Hilfe aus der Würzburger Klinik

Die Würzburger Klinikärzte schlagen das Medikament Nivolumab vor, es ist in Deutschland gerade erst zugelassen worden. Das vermeintliche Todesurteil vor Augen geht Peter B. auf das Angebot ohne Zögern ein - trotz vier Seiten möglicher Nebenwirkungen, von Durchfall bis Unfruchtbarkeit. Alle 14 Tage werden ihm intravenös 100-Milliliter-Beutel verabreicht, drei Milligramm Nivolumab pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist eine sehr teure Behandlung. Laut B. kostet ein Beutel rund 5000 Euro. Die Krankenkasse bezahlt die Immuntherapie mit dem Medikament, bis auf eine Eigenleistung von zehn Euro pro Infusion. Ein Beitrag, den Peter B. natürlich nur zu gerne aufbringt.

Jeweils eine Stunde lang hängt der Patient am Tropf, trotzdem gehen ganze Vormittage in der Klinik drauf, 54 Infusionen und zwei Jahre lang bleibt Peter B. in dieser Behandlung. Eine Knötchenflechte am Fuß bekommt er als Nebenwirkung in den Griff. Viel schlimmer ist die psychische Belastung: "Dass der Krebs nicht mehr heilbar ist - dieser Gedanke taucht immer wieder auf."

B. ist einer der ersten Patienten, der an der Uniklinik mit Nivolumab behandelt wird, die Ärzte sind gespannt. Sechs Wochen nach der ersten Infusion kommt das Ergebnis der neuerlichen Tumoruntersuchung. Es ist ein Hoffen und Bangen. "Ich bin auf und ab gelaufen, habe nur auf diesen einen Anruf gewartet", blickt Peter B. zurück. Dann das Ergebnis: partielle Remission! Der Krebs zieht sich zurück, das Mittel schlägt an, die Blutwerte sind in Ordnung.


Medikament konnte helfen

Was für ein Moment, was für eine Erleichterung! Peter B. weiß: Es ist erst ein Anfang - aber es ist einer. Tränen des Glücks fließen bei ihm, auch bei seiner Frau, die es von ihrem Mann am Telefon erfährt und einer Arbeitskollegin um den Hals fällt. "Ich habe versucht zu kämpfen", sagt Peter B., "kannte aber den Gegner nicht. Jetzt ist er ans Tageslicht getreten. Es tut sich was, das hat meinen Kampfgeist geweckt. Ich habe gemerkt: Es gibt eine Chance!"

Der positive Befund weckt den Lebensmut. B. stellt begleitend zu den Infusionen die Ernährung um, geht joggen und fährt Fahrrad. Er reduziert Stress, lehnt manchen Auftrag ab und schafft sich Ruhenischen mit seiner Frau - gemeinsame Wochenenden, Kurzurlaube. Wie viele Krebspatienten spürt auch B. das sogenannte Fatigue-Syndrom - eine körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung. Das Leben darauf einzurichten, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, "das tut mir heute noch gut", sagt B.


Krebszellen vollständig verschwunden

Heute, das ist gut zweieinhalb Jahre nach der ersten Infusion von Nivolumab und dem Beginn der Immuntherapie. Im Oktober 2017 hört Peter B. von der Universitätshautklinik einen Satz, der seinem Leben - wie er selbst sagt - wieder einen Sinn und eine Perspektive gibt: "In den aktuellen Untersuchungen zeigte sich eine komplette Remission." Die Krebszellen sind vollständig verschwunden, B. soll das Medikament testweise für einige Wochen absetzen.

Und als danach, Anfang dieses Jahres, die komplette Remission von den Medizinern der Uniklinik bestätigt wird, ist Peter B. überzeugt: Sein Immunsystem hat durch die Behandlung "gelernt". Er ist glücklich: "Ich sehe den Krebs als besiegt an, er kann mir nichts mehr. Und wenn er zurückkommt - dann wissen wir, was zu tun ist." Peter B. ist gewappnet. Und all die Zeit, die nun für ihn und seine Familie noch kommt, nimmt er als Geschenk und verspricht: "Ich werde sie nicht vergeuden."