Chemnitz

Zehntausende bei Rockkonzert gegen Rechts

Etwa 50.000 Menschen protestieren beim Open-Air-Konzert in Chemnitz gegen Rechts. Zwei Gegenkundgebungen werden zuvor untersagt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Konzert in Chemnitz
Das Konzert in Chemnitz stand unter dem Motto «#wirsindmehr».
+8 Bilder

Gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt haben gut 50.000 Menschen am Montag bei einem Konzert in Chemnitz protestiert. Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub, Marteria oder Feine Sahne Fischfilet spielten unter dem Motto «#wirsindmehr» in der drittgrößten sächsischen Stadt.

Die Veranstaltung war eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen Deutschen vor gut einer Woche sowie die folgende Vereinnahmung der Bluttat durch rechtspopulistische Kräfte wie Pro Chemnitz beziehungsweise AfD und Pegida.

Am Abend war die Lage rund um das Konzert störungsfrei, wie eine Polizeisprecherin sagte. Die Polizei in Chemnitz wurde nach den Angaben aus sechs Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt. Eine genaue Anzahl der eingesetzten Beamten nannte sie nicht.

Mit dem Gratis-Konzert wollten die beteiligten Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. «Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet», sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer, der aus Chemnitz stammt, vor Beginn des Open Airs. «Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist.» Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der Kraftklub vor Monaten noch als «unmögliche linke Band» bezeichnet hatte, dankte der Band für ihr Engagement.

Der Rapper Marteria fühlte sich durch die Vorkommnisse in Chemnitz an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Er habe damals 1992 in Rostock gewohnt und jahrelang damit zu kämpfen gehabt, dass Rostock als «Nazi-Stadt» abgestempelt gewesen sei. «Mir geht es darum, dass die Leute, die aus Sachsen, aus Chemnitz sind, auch sagen können: "Hey, ich bin aus Chemnitz», ohne dass gesagt wird: «Ah, musst Du also ein Nazi sein."»

Laut Tote-Hosen-Sänger Campino waren die beteiligten Bands heftigen Anfeindungen im Internet ausgesetzt. Auf den Facebook-Seiten gebe es «immense Shitstorms» gegen die Musiker, sagte Sampino in Chemnitz. «Man muss schon ein dickes Fell haben, um zu sagen: Ich gehe trotzdem nach vorne.»

Am Rande des Konzertes sollten Spendengelder gesammelt werden. Nach Angaben der Organisatoren soll die Hälfte des Geldes der Familie des Getöteten zugute kommen, die andere Hälfte ist für antifaschistische, antirassistische und zivilgesellschaftliche Initiativen in Sachsen vorgesehen.

Vor dem Open-Air-Konzert kritisierten CDU-Politiker die Unterstützung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die Veranstaltung. «Ich halte das für sehr kritisch», sagte Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer der «Welt». Wie zuvor ihr Parteikollege Philipp Amthor monierte sie, dass Steinmeier die Ankündigung der Veranstaltung auf seinem Facebook-Account geteilt hatte.

Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern hatte die teilnehmende Punkband Feine Sahne Fischfilet zeitweise wegen «linksextremistischer Bestrebungen» im Blick, seit längerem jedoch nicht mehr. In einem früheren Lied hatte sie Gewalt gegen Polizisten besungen.

«Wenn man sich gegen Faschismus ausspricht und gegen Rassismus auf die Straße geht, ist man nicht gleich ein Linksextremist», sagte Felix Monchi von Feine Sahne Fischfilet vor Konzertbeginn. Ohnehin gebe er nicht viel auf den Verfassungsschutz. «Das ist doch die Behörde, die den NSU mit ermöglicht hat.»

Vor dem Konzert hatte die Stadt Chemnitz zwei Kundgebungen gegen das Konzert untersagt. Die fremden- und islamfeindliche Thügida wollte sich in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsgelände unter dem Motto «Gegen antideutsche Kommerzhetze» versammeln. Begründet wurde die Absage damit, dass die Veranstaltungsfläche bereits belegt sei. Mit dem gleichen Argument wurde auch eine Kundgebung von Pro Chemnitz erneut vor dem Karl-Marx-Monument untersagt.

Am Montag gab auch die Staatsanwaltschaft Neuigkeiten zu den Ermittlungen nach den tödlichen Messerstichen bekannt. Demnach haben der Iraker und der Syrer, die wegen gemeinschaftlichen Totschlags in U-Haft sitzen, zu den Tatvorwürfen ausgesagt. «Sie haben sich eingelassen», sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Chemnitz, Ingrid Burghart. Zu den Einzelheiten mache sie jedoch keine Angaben.

Es gebe bislang keine Erkenntnisse zum Anlass des Streits, der den tödlichen Messerstichen vorangegangen ist. «Nach gegenwärtigem Ermittlungsstand kann man lediglich ausschließen, dass eine Belästigung oder ausländerfeindliche Motive Auslöser der Tat waren», sagte die Oberstaatsanwältin.

Im Zusammenhang mit den Protesten und Demonstrationen in Chemnitz gibt es bisher 51 Ermittlungsverfahren. In den meisten Fällen sind die Tatverdächtigen vom 26. und 27. August unbekannt, wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden mitteilte. Es gehe um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen wie den Hitlergruß, Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung, Verdacht des Landfriedensbruchs, Beleidigung sowie gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr durch Blendung der Piloten von Polizeihubschraubern mit Laser-Pointern.

Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel (CDU), hatten nach den Auseinandersetzungen vor «Hetzjagden» gewarnt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat die Auswertung von Videos zwar noch nicht abgeschlossen, der Sprecher sagte aber: «In dem Teil, in dem wir bereits gesichtet haben, wurden keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass es solche Hetzjagden gegeben haben könnte.» Bei den Auseinandersetzungen hatte es am Montag vergangener Woche mindestens 20 Verletzte gegeben.



Verwandte Artikel