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Zecken

Zecken-Alarm in Deutschland: Gefährliche FSME breitet sich aus - wie groß ist die Gefahr?

Die tückische Krankheit FSME breitet sich aus. Sie kann durch einen Zeckenbiss übertragen werden. Wie groß ist die Gefahr - und hilft dagegen eine Impfung? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Zecken, Borreliose und FSME.
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Die tückische Krankheit FSME breitet sich aus. Experten sind ratlos. Fragen und Antworten zum Thema Zecken, Borreliose und FSME. Foto: Patrick Pleul/dpa
Die tückische Krankheit FSME breitet sich aus. Experten sind ratlos. Fragen und Antworten zum Thema Zecken, Borreliose und FSME. Foto: Patrick Pleul/dpa
Die Gefahr einer Infektion mit der tückischen Krankheit FSME durch einen Zeckenbiss breitet sich nach Erkenntnissen von Zeckenforschern in Deutschland nach Norden aus. Zwar traten die weitaus meisten Erkrankungsfälle (85 Prozent) im Jahr 2017 in Süddeutschland auf, wie Zeckenexperten am Dienstag in Stuttgart sagten. Doch zuletzt haben sich demnach auch vermehrt Menschen an der niedersächsisch-niederländischen Grenze, in privaten Gärten in Berlin oder auch in Stadtparks in Mecklenburg-Vorpommern angesteckt. Dabei handelt es sich jeweils um wenige Einzelfälle.


FSME wird durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen

"Wir haben eine Dynamik, die wir nicht verstehen", räumte Gerhard Dobler ein, Leiter des Deutschen Konsiliarlabors für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). An der Stuttgarter Uni Hohenheim treffen sich Experten zum 4. Süddeutschen Zeckenkongress. FSME kann zu Hirnhautentzündung führen. In der Regel wird FSME durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen. Bei 100 Menschen, die von einer infizierten Zecke gebissen werden, bricht die Krankheit Experten zufolge bei 30 aus.


Weniger Zecken - mehr Erkrankungen


Das Robert-Koch-Institut registrierte im vergangenen Jahr bundesweit fast 500 Erkrankungsfälle - und damit die zweithöchste je registrierte Zahl. Einen Trend zu immer mehr Erkrankungen gebe es aber nicht, hieß es vom RKI. "Der Trend ist die Schwankung", sagte eine Sprecherin. Experte Dobler nannte eine Schwankungsbreite der letzten Jahre von bundesweit 250 bis 500 Erkrankungsfälle.

Ungewöhnlich sei 2017, dass es nach Zählungen insgesamt weniger Zecken gab, jedoch mehr Erkrankungen. Tückisch sei, dass Verbreitungsgebiete von FSME infizierten Zecken oft nicht größer als ein Fußballfeld seien und über Jahre stabil bleiben könnten. Genauso könnten Zecken, die das Virus in sich tragen, von einem auf das nächste Jahr verschwinden. "Wir haben noch keine Erklärung für so eine Entwicklung", sagte Dobler. Wie ein solcher Erkrankungsherd in der Natur entstehe oder verschwinde, sei noch lange nicht geklärt, ergänzte Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Uni Hohenheim.


Regional starke Unterschiede bei FSME


Die Entwicklung bleibe regional sehr unterschiedlich, berichteten die Experten: So sei die Zahl der FSME-Infektionen 2017 etwa in Unterfranken stark zurückgegangen, in der Alpenregion in einigen Tälern hingegen deutlich nach oben gegangen. Ein Grund könne das Wetter sein: So habe es im Sommer eine Kältewelle gegeben, zwei Wochen später wurde es warm und wieder zwei Wochen später wurde ein großer Krankheitsausbruch registriert. Offenbar habe es die Menschen nach der Kälte ins Freie gezogen - und das genau in der jahreszeitlichen Hochphase des Gemeinen Holzbocks, eine der FSME-übertragenden Zeckenarten.

Der relativ neue Übertratungsweg bei FSME über Rohmilch von infizierten Weidetieren habe auch im vergangenen Jahr eine Rolle gespielt. Erst 2016 hatte ein Fall Schlagzeilen gemacht, bei dem sich zwei Menschen an Rohmilch-Käse aus Ziegenmilch angesteckt hatten. 2017 seien acht solcher Fälle registriert worden, berichtete Mackenstedt.


Bayern besonders betroffen


85 Prozent der Erkrankungsfälle traten in Bayern und Baden-Württemberg auf. In Bayern waren es den Angaben zufolge 239 Erkrankungsfälle, die höchste Zahl seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001. Schwerpunkt seien die Regionen entlang des Alpenkamms. Einen Rückgang gab es dagegen in Unterfranken.

Ein Grund für die hohe Erkrankungszahl 2017 könnte das Wetter gewesen sein, vermuten die Forscher: Im Sommer 2017 strömten Menschen nach einer Kältewelle genau dann in die Natur, als die FSME-übertragenden Zecken Hochsaison hatten.

Künftig soll ein Computermodell Prognosen für das Folgejahr errechnen, wo das Zecken-Risiko besonders hoch wird. Grundlage sind Beobachtungsdaten von knapp 100 Standorten. Im Blick sind dabei auch ortstreue Nagetiere, die als Larvenwirte für die Zecken gelten und an denen sich die Zecken die FSME-Erreger holen.


Acht Fragen und Antworten zum Thema Zecken


Zecken lauern im Unterholz, in Büschen oder in hohem Gras. Die lästigen Blutsauger werden schon bei niedrigen Plusgraden aktiv und können Krankheitserreger übertragen. Weitere Informationen zum Thema Zecken finden Sie hier.


Welche Zeckenarten gibt es in Deutschland?


Am häufigsten kommt der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) vor. Er kann verschiedene Krankheitserreger übertragen, vor allem Lyme-Borreliose, eine Bakterieninfektion, oder die von Viren verursachte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Auch in der eingewanderten Auwaldzecke wurde das FSME-Virus gefunden.


Wo kann ich von den Spinnentieren befallen werden?


Überall in der Natur - in Wäldern, Wiesen, Parks und Gärten. Zecken bevorzugen eine feuchte Umgebung. Sie können nicht springen und fallen auch nicht von Bäumen herab, sondern klettern auf Grashalme und Gebüsch. Streift man den Winzling im Vorbeigehen, klammert er sich fest.


Wie sieht es mit der Infektionsgefahr aus?


Die Lyme-Borreliose ist die am häufigsten durch Zecken übertragene Erkrankung in Deutschland. Schätzungen gehen von mehreren Zehntausend Neuerkrankungen pro Jahr aus, die Diagnose ist schwierig. Die Gefahr, sich mit FSME anzustecken, ist wesentlich geringer. 250 bis 500 Menschen erkranken Experten zufolge jedes Jahr daran. Im vergangenen Jahr waren es laut Robert-Koch-Institut knapp 500.


Wo sind die Risikogebiete?


Während die FSME vor allem in Süddeutschland auftritt, kann sich die Lyme-Krankheit im ganzen Land entwickeln. Experten zufolge wurden zuletzt auch in Norddeutschland, etwa im westlichen Niedersachsen oder in Berliner Großstadtgärten FSME-Erkrankungen registriert.


Sticht die Zecke sofort zu?


Nein. Sie krabbelt zunächst längere Zeit auf dem Körper umher, um eine geeignete Stelle zu finden. Deshalb sollte man gleich nach dem Aufenthalt in einem möglichen Zeckengebiet vor allem Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Armbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich und Kniekehlen absuchen.


Und wenn sich schon eine Zecke festgebissen hat?


Die Zecke sollte möglichst schnell mit einer Pinzette oder einer speziellen Zeckenzange herausgezogen werden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Die Tiere können mehrere Tage lang Blut saugen. Zu einer Borreliose-Infektion kommt es innerhalb der ersten zwölf Stunden nach dem Stich nur selten. Die Borrelien sind im Darm der Zecke, und es dauert eine Weile, bis sie nach draussen gelangen. FSME-Viren werden dagegen schon innerhalb kurzer Zeit nach dem Stich übertragen.


Wie sind die Symptome?


Treten nach einem Zeckenbiss Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen oder Abgeschlagenheit auf, kann das auf Borreliose hindeuten. Ein charakteristisches Merkmal ist zudem eine sogenannte Wanderröte: eine sich ringförmig ausbreitende Hautrötung. Später können Nervenlähmungen, Hirnhautentzündungen oder entzündliche Schwellungen der Knie- und Sprunggelenke auftreten. Auch eine FSME-Infektion äußert sich zunächst mit grippeähnlichen Symptomen und kann zu einer Entzündung der Hirnhaut, des Hirns oder des Rückenmarks führen.


Kann man sich vorbeugend impfen lassen?


Gegen die Lyme-Borreliose gibt es keine Impfung, sie ist aber gut mit Antibiotika zu behandeln. Gegen FSME kann man sich dagegen impfen lassen. Der Schutz ist vor allem für Menschen in Risikogebieten wichtig, denn FSME lässt sich nicht wirksam behandeln. Bundesweit sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft, in Österreich sind es laut Experten 80 Prozent.