Bamberg
Interview

Warum Journalisten mehr Haltung brauchen

Warum dies auch für den Journalismus gilt und welche Konsequenzen Journalisten daraus ziehen sollten, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Klaus Meier.
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Systematisch vertuschte  Skandale    in  Kirche und Industrie sowie       die von Trump und der rechtspopulistischen Internationalen    betriebenen  Angriffe  auf  die Glaubwürdigkeit der Presse    sind Krisensymptome der   freiheitlichen Grundordnung.  Fotos: John MacDougall/afp, Bernd Wüstneck/dpa, Shelby Lum/dpa, Mark Lennihan/AP, dpa, Julian Stratenschulte/dpa, Micho Haller Montage: Micho Haller
Systematisch vertuschte Skandale in Kirche und Industrie sowie die von Trump und der rechtspopulistischen Internationalen betriebenen Angriffe auf die Glaubwürdigkeit der Presse sind Krisensymptome der freiheitlichen Grundordnung. Fotos: John MacDougall/afp, Bernd Wüstneck/dpa, Shelby Lum/dpa, Mark Lennihan/AP, dpa, Julian Stratenschulte/dpa, Micho Haller Montage: Micho Haller
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Unsere freiheitliche Grundordnung fußt auf stabilen Institutionen und dem Vertrauen, das die Menschen ihnen entgegenbringen. Was heißt es vor diesem Hintergrund für Demokratie und Rechtsstaat, wenn nicht nur Politik, Wirtschaft und Kirche, sondern auch die Presse an Vertrauen einbüßt?

In den Augen des Kommunikationswissenschaftlers Klaus Meier sind die Probleme des Journalismus nur eines von vielen Krisensymptomen der offenen Gesellschaft. Was es jetzt brauche, seien Journalisten mit Haltung und der Bereitschaft zur Selbstkritik. Dieselskandal, Flüchtlingskrise, sexueller Missbrauch: Wir erleben einen Vertrauensverlust in Wirtschaft, Politik oder Kirche. Obwohl es die etablierten Medien sind, die genau diese Entwicklungen aufarbeiten und aufdecken, wird die Arbeit der Journalisten zunehmend angezweifelt. Warum?

Klaus Meier: Eine gesunde Skepsis, ob Journalismus uns richtig informiert und die wichtigen Themen auswählt, ist in einer demokratischen Gesellschaft grundlegend wichtig und sinnvoll. Weltweite Befragungen zeigen, dass Nachrichtenmedien in autoritären Regimen von der Bevölkerung als wesentlich glaubwürdiger eingeschätzt werden als in Demokratien. Ein überraschender Befund! In der pluralistischen Demokratie ist eben vieles nicht so eindeutig. Wir müssen eine Vielfalt an Meinungen und die Komplexität der Gesellschaft aushalten - und offenhalten. Wenn die Demokratie kippt, wie derzeit zum Beispiel in Ungarn, Polen oder in der Türkei, ist es eines der ersten Ziele der Regierungen, Journalisten zu kontrollieren oder sogar zu verhaften und kritische Medien zu verbieten - und eine gesäuberte, einseitige Öffentlichkeit herzustellen.

Aber auch in pluralistischen Demokratien stehen Journalisten unter erhöhtem Rechtfertigungszwang. Zu Recht? Natürlich machen auch Journalisten in der Demokratie wie jede andere Berufsgruppe auch Fehler. Und diese Fehler sind dann sofort öffentlich sichtbar und kritisierbar. Das ist bei intransparenten Berufen anders wie zum Beispiel bei Ärzten, Richtern, Polizisten oder Wissenschaftlern, die von der Bevölkerung weit mehr geschätzt werden als der Beruf des Journalisten. Das gilt auch für Politiker, die immer und jederzeit mit ihren Stärken und Schwächen im Licht der Öffentlichkeit stehen - und bei groben Fehlern in der Demokratie abgelöst werden. Wie stark hat die Presse an Vertrauen eingebüßt?

Dass die Menschen in Deutschland immer weniger Vertrauen in Journalismus hätten, ist eine Erzählung, die von interessierter Seite - vor allem von rechtsnationalen Gruppen mit Begriffen wie "Lügenpresse" - befeuert wird und die wissenschaftlich betrachtet nicht stimmt. Wie sehr kann man bei wirklich wichtigen Dingen den Medien vertrauen, fragt eine Langzeitstudie der Universität Mainz. Man kann "eher" oder "voll und ganz" vertrauen, sagen 2017 42 Prozent. 2008 waren es noch 29 Prozent, 2015 nur 28 Prozent. Jedoch hat die populistische Propaganda der vergangenen Jahre Spuren hinterlassen: 13 Prozent denken, sie würden von den Medien systematisch belogen. Das waren vor zehn Jahren noch deutlich weniger.

Soziale Netzwerke verstärken Zweifel an der Arbeit etablierter Medien. Facebook & Co. sind für eine ganze Reihe von Menschen zu den einzig relevanten Informationsquellen geworden. Wie können wir diesen Menschen den Wert unabhängiger, ungefilterter Berichterstattung vermitteln?

Das ist sicher nicht leicht. In erster Linie ist das natürlich eine Bildungsfrage: Die Wertschätzung einer freien Berichterstattung geht Hand in Hand mit der Wertschätzung einer offenen Demokratie und einer vielfältigen Gesellschaft. "Demokratie erklären" ist deshalb nicht nur elementar in der Schule, sondern auch eine wichtige Aufgabe für Journalisten. Wie? Vielleicht ist es so manchen Journalisten gar nicht bewusst, auf welchem Boden sie stehen, wenn sie die Politik - bei aller wichtigen Kritik an der Tagespolitik - übertrieben skandalisieren und dauerhaft negativ darstellen und so Angst, Unsicherheit und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber unserem politischen System säen. Es kann dann der Eindruck entstehen, dass unsere offene Gesellschaft die Probleme nicht in den Griff bekommt und zum Scheitern verurteilt ist. Das wäre fatal.

Vertrauensverlust mündet in Misstrauen. Das wiederum ist Nährboden für Falschaussagen. Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft baut jedoch auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf. Wie können Wirtschaft, Politik, Kirche und auch Medien Vertrauen zurückgewinnen?

Natürlich sollte man in erster Linie einen guten Job machen und möglichst wenige Fehler begehen. Dazu gehört aber auch der Ruf nach mehr Transparenz, der inzwischen ja unüberhörbar ist: Fehler zugeben, korrigieren, auf Wiedergutmachung achten. Für den Journalismus wissen wir aus Studien, dass es das Vertrauen stärkt, wenn Redaktionen ihre Arbeitsweise offenlegen und erklären, warum wie entschieden wurde oder dass in Artikeln Quellen offen gelegt werden und Informationen nachvollziehbar sind. Und nicht zuletzt ist ein Trend unterstützenswert, der sich konstruktiver Journalismus nennt. Nicht immer nur kritisieren? Redaktionen recherchieren nicht nur Probleme und Missstände, sondern auch gezielt nach möglichen Lösungen und hoffnungsvollen Perspektiven. Denn die Welt ist bei weitem nicht so schlecht und hoffnungslos, wie sie im Bild der Nachrichtenmedien erscheint.

Journalisten werden in politisch aufgewühlten Zeiten häufiger als sonst mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden den Leuten sagen, was sie denken sollen. Stimmt das?

Journalismus trägt durch Kommentierung zur Meinungsbildung bei. Das ist gut und richtig. Allerdings sollten Redaktionen verstärkt darauf achten, gemäß der angelsächsischen Tradition Nachricht und Kommentar, Faktenpräsentation und Meinungsdarstellung zu trennen. In erster Linie sollten Journalisten allerdings tatsächlich eine klare Haltung vermitteln. In welcher? Journalismus muss immer und ohne Einschränkung für Demokratie und Menschenwürde eintreten - und hier muss Journalismus auch den Leuten sagen, dass sie Demokratie und Menschenwürde zu achten haben. Das darf man nicht relativieren. Journalismus ist Hüter der Demokratie, und die Qualität des Journalismus leitet sich unmittelbar aus den Werten einer offenen Gesellschaft ab. Feinde der offenen Gesellschaft sind deshalb immer auch Feinde des Journalismus.

In Chemnitz und Köthen wurden Journalisten tätlich angegriffen. Polen und Ungarn schränken die Pressefreiheit ein. Die Situation der Medien ist ein Frühwarnsystem für die Bedrohung demokratischer Strukturen. Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Eine neue Faszination des Autoritären und eine rechtsnationale Ideologie, die Angst vor Fremden, Vorurteile und Verunsicherung und eben auch ein Misstrauen gegenüber der offenen Gesellschaft befeuert, frisst sich in die Mitte der Gesellschaft. Wir sind alle gefordert, den Wert unserer offenen Demokratie in Deutschland und in Europa, die uns 73 Jahre Frieden geschenkt hat, immer wieder zu betonen und zu verteidigen. Demokratie ist keine garantierte Selbstverständlichkeit.

Was macht heute für Sie guten Journalismus aus?

Auf durchgehende Themenvielfalt achten, vielfältige Menschen zu Wort kommen lassen, Lebenswirklichkeit vielfältig abbilden, immer wieder die Fakten checken und exakt recherchieren, komplexe Themen erklären, einfache Gegenüberstellungen demaskieren, Perspektiven, Hoffnung und Lösung aufzeigen - und das Publikum ernst nehmen und mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren.

Das Gespräch führte Frank Förtsch.

Biografie Klaus Meier ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Karriere Zuvor war der 49-jährige gelernte Zeitungsredakteur Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt sowie der Technischen Universität Dortmund. Meier ist Träger des Ars-legendi-Preises für exzellente Hochschullehre 2017. Darüber hinaus ist Meier stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft

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