Berlin

Warum das 365-Euro-Ticket Quatsch ist und ein kostenloser Nahverkehr der Umwelt mehr schadet als hilft

Ein Euro am Tag, oder gar umsonst: Der ÖPNV soll billiger werden. Das könnte der Umwelt mehr schaden, als helfen. Im Zentrum der Debatte sollte vielmehr ein Begriff stehen, den Politiker meiden, wie der der Teufel das Weihwasser. Ein Kommentar.
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Wie teuer muss Verkehr sein, wie billig darf er sein? Die Debatte um das 365-Euro-Ticket im ÖPNV zeigt, dass die Klimapolitik sich in eine Sackgasse manövriert hat. Symbolbild:  Paul Zinken/dpa
Wie teuer muss Verkehr sein, wie billig darf er sein? Die Debatte um das 365-Euro-Ticket im ÖPNV zeigt, dass die Klimapolitik sich in eine Sackgasse manövriert hat. Symbolbild: Paul Zinken/dpa

365 Euro im Jahr, einen Euro am Tag - für diesen geringen Obolus sollen die deutschen Bürger in Zukunft den Öffentlichen Nahverkehr nutzen dürfen. Klingt gut, oder? Ist aber ziemlicher Quatsch - vor allem, wenn man den Klimaschutz im Blick hat.

Erklärtes Ziel der Politik: CO2-Emissionen senken

Die Forderung geistert seit geraumer Zeit durch die politische Landschaft: Um dem Klimawandel entgegenzutreten, muss der Personenverkehr runter von der Straße, raus aus dem privaten Auto - und rein in Bus und Bahn. Das Ziel: Die CO2-Emissionen (pro Kopf) senken. Dass dabei den Bürgern sogar noch mehr Geld in der Tasche bleibt, als zuvor, kann als zusätzlicher Vorteil begriffen werden. Dass Klima schützen und die Menschen finanziell entlasten - was will man mehr? Das klingt doch nach einer klassischen Win-Win-Situation. Oder als stamme die Idee aus dem feuchten Traum eines beliebigen Bundespolitikers.

Das 365-Euro-Ticket ist kontraproduktiv

Davon abgesehen, dass das Geld für ein solches 365-Euro-Ticket natürlich trotzdem irgendwo her kommen muss: Aus rein ökologischer Sicht ist ein 365-Euro-Ticket oder gar die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs eher kontraproduktiv - und passt gerade deshalb perfekt in unsere moderne Gesellschaft.

Denn Umweltpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeutet häufig, dass man irgendetwas als umweltschädlich verdammt, um dann ein neues, scheinbar umweltfreundlicheres Produkt im großen Stil zu verkaufen - und dadurch noch mehr Energie und Ressourcen zu verbrauchen und Müll zu produzieren.

E-Scooter als Perversion des Umweltschutzes

Bis zur Perversion getrieben, kann man dies gerade bei E-Scootern beobachten: Als umweltfreundliche Alternative zum Auto wurde es angepriesen. Stattdessen werden Roller statt Rädern oder ÖPNV verwendet - oder auf Strecken genutzt, die die Menschen zuvor zu Fuß gingen. Dass ergibt, gelinde gesagt,kaum Sinn. Dabei hat man dann die Produktions- und die laufenden Betriebskosten der E-Scooter noch nicht einmal mitbetrachtet.

Aber zurück zum 365-Euro-Ticket. Eine wirklich umweltbewusste, klimafreundliche Verkehrspolitik sollte die realen Kosten des Verkehrs widerspiegeln. Die momentanen Probleme im Verkehr stammen daher, dass der Verkehr zu billig ist, nicht zu teuer. Gerne wird das anhand der Produktion deutlich gemacht: Wenn der Transport mit großen Lastschiffen und Lkw kaum etwas kostet, wird es lukrativ, Fleisch aus Argentinien oder Obst aus Neuseeland quer über den Globus zu karren, statt es vom Landwirt um die Ecke zu beziehen. Das ist irrwitzig.

Der ÖPNV ist nicht zu teuer - er ist zu billig

Selbes gilt auch für den öffentlichen Nahverkehr: Wenn Millionen Menschen täglich mit dem Auto zur Arbeit pendeln (müssen), kann es umwelttechnisch doch nicht die Lösung sein, den Nahverkehr billiger zu machen. Denn das würde vor allem Anreize schaffen, noch mehr (und weiter) zu pendeln.

Stattdessen müsste der Verkehr in Deutschland grundsätzlich teurer werden: Der ÖPNV ein bisschen, der Autoverkehr und der Flugverkehr sehr viel. Wenn dies zu Lasten von Menschen mit geringen Einkommen geht, dann muss dies eben durch staatliche Förderungen oder Steuerumverteilungen ausgeglichen werden. Deswegen heißt es ja Steuern: Weil man damit eine gesellschaftliche Entwicklung steuern kann.

Man könnte auch über die Förderung alternativer Arbeitsmodell nachdenken: Muss man wirklich immer ins Büro pendeln? Kann Homeoffice nicht oft eine Alternative darstellen? Es sind viele Möglichkeiten denkbar - nur leider sind diese nicht so simpel und plakativ wie ein 365-Euro-Ticket. Und viele haben leider auch etwas mit Verzicht zu tun - etwas, was der moderne Mensch ungefähr so fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser.

Der einzige Weg ist Verzicht

Doch um dies an dieser Stelle noch einmal ganz klar zu formulieren: Falls man eine wirklich sinnvolle Klimapolitik umsetzen will, geht dies nicht ohne Verzicht. Man kann darüber streiten, wer wo auf was verzichten muss - aber eine nachhaltige Wirtschaft ohne Verzicht ist nicht nur unrealistisch, sie ist schlichtweg unmöglich. Und Verzicht heißt eben nicht, dass man auf das eine verzichtet, um dafür im gleichen Maß etwas anderes zu nutzen.

Insofern sollten Politiker aufhören, den Menschen die Taschen vollzulügen und zu behaupten, man müsse nur an der ein oder anderen Stellschraube drehen, um den Klimawandel aufzuhalten. Dass sie nur ihren Müll trennen und recyceln müssten. Dass sie nur ab und zu das Auto stehen lassen und mit der Bahn fahren müssten. Sie sollten den Menschen sagen, dass Verzicht unumgänglich ist und dieser auch Weh tun wird. Erst dann ist eine Klimapolitik möglich, die diesen Namen auch wirklich verdient.