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Psychologie

Verschwörungstheorien: Warum glauben Menschen daran?

Verschwörungstheorien sind durch prominente Vertreter so sichtbar wie nie. Doch warum glauben manche Menschen an Adrenochrom-Verschwörungen, Reptiloiden oder eine Impfung die zur Unsterblichkeit verhilft?
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Verschwörungstheorien: Warum glauben Menschen daran?
Haben Aliens uns längst unterwandert? Gibt es eine gehime Verschwörung? Und was ist eigentlich mit dem Coronavirus? Foto: Comfreak/Pixabay

Die Reptiloide stammen von Reptilien oder reptilienartigen Außerirdischen ab und haben die Erde unterwandert als Teil einer geheimen pyramidenartigen Organisationsstruktur. Reiche Menschen entführen Kleinkinder und foltern sie um Adrenalin im Blut der Kinder herauszuziehen und dieses anschließend zu trinken, um ihren Alterungsprozess zu verlangsamen.

Bill Gates hat die Coronavirus-Pandemie initiiert um die Weltbevölkerung zu dezimieren. Oder aber: Die Menschheit soll mit Zwangsimpfungen unsterblich gemacht werden, um nie die Erlösung im Tod finden zu können.

Psychologie: Darum glauben Menschen Verschwörungstheorien

Diese Beispiele sind nur einige der gängigen Verschwörungstheorien die sowohl im Netz, in Telegram-Gruppen oder auch auf YouTube verbreitet werden. Und auch wenn die Beispiele jedweder Logik entbehren und jeglichen Beweis schuldig bleiben, so liefern sie doch interessante Aufschlüsse darüber, was manche in schwierigen Lebensphasen beschäftigt. Denn: Warum glauben manche überhaupt an diese oder ähnliche Thesen?

Einen möglichen ersten Anhaltspunkt finden wir in der Psychologie. Genauer gesagt in unseren Grundbedürfnissen. Das Klaus-Grawe-Institut für psychologische Therapie aus Zürich unterteilt diese Grundbedürfnisse in vier Kategorien. Die Bindung und Zugehörigkeit, die Orientierung und Kontrolle, Lustgewinnung und Unlustvermeidung sowie Selbstwerterhöhung und Schutz. Kann ein Mensch diesen Grundbedürfnissen nicht nachgehen, dann belastet ihn das.

Beispielsweise stehen die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen genau im Gegensatz zu unserem Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit. Das schürt Frust, Verzweiflung und Angst. Genauso verhält es sich mit dem Bedürfnis nach Kontrolle. Ein Virus, noch dazu eine neuartige Mutation eines Virus wie es beim Coronavirus der Fall ist, sorgen für Unsicherheit. Dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf langfristigen Forschungsergebnissen basieren, die vor allem Zeit benötigen, hilft dem verunsicherten einzelnen in diesem Fall recht wenig. Und genau da setzen Corona-Verschwörungsmythen an.

Verschwörungstheorien: "Sei ein Held, kein Mitläufer"

Sie bieten eine geradezu perfekte Dramaturgie. Denn: Wer Uneindeutigkeiten und Widersprüche nicht so gut aushalten kann, der könnte sich von der gesellschaftlichen Lage stark verunsichert, vielleicht sogar provoziert fühlen. In einem solchen Zustand sei man laut Aussagen der Psychologen aus Zürich besonders anfällig für die meist sehr simpel gestrickten Verschwörungstheorien.

Denn diese unterteilen die Welt in ein stark vereinfachtes Schema. Gut und Böse, Freund und Feind. Abstufungen sucht man in diesen Erzählungen vergeblich. Durch diese Schemata werden die Sachverhalte vermeintlich leichter verstehbar und der einzelne bekommt ein Gefühl von Kontrolle über sein Leben zurück. Dem „Bösen“ wird in Form der Regierung oder einer unbekannten Elite ein „Gesicht“ gegeben. Und einen Feind, den man kennt, den kann man auch Besiegen. Mehr noch: Die Menschen die diesem Schema verfallen, bekommen sogar noch einen Ego-Push obendrauf: Sie schwingen sich selbst zum Helden in Zeiten der Ungewissheit auf. Sie betrachten sich als die, „die wissen, was wirklich vorgeht“, und müssen zudem andere vor „den bösen Verschwörern“ retten. Nicht umsonst sind Begriffe wie das „aufwachen“ so beliebt wie nie. Denn das impliziert, dass bis auf sie selbst niemand nachdenken und hinterfragen würde.

Die vermeintlichen Verschwörer wie die Regierung, Presse oder Gesundheitsorganisationen werden stets als absolut Böse beschrieben. Und dagegen müsse man sich zur Wehr setzen, ansonsten drohe der Untergang. Damit wird ein apokalyptisches Bild von einer Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse gezeichnet. Und genau das macht Verschwörungsideologien so gefährlich. Denn in einem apokalyptischen Kampf und der darin inkludierten Notwehrsituation wird eine vermeintliche Situation beschworen, die letztlich auch Gewalt legitimiert. Jedenfalls, solange sie im Sinne des Kampfes gegen „die bösen“ angewandt wird. Das zeigt in der jüngsten Vergangenheit auch der vegane Koch Attila Hildmann, der regelmäßig mit Waffen in seinem Instagram-Profil posierte. Mittlerweile hat er diese Posts auch auf Telegram ausgeweitet. Auch die Anschläge aus Halle und Hanau haben einen direkten Bezug zu Verschwörungsideologien.

Wie spreche ich Verschwörungstheoretiker richtig auf das Thema an?

Doch wie spricht man mit jemandem, der sich so weit in dem Glauben an Verschwörungstheorien verrannt hat? Wichtig sei, „sich in Ruhe mit der betroffenen Person auseinanderzusetzen und auch die Bedenken ernst zu nehmen“, sind sich die Forscher der Universität Bamberg und die Netzaktivistin Katharina Nocun einig. Die Aktivistin gibt zu bedenken: „Wenn man jemanden mit 20 Links zu Quellen und weiteren Belegen zuschüttet, läuft man Gefahr, dass der Mensch komplett dichtmacht und nicht mehr offen für einen konstruktiven Diskurs ist“, schildert sie dem NDR. Als Erkenntnis könne man nur mitnehmen, dass Krisen persönlicher oder gesellschaftlicher Natur direkten Einfluss auf den einzelnen haben. Und das einzige Gegenmittel dafür sei die Interaktion mit anderen Menschen. „Die Menschen müssen sich mehr umeinander kümmern“, meint Nocun.

Denn allen gefährlichen Tendenzen in Zeiten der Corona-Pandemie zum Trotz ist das Vertrauen in die Wissenschaft gewachsen.