• Polizeibeamte finden 7-Jährigen halb verhungert im Schrank
  • Junge wiegt nur noch 13,8 Kilogramm
  • Mutter steht unter Tatverdacht
  • Urteil am am Landgericht Hildesheim ist gefallen

Im Fall eines 7-jährigen Jungen, den die Polizei in Hildesheim halb verhungert in einem Schrank aufgefunden hat, ist am Landgericht jetzt ein Urteil gegen die 60-jährige Mutter gefallen.

Update vom 17.06.2021, um 14.41 Uhr: Urteil ist gefallen - 60-jährige Mutter muss in Haft

Schläge mit einer Thermoskanne, Einsperren und Essensentzug als Strafe: Nach schwerer Misshandlung ihres siebenjährigen Sohnes im Corona-Lockdown ist eine Mutter vor dem Landgericht Hildesheim am Donnerstag zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Die 60-Jährige hatte alle ihr vorgeworfenen Taten gestanden und auf ihren mangelnden Zugang zu ihren eigenen Gefühlen verwiesen. Es ging im Prozess auch um Übergriffe auf ihren heute erwachsenen ersten Sohn, die erst im Zuge der Ermittlungen herauskamen.

Ihr kleines Kind hatte bereits vor dem Lockdown Mitschüler um Essen angebettelt und viel gefehlt. Als die Alleinerziehende den Jungen am ersten Tag nach dem Lockdown im Juni 2020 wieder krank meldete, alarmierte die Schule das Jugendamt, doch die Frau öffnete nicht. Schließlich fanden Polizisten das Kind im Schrank versteckt in der Wohnung. Der Junge war völlig abgemagert, hatte ein Hämatom am Kopf und kam ins Krankenhaus.

Das Motiv für die Taten bleibe im Dunkeln, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Angeklagte habe lediglich angegeben, ihr Sohn habe "rumgezickt". Auch der ältere Sohn konnte sich als Zeuge nicht an die Anlässe für die Gewaltausbrüche erinnern. Er war unter anderem mit einer Gabel und einem Cuttermesser verletzt worden und auch mit Essensentzug oder Einsperren bestraft worden. Mit 15 Jahren flüchtete er in ein Kinderheim und leidet heute unter Depressionen und sozialen Ängsten - wohl Folgen des jahrelangen Martyriums.

"Es tut mir sehr leid, was ich meinen Kindern angetan habe", sagte die Angeklagte unter Tränen in ihrem Schlusswort. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Anwalt der Frau hatte eine Bewährungsstrafe gefordert und auf ihre Überforderung mit der Erziehung verwiesen. Allerdings hatte sie Hilfsangebote des Jugendamtes stets abgelehnt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger kündigte an, dass er in Revision gehen wolle.

Ursprüngliche Meldung vom 14.06.2021: Mutter soll Sohn in Lockdown misshandelt haben

Eine Mutter soll ihren siebenjährigen Sohn im ersten Corona-Lockdown schwer misshandelt haben - ihr werden Schläge mit einer Thermoskanne und Essensentzug als Strafe vorgeworfen. Die Frau soll dem Kind nicht genügend zu essen gegeben, es eingesperrt und potenziell lebensgefährlich verletzt haben. Ab Montag (9.30 Uhr) muss die Frau sich dafür am Landgericht Hildesheim verantworten.

Der 60-Jährigen aus Sarstedt wird schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zur Last gelegt (Az.: 14 KLs 17 Js 22765/20). Hintergrund waren laut Staatsanwaltschaft Überforderung und Ärger während der pandemiebedingten Schulschließung.

Nicht das erste Vergehen: Auch erwachsener Sohn soll als Kind misshandelt worden sein

Bei den Ermittlungen kam nach Angaben eines Gerichtssprechers aber auch heraus, dass die Angeklagte ihren heute erwachsenen älteren Sohn zwischen 2004 und 2007 ebenfalls misshandelt haben soll. In drei Fällen soll sie ihren damals 12- bis 15-jährigen Sohn verletzt und hungern gelassen haben. Diese Fälle sind mit angeklagt.

Im Fall des Siebenjährige wurde das Jugendamt eingeschaltet, als das Kind am ersten Tag nach dem Lockdown im Juni 2020 in der Schule krankgemeldet wurde. Die Mutter ließ die Behördenmitarbeiterin aber nicht in ihre Wohnung. Laut Anklage sollen Polizeibeamte das abgemagerte Kind in einem Schrank entdeckt haben. Der Junge wog demnach nur noch 13,8 Kilogramm.

Schon vor Schulschließung: Junge soll Mitschüler um Essen gebeten haben 

Schon vor der Schulschließung im März soll er auffällig klein und dünn gewesen sein und Mitschüler um Essen gebeten haben. Die Angeklagte soll ihren Sohn außerdem zu Hause mit Schlägen mit einer Thermoskanne am Kopf verletzt haben.

Für den Prozess sind zunächst vier Verhandlungstage angesetzt. Am ersten Tag sollen bereits Zeugen gehört werden. Das Urteil könnte nach dieser Planung am 21. Juni gesprochen werden.

Corona-Jahr 2020: Zahl der Gewaltdelikte gegen Kinder hat zugenommen

Im Corona-Jahr 2020 ist die Zahl der Gewaltdelikte gegen Kinder gestiegen. Wie das Bundeskriminalamt Ende Mai mitteilte, wurden sowohl mehr Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener als auch mehr Fälle von sexualisierter Gewalt registriert. Experten gehen davon aus, dass der Anstieg auch mit der Pandemie zusammenhängt: Normalerweise werden Verdachtsfälle oft von Kitas oder Schulen gemeldet - diese hatten wegen Corona aber monatelang geschlossen.