Als ein Tornado am Mittwochabend (29. September 2021) über Kiel fegte, waren die Wörter Klimawandel und Extremwetterereignisse schnell in aller Munde. "Da kann man aber direkt beruhigen. Deutschland war und ist schon immer ein Tornadoland gewesen. Bei uns gibt es jedes Jahr um die 40 bis 60 bestätigte Tornados. Das ist also keinesfalls etwas neues", erklärt Diplom-Meteorologe Dominik Jung. Bereits in den 1930er Jahren habe es eine ausgeprägte Tornadoforschung in Deutschland gegeben. Seither hätte man keine Zunahme derartiger Wetterereignisse beobachten können. 

Der Forschers Mojib Latif sieht in dem Tornado ebenfalls kein Anzeichen des Klimawandels. "Ich würde jetzt keine Verbindung zur globalen Erwärmung herstellen", sagte Latif am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist ein seltenes Phänomen, das hin und wieder auftaucht, bedeutet aber keine neue Qualität."

Kieler Tornado offenbar ohne Verbindung zur globalen Erderwärmung

Nicht immer treffen diese Wirbelstürme auf bewohntes Gebiet, wie in diesem Fall auf die Region Kiel, erklärte Jung weiter und ergänzt: "Zudem gab es vor 20 bis 30 Jahren noch nicht diese technischen Möglichkeiten wie heute jedes Ereignis direkt per Smartphone festzuhalten und direkt der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das erweckt natürlich den Eindruck, dass ,früher alles anders war'. 

Nach Polizeiangaben waren am frühen Mittwochabend (29. September 2021) mehrere Menschen an der Kiellinie verletzt worden. "So etwas ist absolut nicht vorherzusagen", sagte der Kieler Diplom-Meteorologe Sebastian Wache von WetterWelt der Deutschen Presse-Agentur. Entstanden sei der Tornado am Rande Kiels im Stadtteil Meimersdorf.

Der Tornado war laut Behörden gegen 18.00 Uhr über die Kiellinie - eine beliebte Promenade am Ufer - gezogen. Vier Menschen wurden nach Angaben der Feuerwehr bei dem Ereignis schwer verletzt. Drei hätten zudem mittelschwere Verletzungen erlitten, mehrere Menschen seien leicht verletzt worden. Bei dem Versuch, zwei Ruderboote aus dem Wasser zu retten, seien mehrere Ruderer auf einem Steg überrascht worden, teilte die Feuerwehr weiter mit. "Sie sind vollständig durcheinander gewirbelt worden und dabei sind auch Leute ins Wasser gefallen." Einige hätten umherfliegende Gegenstände an den Kopf bekommen. 60 Helfer waren vor Ort, der Einsatz dauerte etwa zwei Stunden.

Tornado über Kiel reißt Ziegeln von Dächern 

"Auf Grundlage von Bildern gehen wir davon aus, dass es sich um einen Tornado handelte", sagte Meteorologe Michael Bauditz vom Deutschen Wetterdienst (DWD) der Deutschen Presse-Agentur. Endgültig könne er es noch nicht sagen. Nach Angaben der Feuerwehr wurden zudem in einem Neubaugebiet in Kiel-Meimersdorf mehrere Dächer abgedeckt. In Kiel-Gaarden seien Ziegel von Dächern gerissen worden. Im Netz waren zahlreiche Videos des Vorfalls zu sehen. "Das ist ja der Hammer", hörte man eine Stimme beim Anblick des Wetterphänomens auf einem Twitter-Video.

Der Vorsitzende des Ersten Kieler Ruder-Clubs von 1862, Bernd Klose, sagte: "Es sind Menschen betroffen. Das ist traurig." Rund um den Verein erinnerten am späten Abend ein umgestürzter Baum, abgerissene Äste oder ein umgekippter Müllbehälter an das heftige Ereignis. "Da ist viel durch die Gegend geflogen", sagte ein Mitarbeiter eines nahen Lokals. "Das hat alle emotional mitgenommen."

Zum Zeitpunkt des Vorfalls saß Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) im Wirtschaftsausschuss der Stadt und erfuhr durch eine SMS der Feuerwehr von dem Sturm. Kurz danach habe er eine Kurznachricht seines Sohnes erhalten, der auf dem Weg zum Rudertraining bei dem Club war, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Sein Sohn habe Glück gehabt, sei erst wenige Augenblicke nach dem Tornado dort eingetroffen. "Da sieht man, wie schnell sowas geht", sagte der Verwaltungschef. Er sprach der Feuerwehr und den Rettungskräften seinen großen Dank aus.

Wie entsteht ein Tornado?

Tornados sind Wirbelstürme. Sie entstehen bei großen Temperaturunterschieden und treten in Mitteleuropa häufig zusammen mit Gewittern auf. Dabei reicht aus der Gewitterwolke ein rüsselartiger Wolkenschlauch bis in Bodennähe. Nach Angaben von Dominik Jung würden Tornados oft mit sogenannten "Downbursts" verwechselt - hierbei handelt es sich um eine Fallböe. Dabei stürzt der Wind aus der Gewitterwolke einfach senkrecht nach unten und sorgt dadurch für Schäden.