Mülheim an der Ruhr
Kommentar

Todesstrafe, Kastration, Steinigung? Was die Vergewaltigung in Mülheim über Deutschland aussagt

In Mülheim an der Ruhr wird eine junge Frau von fünf Jugendlichen und Kindern vergewaltigt. Das ist unfassbar und sehr schlimm. Schlimm ist aber auch die Forderung des Polizeigewerkschaftlers Rainer Wendt, findet unser Kommentator.
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Eine junge Frau in Mülheim an der Ruhr wird Opfer einer Vergewaltigung. Die Täter sind jung, sehr jung. Aber muss deshalb über die Senkung der Strafmündigkeit diskutiert werden? Symbolbild: ninocare/pixabay
Eine junge Frau in Mülheim an der Ruhr wird Opfer einer Vergewaltigung. Die Täter sind jung, sehr jung. Aber muss deshalb über die Senkung der Strafmündigkeit diskutiert werden? Symbolbild: ninocare/pixabay

Es ist ein Fall, der aufschreckt und fassungslos macht: Da wird eine junge Frau in Mülheim an der Ruhr vergewaltigt. Von den fünf Tätern sind drei 14 Jahre, zwei von ihnen gar erst zwölf Jahre alt. Der Fall zeigt deutlich, dass Deutschland verroht.

Nicht nur, weil hier Kinder und Jugendliche eine Frau angriffen und sexuell missbrauchten. Dies ist ein scheußliches Verbrechen, dass aufgeklärt und in Rahmen der bestehenden Gesetze verfolgt werden muss. Erschreckend ist der Fall aber auch, weil sich hinterher mit Rainer Wendt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft in die Öffentlichkeit stellt und eine Senkung der Strafmündigkeit auf zwölf Jahre fordert. Fehlt nur noch, dass er sich für die Wiedereinführung des Schuldturms und des öffentlichen Prangers ausspricht.

Härtere Strafen für Kinder? Wo bleibt der Aufschrei?

Nun ist Wendt seit Jahren dafür bekannt, mit populistischen Forderungen am rechten Rand der Gesellschaft nach Beifall zu heischen. Sein Credo: Mehr Polizei, mehr Überwachung, härtere Strafen. Nun hat er diese Forderungen eben auch auf Kinder ausgeweitet.

Das eigentlich Schlimme daran ist, dass seine Forderung keine Welle der Empörung hervorrief. Zwar stellte sich der Deutsche Richterbund gegen die Forderung: "Die Gleichung mehr Strafrecht gleich weniger Kriminalität geht bei den Jugendlichen nicht auf", teilte der Vorsitzende Jens Gnisa der Deutschen Presse-Agentur mit. Und auch der Deutsche Kinderschutzbund sprach sich naturgemäß gegen eine solche Forderung aus. Vielmehr sei das Jugendamt gefordert, zu reagieren und sich die Ursachen für das Verhalten des Kindes im Einzelfall anzuschauen, sagte die stellvertretende Geschäftsführerin Martina Huxoll-von Ahn auf dpa-Anfrage. Doch ein öffentlicher Aufschrei blieb aus.

Wer schon Kinder bestrafen will, ignoriert deren psychologische Formbarkeit. Mehr noch: Er kapituliert vor der sozialen Realität, vor der Bedeutung der Eltern und des Umfeldes. Er konzentriert sich auf den öffentlichen Effekt, nicht auf die Lösung des Problems.

Zurück ins Mittelalter

Doch scheinbar ist es in Deutschland 2019 en vogue, Probleme durch härtere Strafen lösen zu wollen. Besonders deutlich zeigt sich das in den "sozialen" Medien: Sexualstraftäter gehören kastriert, Tierquäler am nächsten Baum aufgehangen. Die Todesstrafe scheint für einige Menschen schon bei geringeren Straftaten das Mittel der Wahl. Und ginge es nach manchen Kommentatoren, säßen bald mehr Menschen im Arbeitslager, als im Büro. Wie lange dauert es wohl noch, bis öffentliche Steinigungen oder Scheiterhaufen wieder ein Thema für die deutsche Rechtssprechung werden?

Zugegeben: Dies ist etwas überspitzt - doch die Entwicklung sollte tatsächlich zu denken geben. Aber härtere Strafen senken die Kriminalität eben nicht. Sie geben auch den Opfern keine Genugtuung. Sie bekämpfen nur das Symptom, nicht die Ursache. Das gilt für alle Kriminelle - ist aber bei Kindern besonders augenfällig.

Hinweis: Ein Kommentar spiegelt die persönliche Meinung des Redakteurs wider, nicht die der gesamten Redaktion.