Nach dem Suizid der von Gegnern der Corona-Maßnahmen bedrohten österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr führt eine Spur nach Bayern. "Es gibt ein Ermittlungsverfahren gegen eine männliche Person aus Oberbayern bei uns", bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München II am Dienstag entsprechende Informationen der Mediengruppe Bayern.

Die Medizinerin hatte sich stark für Corona-Impfungen engagiert und war nach eigenen Angaben monatelang massiv von Impfgegnern unter Druck gesetzt worden. Am Freitag wurde bekannt, dass sie tot in ihrer Praxis in Oberösterreich gefunden worden war. Das vorläufige Obduktionsergebnis bestätigte einen Suizid. Der nun im Fokus stehende Mann aus Oberbayern steht der Mediengruppe zufolge im Verdacht, der 36 Jahre alten Medizinerin in Mails mit Folter und Mord gedroht zu haben. Außerdem habe die Staatsanwaltschaft Wels auch bei der Staatsanwaltschaft Berlin einen Tatverdächtigen angezeigt.

Update vom 05.08.2022, 18.40 Uhr: Netz-Hetzer drohten mit "Volkstribunalen"

Nach dem Tod der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr ist am Freitag (5. August) in Oberbayern die Wohnung eines Mannes durchsucht worden. Dem 59-Jährigen aus dem Landkreis Starnberg werde Bedrohung und Nachstellung Kellermayrs vorgeworfen, berichtete die Generalstaatsanwaltschaft München anschließend. Der Mann soll sich im Internet und in sozialen Netzwerken entsprechend geäußert haben. In einem Beitrag soll Kellermayr bedroht worden sein, dass sie beobachtet werde und solche "Kreaturen" künftig vor "Volkstribunale" gebracht würden.

Laut dem Leitenden Oberstaatsanwalt Klaus Ruhland stellte die Kripo Fürstenfeldbruck am Freitagmorgen Datenträger bei dem Verdächtigen aus dem Kreis Starnberg sicher. Der 59-Jährige habe sich kooperativ gezeigt. Weitere Auskünfte gaben die Ermittler zunächst nicht. Die Münchner Generalstaatsanwaltschaft hatte den Fall von der Staatsanwaltschaft München II übernommen, weil die Justizbehörde bayernweit die Ermittlungen wegen Hass und Hetze im Internet koordiniert.

Auch die österreichischen Behörden haben inzwischen die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die "inländische Gerichtsbarkeit" sei nach dem Tod der 36-jährigen Hausärztin wieder gegeben, sagte der leitende Staatsanwalt Christian Hubmer am Freitag und bestätigte damit einen Bericht der "Oberösterreichischen Nachrichten". Man arbeite auf der Suche nach Verfassern von Morddrohungen in sozialen Medien nun mit den deutschen Anklagebehörden zusammen. In der Bundesrepublik ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Berlin in dem Fall.

Unterdessen hat sich Österreichs Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) in einem Schreiben an die Polizisten des Landes gegen den Eindruck gewandt, die Polizei habe zu wenig zum Schutz der Ärztin getan. Im Gegenteil sei behördlicherseits sehr viel unternommen worden, heißt es in dem Brief, aus dem die österreichische Nachrichtenagentur APA zitiert. "Ein reflexartiges und generelles Schlechtreden der Polizistinnen und Polizisten und der Polizeiarbeit in unserem Land ist (...) völlig unangebracht und unzulässig."

Originalartikel vom 03.08.2022: Zerbrochen am Hass im Netz - Selbstmord von Ärztin facht Debatte an

Auch Tage nach dem Suizid einer im Kampf gegen Corona engagierten Ärztin in Österreich ebbt die Debatte über Hass im Netz nicht ab. Der Fall wirkt wie ein mahnendes Beispiel. Wer hat versagt? Einige Tausend Menschen versammelten sich am Montagabend für das Lichtermeer vor dem Wiener Stephansdom, um der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr zu gedenken. Die Medizinerin aus Seewalchen am Attersee in Österreich hatte sich im Kampf gegen Corona engagiert und war im Internet zum Hass-Objekt der Impfgegner geworden. Daran - das legen von Medien veröffentlichte Abschiedsbriefe nahe - ist sie zerbrochen.

Der Suizid der 36-Jährigen vor wenigen Tagen hat die Debatte über Hass im Netz neu angefacht. Kein Geringerer als Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen nahm das Drama zum Anlass einer Mahnung. "Beenden wir dieses Einschüchtern und Angst machen", schrieb das Staatsoberhaupt auf Twitter. Er selbst legte zusammen mit seiner Frau am Montagabend Blumen vor der Praxis der Toten nieder.

Trotz der inzwischen etablierten gesetzlichen Regelungen gegen Hass im Netz auf nationaler und EU-Ebene ist nach Erfahrungen von Experten die Online-Aggression noch nicht annähernd im Griff. Die auf das Gebiet spezialisierte Beratungsstelle Zara in Wien hat in den vergangenen fünf Jahren 8000 Fälle registriert. Zeitweise sei Corona bei den Hass-Postings das Hauptthema gewesen, sagt Sprecher Ramazan Yildiz über die tiefe gesellschaftliche Kluft angesichts der Pandemie. Zumindest punktuell stellten die "Zara"-Mitarbeiter einen Unterschied beim Ermittlungseifer der Behörden fest. "Natürlich ist es immer mal wieder so, dass man bei Online-Delikten andere Reaktionen bekommt als bei Offline-Delikten", sagt Yildiz.

Polizei und Behörden wird Untätigkeit vorgeworfen

Aber auch für die Betroffenen sei ungeachtet der gesetzlichen Fortschritte das Verfolgen ihrer Verfolger oft mühsam. "Vielen ist es zu emotional, finanziell und zeitlich zu aufwendig", so Yildiz weiter. Im Fall Kellermayr läuft nach Angaben der Staatsanwaltschaft Wels weiterhin ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Geprüft wird derzeit, ob der Suizid Kellermayrs etwas an den Zuständigkeiten ändert. Aufgrund vergangener Höchstgerichtsurteile sind zumindest im Fall von gefährlichen Drohungen die Behörden im Herkunftsort der Täter zuständig. Zumindest einer davon soll in Deutschland - in Oberbayern - sitzen.

Die Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe, sie habe zu lax auf die Drohbriefe reagiert, die extreme Gewaltandrohungen enthielten. Seit November 2021 sei die Ärztin polizeilich beraten worden, heißt es in einer Stellungnahme. "Es kam in den darauffolgenden Wochen zu zahlreichen weiteren Kontaktaufnahmen und Gesprächen. Die polizeilichen Schutzmaßnahmen rund um die Ordination wurden drastisch erhöht. Dabei wurden alle gesetzlich möglichen Maßnahmen ausgeschöpft." Bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in Wien ist jetzt eine Anzeige eingegangen, in der den Behörden Untätigkeit vorgeworfen wird.

Die Ärztekammer Oberösterreich erklärte, der Ärztin sei jede Hilfe angeboten worden, zu der man in der Lage gewesen sei. Erst jüngst sei ein Plan besprochen worden, wie das Fortbestehen der Praxis - die Kellermayr vor wenigen Wochen geschlossen hatte - gesichert werden könne.

Ärztin zahlte mehr als 100.000 Euro für Sicherheitsmaßnahmen

Kellermayr hatte sich nach eigenen Angaben selbst über Monate aus eigener Tasche Sicherheit erkauft. Für entsprechende Vorkehrungen, etwa einen sicheren Rückzugsraum, habe sie rund 100.000 Euro bezahlt, schrieb sie auf ihrer Internetseite.

"Ich glaube, dass gemeinsam Trauern einer Gesellschaft guttut", sagte der Initiator der Mahnwache vor dem Dom, Daniel Landau, der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Er kannte Kellermayr persönlich, hatte sie erst Mitte Juli in ihrer Praxis getroffen. Dabei hätten sie auch über den Glauben gesprochen, das sei der Medizinerin wichtig gewesen, schilderte Landau. Am Montagabend läuteten die Glocken des Stephansdoms für sie.

Hinweis der Redaktion: Wir berichten für gewöhnlich nicht über Selbstmorde. Eine Ausnahme bilden Fälle von großem öffentlichen Interesse. Bei der Telefonseelsorge erreichst du unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Hilfe in schwierigen, möglicherweise ausweglos erscheinenden Situationen. Innerhalb von Bayern kannst du dich alternativ unter der 0800-6553000 beim Netzwerk Krisendienste Bayern melden. Dort bekommst du rund um die Uhr qualifizierte Hilfe in psychischen Krisen und Notfällen. Unter www.frnd.de ("Freunde fürs Leben") findest du zudem weitere Informationen und Hilfsangebote.