Berlin
Armut

Tafel-Chef schlägt Alarm: "Altersarmut wird uns überrollen" - Zahl der Bedürftigen steigt

Die Zahl der Bedürftigen bei der Tafel steigt an. Im letzten Jahr stieg die Zahl auf 1,64 Millionen an. Der Dachverband der Tafel schlägt Alarm. Denn besonders Senioren und Kinder sind immer häufiger betroffen.
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Immer mehr Menschen sind auf die Tafel angewiesen. Der Chef der Tafel schlägt Alarm. Symbolfoto: Andreas Arnold/dpa
Immer mehr Menschen sind auf die Tafel angewiesen. Der Chef der Tafel schlägt Alarm. Symbolfoto: Andreas Arnold/dpa

1,65 Millionen Menschen gehen regelmäßig zur Tafel. Damit ist die Zahl der Bedürftigen nach einer Hochrechnung innerhalb eines Jahres um zehn Prozent gestiegen, sagte der Vorsitzende des Vereins Tafel Deutschland, Jochen Brühl, am Mittwoch in Berlin. 2007 etwa seien es noch 700 000 gewesen. Auch immer mehr Senioren und Kinder sind davon betroffen. Scharfe Kritik übte die Organisation am Ausmaß der Lebensmittelverschwendung hierzulande - und fordert staatliche Unterstützung für die eigene Arbeit, teilt der Dachverband auf seiner Jahrespressekonferenz.

Laut dem Bericht der Deutschen Presse-Agentur bezeichnet Brühl einen Anstieg auf 26 Prozent bei der Gruppe der Senioren als besonders dramatisch. Niedrige Renten oder Grundsicherung im Alter seien hinter Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, warum Menschen zur Tafel gehen. Rund jeder vierte Kunde ist Senior. "Das ist natürlich sehr erschreckend, weil wir wissen, dass viele Menschen, die Rentnerinnen und Rentner sind, sich oft schämen, Leistungen in Anspruch zu nehmen." Die Tafeln geben die Ware kostenlos oder gegen einen geringen Betrag ab.

Zahl der Bedürftigen bei der Tafel steigt: Jeder fünfte Rentner in 20 Jahren von Altersarmut betroffen

Eine kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigte, dass mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland in 20 Jahren von Altersarmut bedroht sein könnte. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen", warnte Brühl. Seit Jahren wiesen die Tafeln bereits auf das Problem hin - ohne "großen Wurf" aus der Politik oder einen gesellschaftlichen Aufschrei. Dabei gehöre das Thema "ganz oben auf die Agenda", tiefgreifende Reformen seien nötig, so der Vorsitzende.

Alarmierend sei zudem, dass man auch zehn Prozent mehr Kinder und Jugendliche unterstützte als noch vor einem Jahr - insgesamt 500 000, so Brühl. 30 Prozent der Bedürftigen sind mittlerweile Kinder. Da wachse die "Altersarmut von morgen" heran. Rückläufig sei hingegen die Zahl der Asylbewerber, die das Angebot nutzen - ihr Anteil sank von 26 auf 20 Prozent. 2018 hatte das Thema für Debatten gesorgt, als die Essener Tafel vorübergehend keine Ausländer mehr als Neukunden aufnahm.

18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich verschwendet. Laut Brühl sei diese Zahl angesichts des Hungers auf der Welt "pervers". Die 947 Tafeln in Deutschland können das Problem nur lindern. Nicht an der Wurzel packen. 265 000 Tonnen überschüssige, aber noch genießbare Nahrungsmittel sammeln 60 000 Ehrenamtliche im Jahr von Händlern und Herstellern ein. Ein typisches Beispiel sind Backwaren, die abends bei Bäckern übrig bleiben. Oft ist Ware auch nur falsch etikettiert.

Auch in Bayern ist die Lage nicht berauschend. 169 Tafeln versorgen weit über 200.000 bedürftige Menschen. 40.000 Lebensmittel werden gerettet. 7.000 Helfer arbeiten ehrenamtlich bei der Tafel. Nur in Nordrhein-Westfalen gibt es noch mehr Tafeln.

Die von den Tafeln gesammelte Menge sei zuletzt unwesentlich gestiegen, hieß es. Um mehr Essen zu retten, wären demnach etwa mehr Kühlfahrzeuge und Lagerkapazitäten nötig. Auch weil sich Deutschland zu weniger Verschwendung verpflichtet habe, sei es an der Zeit, dass der Staat die Tafel-Arbeit finanziell unterstütze, sagte Geschäftsführerin Evelin Schulz. "In den meisten anderen europäischen Ländern ist das bereits der Fall." In der Verantwortung seien auch die Verbraucher, betonte Brühl: "Klimaschutz fängt im eigenen Kühlschrank an."