Bund und Länder haben am Mittwoch (28.10.2020) einen Teil-Lockdown beschlossen, um die steigende Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland in den Griff zu bekommen. Ab November gelten wie zu Beginn der Pandemie strenge Kontaktbeschränkungen und die Gastronomie und Freizeitbranche wird vollständig heruntergefahren. Ärzte und Wissenschaftler hatten sich bereits vor dem kontroversen Beschluss gegen ein breites Herunterfahren des Alltagslebens zur Corona-Eindämmung ausgesprochen.

"Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, am Mittwoch (28.10.2020) bei der Vorstellung eines Positionspapiers. Die KBV und Dutzende von Ärzteverbänden fordern die Regierung in diesem Papier zu einer grundlegenden Änderung der Corona-Strategie und Ansprache der Bevölkerung auf.

Ärzte und Virologen kritisieren Lockdown-Pläne der Regierung

Man könne nicht das ganze Land "Wochen und Monate in eine Art künstliches Koma" versetzen, auch angesichts bleibender Schäden für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Nötig seien zielgerichtete Maßnahmen zur Eindämmung. Essentiell für ein Gelingen sei die Kooperation der Bevölkerung etwa bei Regeln zu Abstand und Masken.

Gassen sagte, es sei falsch, "nur mit düsterer Miene apokalyptische Bedrohungsszenarien aufzuzeichnen". Die Kunst sei aber, keinesfalls zu verharmlosen. Um die Bevölkerung zur Mitarbeit anzuhalten, sollte man "auf Gebote setzen und nicht überwiegend auf Verbote". Im Positionspapier wird auch ein bundeseinheitliches Ampelsystem für eine transparente Darstellung des Infektionsgeschehens angeregt. Sie sollte nicht nur auf der Zahl der Corona-Neuinfektionen beruhen.

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck kritisierte diese einseitige Darstellung bei der Vorstellung des Positionspapiers. Allein auf die Infektionszahlen zu schauen, sei zu wenig, auf die Intensivbetten zu schauen, sei zu spät. Stattdessen sollten neben den Infektionszahlen auch die Zahl der durchgeführten Tests sowie die stationären und intensivmedizinischen Kapazitäten betrachtet werden.

Streeck kritisiert: Schutz der Risikogruppe kommt zu kurz

Gefordert wird zudem eine Abkehr von der umfassenden individuellen Nachverfolgung persönlicher Kontakte von Infizierten, die in vielen Gesundheitsämtern ohnehin nicht mehr gelinge. Vielmehr solle eine Priorität auf Fälle mit Bezug zu medizinischen und pflegerischen Einrichtungen oder Veranstaltungen mit vielen Infizierten liegen.

Streeck kritisierte zudem, "dass der Schutz der Risikogruppe zu kurz kommt". Vorkehrungen und Tests in Pflegeheimen und Kliniken seien nicht systematisch genug. Zudem müsse auch für Menschen der Risikogruppen, die zu Hause leben, Schutz etabliert werden - etwa Masken und Tests, um Besuch bekommen zu können.

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit betonte, die Schutzregeln mit Abstand, Hygiene, Masken und Corona-Warn-App seien eigentlich ausreichend - müssten aber konsequent umgesetzt werden. Darüber müsse besser aufgeklärt werden, etwa auch bei Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen. Es sei richtig, Risikokontakte zu reduzieren. Viele fänden aber zu Hause statt, weniger etwa in Hotels.

Letztendlich müsse es das Ziel sein, eine langfristige Strategie im Umgang mit dem Coronavirus zu finden, so Streeck. Er gehe davon aus, dass uns das Virus noch über Jahre begleite, daher "muss man Wege finden, Leben zuzulassen, ohne andere Menschen zu gefährden."