Die 7-Tage-Inzidenz steigt wieder, viele befürchten den Beginn der vierten Welle - und die Sorge vor den Auswirkungen durch infizierte Reiserückkehrer wächst. Bei der Frage, wie Deutschland in Zukunft mit der Corona-Pandemie umgehen soll und welche Kennzahlen dabei im Fokus stehen sollen, herrscht Uneinigkeit

Der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler hatte sich am Montag dafür starkgemacht, weiter auf die 7-Tage-Inzidenz als Leitindikator zu schauen und Maßnahmen an dieser Zahl auszurichten. Die Bild hatte in diesem Zuge von einem "Panik-Papier" gesprochen, der zu einem "Riesen-Zoff" unter anderem mit Kanzleramtschef Helge Braun geführt haben soll. 

Gesundheitsminister Spahn widerspricht RKI

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) widersprach nun Wieler. "Mit steigender Impfrate verliert die Inzidenz an Aussagekraft", sagte Spahn gegenüber der Bild. Für Spahn und andere Politiker, beispielsweise Berlins Ministerpräsidenten Michael Müller (SPD) und Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sollten andere Kennzahlen in den Vordergrund rücken.

Immer wieder genannt wird dabei die Hospitalisierungsrate: Sie könnte zusammen mit der 7-Tage-Inzidenz und anderen Faktoren dazu genutzt werden, eine Art Ampelsystem zu entwickeln. Im Zentrum stünde dann nicht allein die Zahl der Infektionen, sondern vor allem die Belastung des Gesundheitssystems. Die dahinter stehende These: Durch die gestiegene Zahl von Impfungen würden schwere Verläufe von Covid-19 immer seltener - so würde das Gesundheitssystem auch bei einer höheren 7-Tage-Inzidenz nicht an eine Belastungsgrenze stoßen.

Auch Politiker von FDP und Linke plädieren laut Spiegel für Änderungen der Corona-Strategie: Das Infektionsschutzgesetz müsse demnach angepasst werden. Statt fixen Grenzwerten müssten "dynamische Faktoren" wie Impfquoten, Krankenhausbetten und die Belastung der Gesundheitsämter berücksichtigt werden.

Bei dem Streit geht es um mehr, als nur die Frage, welche Kennzahl in Zukunft die deutsche Corona-Politik bestimmen soll. Es geht vielmehr um eine strategische Ausrichtung: Möchte man weiter versuchen, die Zahl der Neu-Infektionen einzudämmen oder nimmt man in Kauf, dass sich das Virus in der Bevölkerung ausbreitet, solange das Gesundheitssystem nicht überlastet wird? 

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