• 170 Wissenschaftler richten sich mit offenem Brief an Politik
  • Kritik an Stromgewinnung für Elektromobilität
  • VW, Audi, BMW und Co.: Kompletter Umstieg auf E-Autos geplant
  • Stromverbrauch in Deutschland wird sich erhöhen 
  • Woher soll der Strom kommen?

170 Wissenschaftler aus aller Welt sind sich einig: Die Politik hat sich beim Beitrag des Elektroautos für den Klimaschutz grundlegend verrechnet. "Die Zahlen suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben", erklärt Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Der Strommix sei schlicht falsch berechnet worden. Weiter sagt Koch, dass es nicht um die Frage gehe, ob Elektroauto oder Verbrenner, sondern "fossil oder nicht". In einem offenen Brief an die EU-Kommission machten sich die Wissenschaftler nun Luft und äußerten ihre Bedenken. Der Zeitpunkt ist wohl gewählt, denn die EU ist gerade dabei, die CO2-Vorgaben für neu zugelassene Autos in Europa nochmals zu verschärfen, berichtet die dpa

Audi: Ab 2026 keine Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr

Im ersten Quartal des Jahres wurden in Deutschland bereits 453.000 E-Autos und Plug-in-Fahrzeuge verkauft. Zum Vergleich: In China wurden 489.000 solcher Fahrzeuge verkauft. Deutschland erreicht mit 250.000 neu zugelassenen Elektroautos bis Ende Mai 2021 auf dem Weltmarkt Platz zwei, betrachtet man den gesamten E-Auto-Markt. Hierbei zählen die großen Automarken wie VW, Mercedes-Benz und BMW auch als Treiber auf dem Markt. Nach Angaben der Deutschen Presse Agentur möchte VW bis 2030 zu noch ein Drittel seiner Autos mit Verbrennungsmotoren verkaufen. Audi möchte hier wohl noch einen Schritt weiter gehen: Bis 2026 will der Autobauer kein einziges Neufahrzeug mit Verbrennungsmotor mehr auf den Markt schicken, wie t-online.de berichtet.  Der A3 soll beispielsweise dann zum" A3 e-tron" werden, der A4 zum "A4 e-tron". Diese Richtung wollen demnach auch General Motors, Volvo oder Honda bis 2035 einschlagen. Grund dafür sind nicht nur die strenger werdenden CO2-Normen in der EU, sondern beispielsweise auch in den USA.

Da der Weltmarkt und die entsprechenden Kundenwünsche allerdings sehr unterschiedlich sind, wollen die Auto-Konzerne sich nicht auf einen festen Termin hin zum Ende des klassischen Verbrenners festlegen. Hinzukommt, dass es oftmals keine klare politische Struktur rund um das Thema E-Mobilität gibt und sich im Zuge dessen die Frage gestellt wird: Wo kommt eigentlich der Strom dafür her?

"Mit Strom aus Kohle oder Öl sehe ich keinen großen Sinn in der Umstellung auf E-Antriebe", erklärte zum Beispiel VW-Chef Herbert Diess bei der Bilanz-PK, so die dpa. "Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird", ergänzt BMW-Chef Oliver Zipse in der "Passauer Neuen Presse". 

Strombedarf in Deutschland wird weiter steigen: "CO2-Emissionen doppelt so hoch"

Bei ihren aktuellen Vorgaben gehe die EU-Kommission davon aus, dass der Strom aufgrund des Ausbaus von Wind- und Solaranlagen sauberer werden würde. Dem entgegnen allerdings Koch und die anderen Wissenschaftler damit, dass der Strombedarf weiter steigen wird und somit "die ganze Rechnung nicht mehr aufgeht". "Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf der Straße haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch umstellen. Der Strombedarf in Deutschland werde bis 2030 von 56 auf 57 Gigawatt zulegen", sagt Koch gegenüber der dpa. "In 6000 von den 8760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber übersehen, auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Dann könnten die realen CO2-Emissionen viel höher sein als von der Politik veranschlagt - in der Summe sogar doppelt so hoch."

Dass E-Autos für den Klimaschutz benötigt werden, da sind sich die 170 Wissenschaftler einig. Nur die Umsetzung müsse auch stimmen. "Wenn Ökostrom nicht mit Gas-, Öl- und Kohlestrom, sondern mit Atomstrom ergänzt würde, sähe die Rechnung besser aus. Aber das sei eine politische Entscheidung der Deutschen", erklärt Koch. "Wenn die heutigen Verbrenner statt Benzin und Diesel CO2-neutral hergestellten synthetischen Kraftstoff tanken würden, ließen sich dagegen 25 Prozent CO2 einsparen." Die EU-Kommission sollte die nächsten Schritte überdenken, so die Wissenschaftler.