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"Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt?" - Heftige Kritik an Werbekampagne nach SUV-Unfall in Berlin

Was geschah in den Sekunden vor dem tödlichen Unfall am Freitag in Berlin? Es gibt Zeugenaussagen und ein Video, aber noch keine Gewissheit.
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Nach dem schweren Unfall in Berlin ist eine Debatte über ein SUV-Verbot entbrannt. Auch bei einer Manhwache am Samstag gab es Stimmen für ein Verbot in Städten. Derweil gerät Mercedes wegen einer unpassenden Werbekampagne in die Kritik. Foto: Paul Zinken/dpa
Nach dem schweren Unfall in Berlin ist eine Debatte über ein SUV-Verbot entbrannt. Auch bei einer Manhwache am Samstag gab es Stimmen für ein Verbot in Städten. Derweil gerät Mercedes wegen einer unpassenden Werbekampagne in die Kritik. Foto: Paul Zinken/dpa

Vier Tage nach dem schweren Autounfall mit vier Toten in Berlin-Mitte hat die Polizei auch am Dienstag versucht, den genauen Ablauf und die Schuldfrage zu klären. "Der genaue Unfallhergang ist weiterhin unklar", teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.

Die Polizei schaltete ein Portal im Internet frei, über das Fotos, Videos und Hinweise online geschickt werden können (https://be.hinweisportal.de).

Kritik an Mercedes für SUV-Werbung

Derweil reagiert Mercedes auf die teils heftige Kritik an einer Werbekampagne des Unternehmens. Eine Werbeanzeige für einen Mercedes-Sportgeländewagen wurde inzwischen von Daimler gestoppt, wie ein Sprecher bestätigte.

Mit dem Slogan "Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt?", hatte der Autokonzern geworben. Der frühere Tech-Blogger Sascha Pallenberg, der inzwischen für Daimler arbeitet, schrieb auf Twitter, der Slogan sei bereits vor Monaten entworfen worden. "Es war zu keiner Zeit unsere Absicht, damit Gefühle zu verletzen. Angesichts des tragischen Unfalls in Berlin haben wir uns entschlossen, diesen nicht weiterzunutzen."

 

 

Rückblick: SUV rast vier Menschen in Berlin tot

Am Freitagabend war ein Porsche Macan auf die Gegenfahrbahn geraten und dann von der Straße abgekommen. Der SUV rammte eine Ampel, überfuhr die vier Menschen auf dem Gehweg und durchbrach einen Bauzaun. Unter den Opfern befand sich ein dreijähriger Junge. Nach dem Unfall gab es einen Hinweis eines Zeugen, dass der 42-jährige Fahrer am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten haben soll - und dass er an dem Tag entsprechende Medikamente eingenommen habe.

 

Ob das tatsächlich so war, ist weiter unklar. Die Polizei wollte die Krankenakte des Mannes beschlagnahmen. Die für Auskünfte zuständige Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft war am Dienstag nicht zu erreichen. In der Regel dürfen Epileptiker nicht Autofahren. Ausnahmen gibt es unter Umständen, wenn sie mindestens ein Jahr ohne Anfall waren.

Video von Unfall lässt Fragen offen

Bisher ist ein Video bekannt, dass das Unfallauto zeigen soll. Zu sehen ist, wie der Wagen auf der Gegenfahrbahn fährt, vorbei an den auf der rechten Spur wartenden Autos. Anschließend fährt er geradeaus auf den Gehweg an der Kreuzung zu, wo Menschen stehen.

Auch am Dienstag legten Menschen Blumen an der Unfallstelle an der Kreuzung Invalidenstraße und Ackerstraße in Berlin-Mitte nieder. Die St. Elisabeth-Kirche, die direkt am Unfallort liegt, soll von Donnerstag bis Sonntag wieder zum stillen Gedenken öffnen. Am Freitagabend ist eine Andacht für die Unfallopfer geplant. Die Kirche war schon am Wochenende ein Rückzugsort für trauernde Menschen.

Verschwörungstheorien im Internet

Im Internet behaupteten einige Schreiber, der Fahrer des Unfallwagens sei Marokkaner. "Terroranschlag?", fragte ein Mann. Nach Auskunft der Polizei ist der Fahrer Deutscher. Er sei auch nicht marokkanischer Herkunft, sondern habe einen typischen deutschen Vornamen.

Der Unfall entfachte eine Debatte über Sportgeländewagen (SUV, englisch: Sport Utility Vehicle) in Innenstädten. Grünen-Politiker, die Deutsche Umwelthilfe und alternative Verkehrs- und Fußgänger-Verbände forderten Einschränkungen. Berlins Bürgermeister wetterte: "Panzerähnliche Klimakiller gehören nicht in die Stadt"

Nach Einschätzung von Experten aus der Unfallforschung und der Polizei gab es aber keine Hinweise dafür, dass der Unfall mit einem anderen Auto anders verlaufen wäre. Viele Limousinen sind genauso schwer und schnell wie das Unfallauto.rowa/mit dpa