Lübtheen

Riesiger Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern: Bundeswehr rückt zum Löschen an

Einen Waldbrand von dieser Ausdehnung hat Mecklenburg-Vorpommern noch nicht erlebt. Auf über 400 Hektar eines alten Truppenübungsplatzes lodern die Flammen, die vom Wind immer wieder angefacht werden. In den Wald können die Feuerwehrleute wegen der Munitionsreste nicht.
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Ein Mann blickt von einem Aussichtsturm von Niedersachsen aus über die Elbe auf den Waldbrand auf den Waldbrand bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern. Wegen des Waldbrandes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern mussten Hunderte Menschen ihre Wohnungen verlassen. Foto: Philipp Schulze/dpa
Ein Mann blickt von einem Aussichtsturm von Niedersachsen aus über die Elbe auf den Waldbrand auf den Waldbrand bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern. Wegen des Waldbrandes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern mussten Hunderte Menschen ihre Wohnungen verlassen. Foto: Philipp Schulze/dpa
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Update vom 02.07.2019: Bundeswehr unterstützt bei Bekämpfung des Waldbrandes

Bei der Bekämpfung eines großen Waldbrandes auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Mecklenburg-Vorpommern setzen die Löschkräfte auf die Unterstützung der Bundeswehr. Am Dienstag sollten Räum- und Bergepanzer Schneisen in das Brandgebiet schlagen und so den Feuerwehrleuten sicheren Zugang in das stark munitionsbelastete Gebiet bei Lübtheen verschaffen. Dafür schicke die Bundeswehr zehn der gepanzerten Fahrzeuge in die Brandzone, wie der Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg (SPD), mitteilte.

Bislang sei es darum gegangen, am Rande des Truppenübungsplatzes gelegene und zum Teil auch schon geräumte Dörfer vor dem Übergreifen des Feuers zu schützen. Dies sei gelungen. "Wir gehen nun von der Verteidigung auf Angriff über", sagte Sternberg. Die Zahl der Löschhubschrauber sei am Morgen von vier auf sechs erhöht worden.

Den Angaben zufolge waren am Dienstag rund 600 Hektar - und damit ein Zehntel des gesamten früheren Übungsgeländes - von dem Großfeuer betroffen, das am Sonntag ausgebrochen war. Die Polizei ermittelt wegen vorsätzlicher Brandstiftung.

Erstmeldung: Großer Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern

Dichte Rauchschwaden stehen über dem ausgedehnten Waldgebiet östlich von Lübtheen, wenige Kilometer von der Elbe entfernt. In regelmäßigen Abständen donnern Hubschrauber über das Städtchen im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Sie bringen dringend benötigtes Löschwasser, das sie mit riesigen Säcken aus Seen geschöpft haben, zum Brandherd. Er liegt auf einem stark mit Munition belasteten, nur eingeschränkt zugänglichen Ex-Truppenübungsplatz.

Rund 430 Hektar (4,3 Quadratkilometer) Wald sind nach Behördenangaben von dem Feuer betroffen, das am Sonntag an gleich mehreren Stellen ausgebrochen und von kräftigen Winden angefacht worden war. Am Samstag hatte es auch in Mittelfranken einen Waldbrand gegeben - zwar war dieser deutlich kleiner, allerdings gab es auf der nahe gelegenen A73 dennoch Probleme.

Zurück nach Mecklenburg-Vorpommern: Man stemme sich nach den Worten von Umweltminister Till Backhaus (SPD) mit allen Mitteln gegen den größten Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes. Technische und personelle Hilfe erhalten die Feuerwehren von THW, DRK, Bundeswehr und Bundespolizei.

Brandgeruch noch in 300 Kilometern Entfernung

Der Brandgeruch soll sogar noch in Sachsen wahrnehmbar gewesen sein: So wurde im 300 Kilometer entfernten Leipzig mehrmals die Feuerwehr alarmiert, weil Anwohner Brandgeruch wahrgenommen hatte. Die Feuerwehr bat deshalb über Twitter darum, den Notruf nur im Notfall zu wählen.

Das ganze Ausmaß der Bedrohung wird etwa zehn Kilometer vom Brandherd entfernt deutlich. Am Ortsrand von Alt Jabel, das wegen des Feuers bereits evakuiert ist, haben Feuerwehren eine ganze Batterie von Löschfahrzeugen aufgereiht. Unablässig schicken sie Wasserfontänen in das Waldgebiet, in der Hoffnung, das Feuer eindämmen zu können. Immer wieder frischt der Wind auf und lässt neue Flammen emporzüngeln. Dichter Rauch stoppt den Blick ins Unterholz nach wenigen Metern.

Immer wieder explodiert alte Munition

In den Wald dürfen die Feuerwehrleute nicht. Die regelmäßigen Detonationen alter Munition im Boden machen deutlich, weshalb. Das insgesamt 6000 Hektar große Areal sei nicht nur über viele Jahrzehnte für militärische Manöver genutzt worden. "In diesem Gebiet stand vor dem Zweiten Weltkrieg die größte Marine-Munitionsfabik", berichtet Backhaus. Kurz vor Kriegsende sei das Munitionslager dann gesprengt worden, ohne dass aber alle Munition auch vernichtet worden wäre.

Rüdiger Westphahl aus Neu Zachun ist mit seinem Löschtrupp seit dem Morgen bei Alt Jabel im Einsatz. Er dirigiert die Traktoren, die im Zehn-Minuten-Takt auf gewässerten Waldwegen riesige Tanks mit bis zu 30 000 Litern heranbringen, an die Wasserentnahmestelle. Dort halten seine Kameraden die Saugschläuche in das provisorische Folienbecken. Westphahl gibt sich zuversichtlich, das Feuer vom Ort fernzuhalten.

Alle sechs Stunden, berichtet der Feuerwehrmann, werden die Kräfte ausgetauscht. Rund 400 Männer und Frauen sind laut Führungsstab im Einsatz. Dazu zählt auch Doreen Eggert aus Matzlow-Garwitz, einem Ort gut 50 Kilometer nördlich. Wie für viele der freiwilligen Feuerwehrleute war auch für die Lebensmittelverkäuferin die Nacht früher zu Ende als erwartet. Und nach der Alarmierung um 5.24 Uhr nahm der Tag einen ungeplanten Verlauf. "Den Jungs gut zureden und selbst mit anpacken", beschreibt sie ihre Aufgabe, die sich vom Alltag hinter dem Verkaufstresen doch deutlich unterscheidet.

Hunderte Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen

In Jessenitz-Werk, wenige Kilometer nordwestlich, fräsen am Mittag Bauern umliegender Agrarbetriebe mit ihren Pflügen gut 20 Meter breite Brandschutzstreifen in die Wiesen am Waldrand. "Falls der Wind dann doch wieder dreht, kann so ein Übergreifen der Flammen verhindert werden", erklärt der Wehrleiter Niko Dankert.

Diesen Ort hatte das Ehepaar Klaus und Monika Ackermann mitten in der Nacht verlassen müssen. "Reserve-T-Shirt, Schlüpfer, Handtuch, Waschtasche", zählt der 67-Jährige auf. Viel mehr habe er in der Kürze der Zeit nicht einpacken können. Nun hoffe er, dass es der Feuerwehr gelinge, den Brand vom Ort fernzuhalten, sagt Ackermann.

Für die Zeit der Evakuierung kam er mit seiner Frau und dem erwachsenen Sohn, der gerade aus Freiburg zu Besuch da ist, in der Turnhalle der Lübtheener Schule unter. Das DRK sorgt dort für die Betreuung von etwa 50 betroffenen Menschen. Insgesamt mussten laut Einsatzleitung etwa 650 Menschen drei besonders gefährdete Orte verlassen, die zumeist aber bei Verwandten und Bekannten unterkamen.

Mit Sorge blickt Lars Tartarek zum sommerlich blauen Himmel. Der Mann lebt in Lübbendorf am nördlichen Rand des Truppenübungsplatzes. Er musste im Vorjahr sein Haus räumen, als es dort schon einmal gebrannt hatte. "Damals hat ein kräftiger Platzregen geholfen, das Feuer zu bändigen. Danach sieht es jetzt aber nicht aus", sagt Tertarek. Für die Region Lübtheen ist eine Woche ohne Regen vorhergesagt.