"Ich fühle mich wie Sophie Scholl" - dieser Satz einer Rednerin auf einer Querdenken-Demo in Hannover sorgt für große Empörung. Die Reaktion eines "Ordners", kurz nachdem die Frau diesen Vergleich ausgesprochen hatte, brachte sie zum Weinen. Das eingebundene Video, dass sich auf Twitter innerhalb kürzester Zeit rasend schnell verbreitete, zeigt den Ausschnitt der Rede.

Darauf ist die junge Frau zu sehen, die auf einer kleinen Bühne in der Nähe der Oper zum Publikum spricht. "Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde", sagt sie - und vergleicht sich dabei mit der von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpferin.

Vergleich mit Sophie Scholl: Das macht Scholl so berühmt

Scholl wurde im Mai 1921 geboren und im Februar 1943 zusammen mit ihrem Bruder hingerichtet. Die beiden haben damals Flugblätter gedruckt und in diesen zum Sturz des NS-Regimes aufgerufen. Das führte dann am 18. Februar auch zur Verhaftung von Scholl und ihrem Bruder. Laut Wikipedia wurden beide wegen  „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat [und] Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt.

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Nach wenigen Sätzen der selbsternannten Scholl-Nachfolgerin taucht ein junger Mann vor der Bühne auf. "Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr", protestiert er und reicht der Frau sein orangefarbenes Leibchen. Es handele sich um eine "Verharmlosung vom Holocaust", die "mehr als peinlich" sei. Die Rednerin entgegnet: "Ich habe doch gar nichts gesagt." Dann beginnt sie zu weinen und wirft ihr Mikrofon weg. Polizisten erscheinen und geleiten den Mann von der Bühne weg. In einem später geposteten Ausschnitt ist die Frau erneut zu sehen. Sie gibt sich "schockiert, dass ich von einem Passanten, oder was auch immer, beleidigt wurde".

Zahlreiche Twitter-Nutzer markierten das Video mit "Gefällt mir", während des Auftritts der Frau ist vereinzelt Applaus zu hören. Doch in den Kommentarspalten finden sich auch Empörung und Ablehnung: Die Parallelen zu Sophie Scholl seien verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" zur NS-Zeit sei beschämend. Der junge Mann bekommt dagegen mehrfach Zuspruch. Ein Nutzer etwa schrieb: "Respekt für den Ex-Ordner, der die Verhöhnung der realen Holocaust-Opfer erkannte und sich dagegen stellte."

Außenminister-Maas: Scholl-Vergleich "verhöhnt den Mut" um Haltung gegen Nazis zu zeigen

Auch Heiko Maas, der Bundesaußenminister, äußerte sich zu diesem Vorfall: "Wer sich heute mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleicht, verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen", schreibt der SPD-Politiker in einem Twitter-Post. In seinen Augen verbinde nichts "Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*innen". Auch er teilt die Aussage des Ordners, dass der Vergleich der Rednerin den Holocaust verharmlose und eine "unerträgliche Geschichtsvergessenheit" zeige, so Maas.

Über den Mann, der nach der Aussage der Frau vor die Bühne getreten war, wird in den Tagen danach diskutiert. Er bezeichnete sich selbst als Ordner, sein farbiges Leibchen lässt außerdem darauf schließen. Bei Veranstaltungen sind Ordnungspersonen meist farbig gekennzeichnet, dass sie schnelle erkennbar sind.

Laut einem Bericht der Hannoverschen Allgemeine (HAZ) soll es sich dabei um einen "Eingeschleusten" handeln. Im Bericht heißt es, der Mann stamme aus der linksradikalen Szene der Stadt. NAch Informationen der HAZ sollte er die Querdenken-Bewegung vorführen und zeigen, dass diese gespalten sei.