Am zweiten Tag im Terrorprozess um den antisemitischen und rassistischen Anschlag von Halle wird die Nebenklage an diesem Mittwoch den Attentäter befragen. Sie wollen die Gelegenheit ergreifen, den Angeklagten mit seinem kruden Weltbild zu konfrontieren.

Am Ende des ersten Prozesstages äußerte sich Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk verhalten über die erste Fragerunde der Vorsitzenden Richterin Ursula Mertens. Die Aussagen des Angeklagten am ersten Tag hätten klargestellt, es sei ein antisemitischer, rassistischer und antifeministischer Angriff gewesen. Darüber sei von der Richterin «wuschifluschi» hinweggegangen worden.

Die Richterin habe nicht nach den Wurzeln seiner Ideologie gefragt, oder wie viele Menschen online seinen Thesen zugestimmt hätten, so die Anwältin. «Wenn sie das nicht tut, werden wir das tun», betonte Pietrzyk auf einer Kundgebung nach dem ersten Prozesstag. Zudem sollen am Mittwoch Videos der Tat gezeigt werden. Nebenklagevertreter hatten sich gewünscht, diese vor den Fragen zu sehen. Wer die Videos nicht sehen wolle, habe dadurch auch die Möglichkeit, das zu verhindern und später zu kommen, so Mertens.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28 Jahre alten Angeklagten vor, «aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens» geplant zu haben.

Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg findet wegen des großen öffentlichen Interesses und aus Sicherheitsgründen im größten Verhandlungssaal Sachsen-Anhalts in Magdeburg statt. Zum Auftakt hatten sich am Dienstag vor dem Gerichtsgebäude laut Veranstalter rund 100 Menschen aus Solidarität mit Betroffenen, Hinterbliebenen und Opfern versammelt. Beim Einlass in das Gebäude kam es wegen der strengen Sicherheitskontrollen zu Verzögerungen, so dass der Prozess erst mit zweistündiger Verspätung startete. Ein Gerichtssprecher äußerte die Hoffnung, dass dies am zweiten Prozesstag schneller geht.

Das Gericht hat zunächst 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt. 43 Nebenkläger wurden zugelassen, darunter der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki. Außerdem sind bislang 147 Zeugen benannt, darunter 68 Ermittlungsbeamte. «Das wird ein deutlich längerer Prozess, als sich das alle heute vorstellen», mutmaßte Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann nach dem ersten Prozesstag.

Der Attentäter hatte am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, schwer bewaffnet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen. Laut Bundesanwaltschaft wollte Stephan Balliet möglichst viele der 52 Besucher der Synagoge töten. Der Mann konnte sich jedoch auch mit Waffengewalt keinen Zutritt zur Synagoge verschaffen. Daraufhin tötete er eine Passantin vor der Synagoge und einen Mann in einem Dönerimbiss. Außerdem verletzte er auf seiner Flucht mehrere Menschen, bevor ihn Polizisten in der Nähe von Zeitz festnehmen konnten.

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