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Deutschland
Sexarbeit

Keine "Superspreader, wie Fleischfabrikarbeiter": Wie Prostituierte durch die Corona-Krise kommen

Der Kauf von sexuellen Dienstleistungen ist in Deutschland in nahezu allen Bundesländern seit dem 15. September 2020 unter strengen Hygieneauflagen wieder erlaubt. Doch der "Berufsverband erotische & sexuelle Dienstleistungen" sieht nach wie vor ein strukturelles Problem - und will auch gerichtlich dagegen vorgehen.
 
Frankreich geht gegen Prostitution vor
Die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen ist seit dem 15. September 2020 wieder in weiten Teilen Deutschlands erlaubt. Den zuständigen Verband der Arbeiterinnen geht diese Regelung aber noch nicht weit genug. Symbolfoto: Marijan Murat/dpa

Seit den Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise haben in Deutschland zahlreiche Industrie- und Wirtschaftszweige gravierende Einbußen erlebt. Während deutschlandweit seit Mitte Mai 2020 sowohl Tattoo-Studios als auch Friseure wieder geöffnet haben, kämpfen andere Branchen nach wie vor um die Erlaubnis, wieder ihrer Arbeit nachgehen zu dürfen. 

Mittendrin: Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen. Seit dem 15. September 2020 ist es ihnen zwar in einigen Bundesländern, wie Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Hamburg wieder möglich zu arbeiten. Doch obwohl Sexarbeiterinnen und -arbeiter ihrer Arbeit nun in weiten Teilen Deutschlands wieder nachgehen dürfen, empfindet der André Nolte, Sprecher des "Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen", den aktuellen Status Quo als nicht gerechtfertigt. "Das ist eine riesengroße Unverschämtheit", wettert er im Gespräch mit inFranken.de. "Wenn Friseure und Tattoo-Studios wieder arbeiten dürfen, dann hört mein Verständnis auf. Es handelt sich bei der Sexarbeit ja zu einem überwältigenden Großteil um 'Eins zu Eins'-Kontakte", sagt er.

Gerichte entscheiden: "Sexkaufverbot nicht mehr verhältnismäßig"

Dementsprechend habe der "BESD" auch alle Klagen seitens der Sexarbeitenden gegen die auferlegten Beschränkungen unterstützt, so Nolte - mit Erfolg. In Nordrhein-Westfalen (NRW) beispielsweise entschied das Oberverwaltungsgericht Münster, dass das Prostitutionsverbot des Landes keinen Bestand mehr habe. Es erklärte, es sei aufgrund der Öffnung von Fitness-Studios oder erlaubten privaten Festen nicht mehr verhältnismäßig. "Bei uns handelt es sich ja nicht um 'Superspreader' die mit 500 Menschen täglich in Kontakt sind, so wie zum Beispiel Fleischfabrikarbeiter", betont Nolte.

Warum die Sexarbeit so kritisch beäugt werde, habe einen bestimmten Grund: "Wenn Menschen an uns Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen denken, dann denken sie gleich an Sodom und Gomorra", sagt André Nolte, der auch selbst als Sexarbeiter tätig ist, zu inFranken.de. Trotzdem sieht er neben den schlechten Nachrichten für den Berufszweig auch positive Trends. "Aktuell ist Sexarbeit glücklicherweise wieder in mehr Bundesländern erlaubt als umgekehrt."

Die einzigen Ausnahmen bilden Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg, wo das "Sexkaufverbot" noch Bestand hat, sowie in Hessen und Rheinland-Pfalz, wo ausschließlich Hausbesuche, nicht aber der Tagesbetrieb erlaubt sind. "Im Rest Deutschlands ist die Arbeit von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern unter Hygieneauflagen wieder erlaubt", sagt André Nolte. Die Hygieneauflagen seien trotz der Bedenken mancher Politiker kein Problem, so Nolte. Diese sorgten sich vor allem um die Anonymität einzelner Kunden. Nolte aber erklärt, es gebe schließlich auch Stammkundschaft, mit der man als Sexarbeiterin oder Sexarbeiter ohnehin ein Vertrauensverhältnis unterhalte. Insofern stelle auch die Nachverfolgbarkeit kein Problem dar.

"Sexarbeiter*Innen müssen arbeiten", so der Sprecher

"Da gibt es ja auch Mittel und Wege. Beispielsweise können die Daten auch in einem versiegelten Umschlag aufbewahrt, und anschließend Datenschutzkonform entsorgt werden, wie es in Berlin bereits passiert", sagt er gegenüber inFranken.de
Grundsätzlich sei aber vor allem wichtig, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen wieder arbeiten dürften. Denn Arbeiten würden die Betroffenen in jedem Fall. "Frauen aus Osteuropa die hierhergekommen sind, haben ja beispielsweise gar keine Ansprüche auf Sozialleistungen. Natürlich müssen die Frauen arbeiten. Und dann stellt sich eben auch die Frage: Will ich das Ganze lieber in geregelten Bahnen, oder irgendwo auf einer Matratze auf einem Parkplatz stattfinden lassen", meint der Sprecher des "BESD". Man könne sich schließlich ausmalen, wo die Frauen stünden, wenn die eigentlichen Anlaufstellen für die Sexarbeit geschlossen seien, betont Nolte. Dementsprechend ist er auch überzeugt: "Arbeit mit Hygienekonzept ist hier immer besser als ohne."

Nach dieser Maßgabe stehen auch weitere Demonstrationen des Verbandes auf der Agenda. "Am 19. September demonstrieren wir mit unseren Partnerorganisationen auf dem Opernplatz in Frankfurt", so Nolte. Auch in Bonn sei bereits eine Demonstration geplant.

Der "Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten" listet in einer Übersichtstabelle auf, was der jeweilige Stand in den Bundesländern ist. 

Alle aktuellen Entwicklungen der Corona-Krise erfahren Sie im News-Ticker von inFranken.de.