Ilse Aigner hat übers Wochenende eine überraschende Wandlung vollzogen: Nach der Ankündigung ihres Wechsels in die Landespolitik sehen manche die oberbayerische CSU-Bezirksvorsitzende und Bundesagrarministerin schon als bayerische Ministerpräsidentin - als sei es nur eine Frage der Zeit, wann die Prinzessin zur Königin gekrönt wird.

Das sollte Aigner nicht nur Hoffnung, sondern auch Warnung sein. Schließlich haben viele CSU-Politiker Erfahrung mit einem deprimierenden Karrierepfad: vom Ministerpräsidenten oder Bundeskanzler in spe zum Hoffnungsträger a.D. Berühmtestes Beispiel: Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Insofern gilt: Es ist noch gar nichts entschieden. "Die Würfel sind geworfen, aber nicht gefallen", sagt ein CSU-Politiker.

Zwar hat Aigner nun tatsächlich eine gute Ausgangsbasis. Die Chancen, dass Bayern eine Frau als Ministerpräsidentin bekomme, seien "schlagartig angestiegen", kommentiert ein Kabinettsmitglied. Doch daneben gibt es noch viele andere Faktoren. Ein ganz maßgeblicher Faktor heißt Seehofer: Er will noch lange amtieren und nennt als Datum 2018, das Ende der nächsten Legislaturperiode. "Seehofer freut sich doch, wenn er viele Kronprinzen hat", sagt ein weiteres Kabinettsmitglied. Denn diese blockieren sich dann gegenseitig.

Und tatsächlich hätte Seehofer Aigner kaum nach München geholt, wenn er nicht selbst derzeit fest im Sattel sitzen würde und nicht wüsste, dass ihm Aigner nicht akut gefährlich werden kann. "Man macht sich ja nicht selbst zur ,lame duck'", sagt ein CSU-Abgeordneter und betont: "Horst Seehofer wird die Zügel nicht aus der Hand geben."

Kein Amt versprochen


Seehofer selbst stellt vor Beginn der CSU-Fraktionsklausur im Kloster Banz am Montag klar, er habe Aigner keinen Posten und kein Amt versprochen. "Wenn jemand auf einer Liste kandidiert, dann kandidiert er aus eigener Verantwortung und nicht aufgrund von Zusagen oder Inaussichtstellungen. So ist es bei uns Standard, und so bleibt's auch", sagt er. "Und von mir gibt's auch keinerlei Zusagen." Und Aigner selbst? Die sagt am Montag bei einem Niedersachsen-Besuch auf die Frage, ob sie sich schon als nächste Ministerpräsidentin von Bayern fühle: "Erstmal müssen wir gut abschneiden. Den Bären zu verteilen, der noch nicht erlegt ist, macht sich nicht so gut."

Hinzu kommt: Die allermeisten in der CSU haben derzeit kein Interesse an einer Führungsdebatte. Oberste Priorität hat ein sehr viel näher liegendes Ziel: "Wir wollen die Landtagswahl gewinnen", sagt Albert Füracker, der Chef des Agrarausschusses im Landtag. "Niemand bei uns spricht momentan davon, was 2018 wird." Und auch Fraktionschef Georg Schmid stellt klar: "Die Menschen haben kein Verständnis, wenn wir jetzt jeden Tag über Personal diskutieren."

Anwärter auf bayerischen Regierungsthron


Und trotzdem steht angesichts von Aigners Wechsel die Frage nach den Kronprinzen und -prinzessinnen im Raum - und die Frage nach deren Chancen. Die weiteren Anwärter auf den bayerischen Regierungsthron sind vor allem: Finanzminister Markus Söder und Sozialministerin Christine Haderthauer. "Die beiden werden die Flügel jetzt sicher nicht hängen lassen und aufgeben", betont ein CSU-Vorstandsmitglied. Die CSU habe nun "drei Eisen im Feuer". "Und das Rennen ist offen."

Was Aigner angeht, so sagen viele in der CSU, sie sei äußerst charmant - aber als Visionärin und Programmatikerin sei sie bislang nicht aufgefallen. "Gemischt" sei deren Bilanz in Berlin, urteilt ein CSU-Politiker. "Es gibt Sympathie für sie, aber keine Euphorisierungswelle wie bei Guttenberg", meint ein anderer.
Aigner wird also in Bayern künftig noch genauer beobachtet werden - auch von ihrer eigenen Partei. Die CSU werde nun noch genauer schauen, ob es Aigner "im Kreuz" habe, sagt ein CSU-Vorständler und betont fast drohend: "Die CSU ist hart genug, diesen Test zu machen."

Seehofer muss sich derweil gegen Spekulationen wehren, er nehme nur die Landtagswahl wichtig und weniger die Bundestagswahl. "Alles dreht sich bei ihm um den 15. September 2013", sagt ein Abgeordneter - das ist der geplante Landtagswahltermin. Seehofer entgegnet, er sehe Bundestag, Landtag, Europa und Kommunen "in einem Viereck". "Wir können schon noch vier Dinge gleichzeitig als wichtig begleiten."