Böblingen
Pflege

Politik trifft auf Realität: Jens Spahn (CDU) besucht Krankenschwester

Eine Krankenschwester hat sich mit einem Brief an den Bundesgesundheitsminister gewandt. Darin prangerte sie die aktuelle Pflegesituation an. Jens Spahn traf sich daraufhin mit ihr.
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Tanja Pardela schrieb Jens Spahn mehrere Briefe zum Pflegenotstand. Jetzt hat er die Krankenschwester in Böblingen besucht. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Tanja Pardela schrieb Jens Spahn mehrere Briefe zum Pflegenotstand. Jetzt hat er die Krankenschwester in Böblingen besucht. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Schwester Tanja Pardela kämpft hartnäckig für eine bessere Pflege. Nach einem wütenden Brief an den Bundesgesundheitsminister besucht Jens Spahn sie in Böblingen - und muss sich dort einiges anhören wie die deutsche Presseagentur (dpa) vermeldet.

Nach 25 Jahren in der Pflege: Tanja Pardela ist frustriert, laut ihr verschlimmert sich die Situation

Tanja Pardela ist frustriert. 25 Jahre lang hat die 46-Jährige als Krankenschwester gearbeitet, sich um Patienten gekümmert. Die Misere wird aus ihrer Sicht immer schlimmer: zu viele Patienten, zu viel Stress, zu viel Bürokratie. Zu wenig Gehalt, zu wenig Anerkennung. "Die Leute arbeiten sich in der Pflege kaputt", kritisiert sie.

Tanja Pardela schickt einen wütenden Brief nach Berlin und beklagt sich bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) über die Missstände. Und da der sich sowieso über den Klinikverbund vor Ort informieren will, trifft er auch gleich die Schwester in Böblingen.

Pardela brach ihren Urlaub für das Treffen mit Jens Spahn in Böblingen ab

Spahn taucht am Mittwoch um kurz nach 15.00 Uhr vor der Klinik auf und wird sofort von Fotografen und Kameraleuten umringt. Der Medienrummel ist für Pflegerin Pardela ungewohnt, macht sie sichtlich nervös. Der Minister und die Schwester - das lässt sich gut verkaufen. Spahn zieht sie zu sich heran, die Fotografen verlangen nach einem Händeschütteln. "Das ist halt so", sagt Spahn zu Pardela und lächelt. "Das gehört dazu, wenn man was bewegen will", sagt die Schwester. Weil ihr die Sache so wichtig sei, habe sie für das Treffen mit Spahn sogar ihren Urlaub in London abgebrochen.

Ein paar Demonstranten erwarten den Minister mit Protestbannern vor der Klinik. Spahn läuft mit großen Schritten auf sie zu. "Das dauert alles viel zu lange", ruft ihm einer entgegen und meint die Personalnot. "Hach, ich kann sie leider auch nicht backen", sagt Spahn und seufzt. Der akute Personalmangel in der Pflege trifft auch die Kliniken. In der Krankenpflege sind bundesweit Tausende Stellen für Fachkräfte und Helfer unbesetzt. In vielen Stationen sind Mitarbeiter am Limit oder darüber hinaus. "Man ist total fertig, wenn man mit einer Schicht zu Ende ist", sagt Pardela.

Spahn wähnt die Pflege auf dem richtigen Weg

Spahn wirbt um Geduld. "Es gibt in der Pflege nachvollziehbarerweise viele, die eben verärgert sind", sagt er. Er verstehe den Unmut, sagt er - und wirbt kräftig für seine Politik. Man sei ja kräftig dabei, für mehr Geld, mehr Stellen und mehr Pflegekräfte zu sorgen. "Aber was über Jahre sich in die falsche Richtung gedreht hat, kriegen wir auch nicht in ein paar Wochen umgedreht", sagt er. Die Richtung stimme, das ist Spahns Botschaft in Böblingen. So werde in Krankenhäusern jede aufgestockte Stelle von den Kassen bezahlt.

Sie weiß den Besuch aus Berlin auch zu schätzen, lobt Pardela. Der Minister könne ja nicht jeden besuchen, der ihm einen Brief schreibt. Trotzdem erhält Spahn von ihr kaum Lob für seine Politik. "In unser täglichen Arbeit merkt man noch nichts", sagt sie trocken auf Spahns Frage, ob sie bereits Veränderungen spüre.

Streitpunkt zwischen den beiden Gesprächspartnern: Die Mindestgrenze

Sie stößt sich vor allem an Spahns verpflichtenden Untergrenzen für Pflegepersonal für Intensivstationen sowie bestimmte Klinik-Abteilungen. "Eine Mindestgrenze ist eine schwierige Sache, weil es dann heißt, das reicht", sagt Pflegerin Pardela.

"Die Untergrenze ist ja nicht mit dem Würfel entstanden", entgegnet Spahn. Für die einen sei die Grenze zu hoch, für die anderen zu niedrig. Es gebe viele Kliniken, die die Grenze bereits heute nicht schafften. Die würden ihm vorwerfen, dass er schuld sei, dass sie Patienten abweisen müssten.

Beim einstündigen Treffen kommt die Schwester dann am Ende gar nicht so häufig zu Wort, weil mehr als ein Dutzend weitere Leute am Tisch sitzen - Ärzte, Direktoren, Geschäftsführer, Landräte. Und alle wollen zu Wort kommen.

Am Ende wünscht sich Spahn, dass mehr über die positiven Seiten des Pflegeberufs gesprochen wird. "Wir können die Probleme nur lösen und Menschen für den Beruf gewinnen, wenn wir auch die positiven Momente darstellen", sagt er zu Pardela. "Und das können sie viel besser als ich."

Rahmenbedingungen der Pflege müssen besser werden

So ganz zufrieden wirkt Pardela am Ende nicht. "Ich glaube, er geht jetzt nicht heim und macht die Personaluntergrenze besser", sagt sie. "Die Rahmenbedingungen müssen besser werden." Und das dürfe keine fünf bis zehn Jahre dauern. Pflegerin Pardela will sich weiter für bessere Bedingungen in der Pflege einsetzen - und notfalls unbequem bleiben. "Ich werde ihm auch wieder schreiben, wenn ich einen Punkt habe, den ich ihm sagen möchte."

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