• Zahl der Unwettertoten steigt weiter
  • Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz
  • Alleine in Ahrweiler mittlerweile knapp 110  Tote
  • Weiter besteht die Gefahr von Dammbrüchen

Bei der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands steigt die Zahl der Todesopfer weiter an. Zwar hat sich die Wetterlage derzeit entspannt, dennoch stoßen Helfer immer wieder auf Opfer der schrecklichen Unwetter-Tragödie.

Update vom 18.07.2021 um 20 Uhr: Nach wie vor vermissen viele Menschen Angehörige

Nach wie vor gibt es Vermisste. So suchen in Erftstadt westlich von Köln zahlreiche Menschen nach ihren Angehörigen. Bisher wurden nach Angaben der Stadt bei der «Personenauskunftsstelle» 34 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. Noch am Samstag lag die Zahl bei 59. Im Stadtteil Blessem, wo die Lage weiter angespannt war, wollten Fachleute die Stabilität des Untergrunds prüfen.

Dort war durch die Fluten ein riesiger Krater entstanden. Mindestens drei Wohnhäuser und ein Teil einer Burg stürzten ein.

Update vom 18.07.2021 um 17.30 Uhr: Große Hilfsbereitschaft füllt Spendenkontos - Bewohner können wieder Wasser und Handys nutzen

Bewohner in der vom Hochwasser besonders betroffenen Stadt Erftstadt können wieder Wasser in Maßen benutzen. "Eine Dusche oder eine notwendige Maschine Wäsche sind kein Problem", teilte die Stadt am Sonntag mit. Sollte es zu einem Rückstau des Wassers im Haus oder der Wohnung kommen, müsse der Verbrauch aber wieder reduziert werden. "Bitte lassen Sie insbesondere Geräte nicht unbeaufsichtigt", schrieb die Stadt.

Die Mobilfunkanbieter Telefónica Deutschland und Vodafone haben nach eigenen Angaben das durch die Unwetterkatastrophe beschädigte Handynetz vielerorts wieder herstellen können. Von Telefónica hieß es am Sonntag, seit Freitag arbeiteten Techniker daran im Dauereinsatz. Inzwischen habe man an mehr als zwei Dritteln der Standorte, die von einem Stromausfall betroffen waren, das Mobilfunknetz wieder instandgesetzt. Vodafone teilte am Sonntag mit, weniger als zehn Prozent der Vodafone-Kunden seien noch ohne Handyempfang.

Die Hilfsbereitschaft angesichts der Not der Anwohner in den Hochwasser-Gebieten ist groß, die Lager mit Sachspenden sind voll. Die Kreise Euskirchen und Rhein-Erft in Nordrhein-Westfalen erklärten am Sonntag, Sachspenden gebe es derzeit genug. "Es besteht vielerorts das Problem, dass zusätzliche Spenden nicht verwaltet und gelagert werden können», erklärte der Kreis Euskirchen. Hilfsangebote sollten nicht unkoordiniert, sondern im direkten Kontakt mit Betroffenen erfolgen. Beide Kreise richteten Konten für Hochwasser-Hilfen ein und baten um Geldspenden. Das Deutsche Rote Kreuz in Köln berichtete am Sonntag, weitere Sachspenden würden zunächst nicht mehr angenommen. Eine für 50 Wagen konzipierte Fahrzeughalle sei gut gefüllt. "Wir hatten nicht gedacht, dass wir innerhalb von zwei Tagen so viele Sachspenden entgegennehmen dürfen", sagte ein DRK-Mitarbeiter. Nun müssten die Gaben erst einmal sortiert und dafür Abnehmer gefunden werden. In Düsseldorf sammelte eine private Initiative in kurzer Zeit mehr als 2500 Kartons mit Sachspenden. Einen Abnehmer gebe es noch nicht, sagte die Initiatorin. Man wolle Kontakt zu Hochwassergebieten in Bayern aufnehmen.

Update vom 18.07.2021, 7 Uhr: 110 Menschen sterben bei Hochwasserkatastrophe in Ahrweiler

Nach der Hochwasserkatastrophe im Kreis Ahrweiler in Reinland-Pfalz hat sich die Zahl der Todesopfer bis Sonntagmorgen auf 110 erhöht. Ebenso wurden 670 Personen verletzt, wie die Polizei mitteilte. Die Zahl der Toten und Verletzten könnte sich aber weiter erhöhen. In einer Vielzahl der umliegenden Gemeinden gibt es auch weiterhin weder Strom noch Telefonempfang. Ebenso sind weiterhin eine Vielzahl der Straßen im Ahrtal gesperrt.

Update vom 17.07.2021 um 16.50 Uhr: Anzahl der Toten in Rheinland-Pfalz steigt auf knapp 100

Nach der Hochwasserkatastrophe ist die Zahl der bestätigten Todesopfer in Rheinland-Pfalz auf 98 gestiegen. "Es ist zu befürchten, dass noch weitere Todesopfer hinzukommen", sagte ein Sprecher der Polizei in Koblenz am späten Samstagnachmittag. Zudem waren der Polizei 670 verletzte Personen im Kreis Ahrweiler bekannt. Auch mehr als zwei Tage nach dem Unglück werden noch Menschen vermisst. Über die genaue Zahl konnte der Sprecher keine Angaben machen.

Die Lage in den überfluteten Gebieten sei noch immer sehr angespannt, teilte die Kreisverwaltung am Samstag mit. Rund 1300 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland würden vor Ort helfen. Der Schwerpunkt der Katastrophe liegt in Rheinland-Pfalz im Kreis Ahrweiler.

In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Toten im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe auf 45 gestiegen. Das teilte eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums am Samstagabend mit. Damit hat sich die Zahl der Todesopfer gegenüber Freitag um zwei erhöht. Keine Toten wurden bislang bei der Bergung der Fahrzeuge auf der überfluteten Bundesstraße 265 bei Erftstadt gefunden, wie ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises berichtete. Bei der Überprüfung der insgesamt 28 Autos und Lastwagen, die von den Wassermassen überspült worden waren, kamen auch Taucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zum Einsatz.

Ursprüngliche Meldung vom 17. Juli:

Bei der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands steigt die Opferzahl weiter. Auch wenn sich die Wetterlage in NRW und Rheinland-Pfalz etwas entspannt, laufen nun die Rettungs- und Aufräumarbeiten auf Hochtouren.  Und weiterhin fressen sich noch die Wassermassen regelrecht durch die Orte. Menschen werden vermisst, Häuser sind eingestürzt und ganze Gebiete verschwunden. In mehreren Ortschaften hatte es Evakuierungen gegeben. Es sind unfassbare Bilder und Szenen, die sich hier abspielen.

Zahl der Todesopfer steigt weiter

Nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands ist die Zahl der Toten auf mehr als 130 gestiegen. Die Polizei bezifferte allein die Zahl der Todesopfer im Großraum Ahrweiler bis Samstagmorgen auf über 90. Es sei zu befürchten, dass noch weitere hinzukämen, teilte die Polizei Koblenz am Samstag mit. Insgesamt liege dem Polizeipräsidium die Meldung über 618 Verletzte vor. Auch diese Zahl könne sich noch weiter erhöhen. Mehr als zwei Tage nach dem Unglück werden immer noch Menschen vermisst. In Nordrhein-Westfalen gab es nach Angaben des NRW-Innenministeriums landesweit mindestens 43 Todesopfer und viele Verletzte.

Am Freitag hatte Innenminister Roger Lewentz (SPD) noch von 63 Todesopfern in Rheinland-Pfalz gesprochen. Die Zahl der Verletzten lag am Freitag noch bei 362. In der Region gehen unterdessen die Such- und Rettungsarbeiten weiter. Noch immer sind Tausende Rettungskräfte in der Eifel, wo in der Nacht zum Donnerstag die Wassermassen ganze Orte verwüstet hatten.

Laut Frühwarnprognose des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz verringerte sich die Hochwassergefahr zuletzt. In vielen Ortschaften fiel weiterhin das Strom- und Telefonnetz aus. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800 6565651 bei der Polizei melden.

Bundespräsident kommt am Samstag

In der Nacht war die Polizei nach Angaben des Präsidiums mit vielen Einsatzkräften in den betroffenen Ortslagen im Einsatz. Durch das Unwetter seien viele Straßen im Ahrtal weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt am Samstag in den von der Flutkatastrophe besonders hart getroffenen Rhein-Erft-Kreis (Nordrhein-Westfalen), Bundeskanzlerin Angela Merkel plant einen baldigen Besuch in der schwer verwüsteten Region in Rheinland-Pfalz. Bei einer Videokonferenz mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte sie am Freitag kurz- und langfristige Unterstützung durch den Bund für die betroffenen Menschen zugesichert.

Nach Angaben des Bundespräsidialamtes besucht Steinmeier am Mittag (12.30 Uhr) zusammen mit Laschet Erftstadt, wo in den vergangenen Tagen zahlreiche Häuser und Autos weggespült worden waren. Er will sich in der Feuerwehrleitzentrale ein Bild von der aktuellen Lage machen und mit Rettungskräften sprechen.

"Wir gehen von mehreren Toten aus, wissen es aber nicht"

Bis Freitagabend war noch offen, ob es in Erftstadt Todesopfer zu beklagen gibt. «Wir gehen von mehreren Toten aus, wissen es aber nicht», sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU).

Durch das Abfließen der Wassermassen werden die von den Fluten angerichteten Schäden an Ahr und Mosel sichtbar. Auch die Infrastruktur hat schweren Schaden genommen: In dem besonders stark betroffenen Landkreis Ahrweiler sind Straßen gesperrt und Brücken zerstört, der Zugverkehr ist in Rheinland-Pfalz wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt.

Eine besonders dramatische Lage hatte sich in Erftstadt-Blessem südwestlich von Köln ergeben: Dort kam es zu gewaltigen Erdrutschen, es bildeten sich Krater im Erdreich, drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein.

Annalena Baerbock im Katastrophengebiet - "Die Gespräche gehen unter die Haut"

Laschet beklagte am Freitag eine «Flut-Katastrophe von historischem Ausmaß». Es sei zu befürchten, dass die Opferzahlen weiter steigen. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage «weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland». Sie fügte in Trier hinzu: «Das Leid nimmt auch gar kein Ende.»

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin vor Ort über die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder öffentliche Auftritte. Den Angaben zufolge traf Baerbock am Freitag in Mainz ein. Auf Twitter schrieb sie dazu: «Die Gespräche gehen unter die Haut. Nach wie vor sind nicht alle Orte erreicht, Menschen weiter abgeschnitten. Zugleich gibt es eine unglaubliche Solidarität zu helfen, Betroffene zu Hause aufzunehmen und zu unterstützen.» Für Samstag sind weitere Termine Baerbocks in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagte der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Samstag): «Wir wissen, dass solche Extremwetterereignisse zunehmen werden. Daher brauchen wir entsprechende Anstrengungen beim Klimaschutz - in Deutschland, aber auch weltweit.» Die Akteure in Bund, Land, Städten und Kreisen sowie Hilfsorganisationen seien «leistungsfähig, aber für bundesweite Krisenszenarien brauchen wir einen verlässlichen Rahmen». Es dürfe nicht so weit kommen, dass das Leben an Flüssen und Küsten in Deutschland nicht mehr möglich sei.

Nach den Worten von Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter muss Deutschland seine Maßnahmen für den Klimaschutz verbessern. Er sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Samstag): «Studien zeigen, dass Ereignisse wie die verheerenden Hitzewellen in Nordamerika oder die Flutkatastrophe in Deutschland durch die Klimakrise wahrscheinlicher und heftiger werden. Wir müssen in allen Bereichen beim Klimaschutz draufsatteln.» Das EU-Klimapaket sei ein guter Startpunkt. «Jetzt müssen wir in Deutschland nachlegen und wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen. Zugleich brauchen wir eine aktive Vorsorgepolitik, um uns an die neuen Klimarealitäten anzupassen» - also mehr und ökologischeren Hochwasserschutz, Flächenentsiegelung und hitzeangepasste Städte.