Viele Menschen sind in ihrem Alltag auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Das stellt seit Beginn der Corona-Krise ein großes Problem dar, denn das Virus breitet sich bevorzugt in engen geschlossenen Räumen mit vielen Menschen aus. Eine neue Studie der Charité gibt nun zumindest teilweise Entwarnung: Die Ansteckungsgefahr in Bus und Bahn sei nicht höher als im Auto, behauptet das Institut.

Im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und mehrerer Bundesländer hat die Charité Research Organisation untersucht, ob es bei Menschen, die regelmäßig mit Bus oder Bahn unterwegs sind, häufiger Ansteckungen mit dem Coronavirus gibt. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse sehen sich die Verkehrsminister der Länder ihrem Kurs bestätigt.

Infektionsrisiko im ÖPNV: Studie mit überraschendem Ergebnis

Um das Risiko einer Ansteckung im öffentlichen Nahverkehr im Vergleich zum sogenannten Individualverkehr einschätzen zu können, wurden zunächst 681 Studienteilnehmer per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt. Darunter sowohl berufstätige als auch Schüler und Auszubildende. Die eine Gruppe pendelte während des Untersuchungszeitraums mit Bus und Bahn und die andere mit dem Auto oder Fahrrad.

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Das Alter der Teilnehmer verteilte sich zwischen 16 und 65 Jahren und sie waren jeweils zwischen 15 und 30 Minuten lang unterwegs. Vor Beginn des Experiments wurden alle Probanden einem PCR- und Antikörpertest unterzogen. Bereits infizierte Personen mussten aus der Studie ausgeschlossen werden, da sich ihr Infektionsverhalten von dem der noch nicht Infizierten unterscheidet.

Nach fünf Wochen wurden die Teilnehmer erneut auf Corona getestet. Das überraschende Ergebnis: Statistisch gibt es zwischen ÖPNV-Nutzern und Autofahrern keinen signifikanten Unterschied bei der Infektionshäufigkeit. Von den 325 Menschen, die im ÖPNV unterwegs waren, hatten sich in dieser Zeit zwölf Personen angesteckt. Von den 314 Menschen im Individualverkehr, lag die Zahl der Infektionen bei 14.

Corona-Studie zu Infektionsrisiko in Bus und Bahn: Rahmenbedingungen nicht optimal

Betrachtet man die absoluten Zahlen, haben sich Personen, die mit dem Auto unterwegs waren sogar häufiger angesteckt als die ÖPNV-Nutzer. Wie kann das möglich sein? Zunächst müssen hierbei die Rahmenbedingungen der Studie in Betracht gezogen werden. Die Studie fand zu einem Zeitpunkt statt, in welchem sich Deutschland bereits seit Monaten im zweiten Lockdown befand, nämlich im Februar und März 2021.

Angestellte waren bereits seit längerem dazu aufgerufen, ihre Tätigkeit, wenn möglich von zu Hause aus auszuüben. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren also entsprechend leer. Hinzu kamen die bereits geltenden Hygienemaßnahmen wie Maskenpflicht und Abstand. Auch im Rhein-Main-Verkehrsbund (RMV), wo die Studie durchgeführt wurde, galten diese Regeln.

Es herrscht immer noch Unklarheit darüber, wie hoch das Infektionsrisiko ausfällt, wenn wieder mehr Menschen den ÖPNV nutzen. Auch unklar ist, wo sich die festgestellten Corona-Fälle innerhalb der Studie genau angesteckt haben. Zurzeit ist es leider allgemein immer noch sehr schwer einen genauen Ort der Infektion zurückzuverfolgen. Viele Ansteckungsorte sind unbekannt.

Studiendesign und Interpretation im Kreuzfeuer

Die SWR-Wissenschaftsredaktion übte währenddessen harsche Kritik an dem gesamten Unterfangen: Nicht nur sei absolut nicht klar, ob die Ansteckungen wirklich in Zusammenhang mit dem Fortbewegungsmittel stehen, es seien auch Fehler bei der Durchführung und Auslegung der Studie unterlaufen.

340 Probanden pro Gruppe seien bei weitem nicht genug, um die Aussagekraft der Studie zu garantieren. Selbst bei sehr hohen Inzidenzen um die 200 wären in einer so kleinen Gruppe von Vorneherein nur vereinzelte Corona-Fälle zu erwarten. Das gesamte Experiment kann somit großen Schwankungen unterliegen und ist stark vom Zufall abhängig.

Auch die Aussagen der Verkehrsminister der Länder, dass die Studie nun "wissenschaftliche Klarheit" schaffe, könne so nicht stimmen. Eine Studie mit diesem Aufbau konnte laut SWR-Wissenschaftsredaktion nur günstige Ergebnisse liefern. Für anderes sei der Versuchsaufbau nicht ausgelegt. Um vernünftige und aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen, werde eine viel größere Studie benötigt.

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