Gelsenkirchen
Fehlbildungen

Nach mehreren Fällen mit Handfehlbildungen bei Neugeborenen: Ärzte fordern bundesweites Register

Nach den vermehrt auftretenden Fehlbildungen bei Neugeborenen fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ein bundesweites Register. Erst einmal sollen allerdings Untersuchungsergebnisse Aufklärung bringen.
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Nach einer ungewöhnlichen Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen, fordert der Verband nun ein bundesweites Register. Symbolfoto: Pexels
Nach einer ungewöhnlichen Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen, fordert der Verband nun ein bundesweites Register. Symbolfoto: Pexels

Nach einer Häufung von Handfehlbildungen bei Neugeborenen in einer Gelsenkirchener Klinik gibt es Forderungen nach einem bundesweiten Register. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) verweist darauf, dass Fehlbildungen bei Neugeborenen sehr unterschiedliche Ursachen haben können, und dass dazu eine sehr sorgfältige Analyse erforderlich ist. "Ein Register würde uns auf jedem Fall weiterhelfen", sagte der BVKJ-Bundessprecher Hermann Josef Kahl der Deutschen Presse-Agentur am Montag.

Drei Kinder mit Handfehlbildung auf die Welt gekommen: Alles nur ein Zufall?

Im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen waren zwischen Juni und Anfang September drei betroffene Kinder auf die Welt gekommen, wie die Klinik in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage mitteilte.

Bei zwei Kindern war laut Mitteilung der Klinik die linke Hand deformiert - Handteller und Finger seien nur "rudimentär angelegt" gewesen. Bei einem Kind sei die rechte Hand betroffen gewesen. Mehrere Medien hatten davon gesprochen, Kinder würden "ohne Hände" geboren werden - das ist so nicht ganz korrekt, es handelt sich aber um schwere Fehlbildungen.

"Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig", so die Klinik in ihrer Mitteilung weiter. Die betroffenen Familien wohnten im "lokalen Umfeld", es gebe keine kulturellen, ethnischen oder sozialen Gemeinsamkeiten.

Handfehlbildung bei Babys: Fehlbildungen eher selten

Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht gesehen, hieß es. Hebammenvertreterinnen hatten auf die Fälle aufmerksam gemacht, mehrere Medien berichteten.

Statistisch würden etwa 1 bis 2 Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren, wie die Gelsenkirchener Mediziner erläuterten. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten.

Der entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle, wie das Sankt Marien-Hospitals Buer schreibt. "Eine ebenfalls mögliche Ursache ist das Abschnüren von Extremitäten durch Amnionbänder oder Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führt."

Die Klinik hat nach eigenen Angaben Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. "Aktuell liegen keine ausreichenden Informationen vor, um diesen Sachverhalt qualifiziert beurteilen zu können", bekräftige eine Sprecherin des Charité am Montag. Auf die Fälle in Gelsenkirchen und weitere hatten Hebammenvertreterinnen aufmerksam gemacht.

Untersuchungen nach Fehlbildungen: Ende nächster Woche Ergebnisse

Das NRW-Gesundheitsministerium, dass alle Geburtskliniken des bevölkerungsreichsten Bundeslandes zu Fehlbildungen bei Säuglingen abfragt, hofft Ende nächster Woche auf Ergebnisse. "Anschließend werden wir die wissenschaftliche Expertise suchen, um eine Ersteinschätzung zu erhalten, ob die erhobenen Zahlen auffällig sind", erklärte eine Ministeriumssprecherin in Düsseldorf am Montag. "Wir nehmen Kontakt zu den Ärztekammern, dem Hebammenverband, dem Bund und den anderen Bundesländern auf, um Erkenntnisse auszutauschen und gegebenenfalls mögliche weitere Schritte zu besprechen", erläuterte sie.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) forderte eine umfassende Aufklärung. "Natürlich müssen wir rausfinden und muss auch rausgefunden werden von den zuständigen Behörden, ob da irgendwie etwas hintersteckt, was man bekämpfen kann, wenn man es erkannt hat", sagte er im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung. Das stehe auch den Eltern und den Kindern zu, um die es gehe.

Zur Frage, ob ein Register für Fehlbildungen bei Neugeborenen für sinnvoll erachtet wird, äußerte sich das Bundesgesundheitsministerium am Montag auf Anfrage nicht konkret. "Bevor wir jetzt über Ursachen und Konsequenzen spekulieren, warten wir die Untersuchungsergebnisse ab. Wo wir können, werden wir die Aufklärungsarbeiten unterstützen", sagte ein Ministeriumssprecher.

Die Klinik in Gelsenkirchen bedauert in ihrer Pressemitteilung, dass es kein bundesweites Melderegister für Fehlbildungen gibt. Es wäre eine Meldung über Eurocat als zentrale Meldestelle der Europäischen Union möglich. Hier sei das Krankenhaus als geburtshilfliche Klinik als Melder jedoch bisher nicht registriert.

Nicht nur in Deutschland: Frankreich mit vermehrten Fällen von Handfehlbildungen

In Frankreich gibt es bereits seit längerem eine Debatte, nachdem sich die Fälle von Fehlbildungen bei Babys in einigen Regionen des Landes gehäuft hatten. Die Kinder leiden an einer Deformation von Gliedmaßen. In Frankreich ist das Phänomen unter dem Schlagwort "Babys ohne Arme" bekannt. Besonders im Département Ain im Osten des Landes, im Département Loire-Atlantique im Westen und in Morbihan in der Bretagne kommen seit mehreren Jahren besonders viele Babys ohne Arme zur Welt. Über die Ursache wird spekuliert. So sollen viele der betroffenen Familien in der Nähe von Feldern leben, weshalb der Verdacht im Raum steht, Pestizide könnten für die Fehlbildungen verantwortlich sein. Sie könnten das Trinkwasser verunreinigt haben.

Eine Untersuchungskommission untersuchte seit Herbst 2018 die Fälle. Insgesamt seien 143 Berichte von Menschen mit Fehlbildungen und 43 Beiträge zu Hypothesen über mögliche Ursachen analysiert worden, heißt es im ersten Bericht der Gesundheitsbehörde Anses, der im Sommer veröffentlicht wurde. Eine Ursache für die Fehlbildungen konnten die Experten bisher allerdings nicht finden. Es gab aber auch Kritik an dem Bericht. So wird zum Beispiel bemängelt, dass nicht alle Fälle von Fehlbildungen berücksichtigt worden seien.

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