Dass die Wahrheit in Zeiten des Krieges das erste Opfer ist, gilt in Zeiten des global vernetztem Internets und von Social-Media umso mehr. Wie leicht es ist, mit falschen Informationen Hass zu schüren, hat beispielsweise ein gefälschtes Video aus Euskirchen gezeigt: Dort soll ein 16-Jähriger brutal zu Tode geprügelt worden sein - weil er Russisch sprach. Doch die Meldung ist ein Fake.

Ebenso wie die Behauptung, Deutschland würde zusammen mit der Ukraine Biowaffen entwickeln. Hier wurde das Friedrich- Loeffler-Institut Labor in Greifswald von offiziellen Kanälen beschuldigt, solche Waffen zu entwickeln. Ein Vorwurf, den Cornelia Silaghi, Leiterin des Greifswalder Instituts für Infektionsmedizin, entschieden von sich weist. Die Russen müssten wissen, dass dies eine Lüge sei, so Silaghi gegenüber "Science". Doch nicht erst seit dem Einmarsch in die Ukraine rüstet Russland gegenüber den Nato-Ländern und insbesondere Deutschland verbal auf.

Kriegsjargon wie im Zweiten Weltkrieg

So wurde mehrfach darüber berichtet, dass auf russischer Militärtechnik der Slogan "Nach Berlin" zu lesen sei. Dies verweist auf den Kampfspruch russischer Truppen am Ende des 2. Weltkriegs: Damals zierte der Ausspruch ebenfalls viele Panzer und Fahrzeuge der russischen bzw. sowjetischen Armee

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland führt mehrere Fälle auf, in denen "Nach Berlin" auch heute wieder Verwendung findet. Dabei sei der Ausspruch jedoch schon vor dem Ukraine-Krieg verwendet worden. Einen direkten Zusammenhang mit dem Krieg gebe es demnach nicht - und eine direkte Drohung an Deutschland, sei dies ebenfalls nicht. 

Jedoch muss man solche Aussagen durchaus ernst nehmen. Zum einen zeigt es, dass in Russland seit Jahren antiwestliche und damit auch antideutsche Ressentiments geschürt worden. Die Abwertung anderer Länder hat zwar immer auch eine innenpolitische Dimension und soll oft von Problemen und Konflikten im eigenen Land ablenken. Jedoch muss man diese verbalen Spitzen nun anders bewerten. Schließlich zeigt Wladimir Putin in den letzten Jahren immer mehr, welch revisionistisches Geschichtsbild er hat. Eine direkte Konfrontation mit der Nato ist deswegen zwar nicht unbedingt wahrscheinlich - aber eben auch nicht mehr komplett ausgeschlossen.

Nato aktiviert ABC-Abwehr

Das zeigt auch die Tatsache, dass der Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa Bündnisfähigkeiten zur Abwehr von chemischen, biologischen und atomaren Bedrohungen aktiviert hat. Wie Generalsekretär Jens Stoltenberg am Donnerstag am Rande des Nato-Sondergipfels in Brüssel sagte, verstärken Mitgliedstaaten derzeit zudem auch die multinationalen Gefechtsverbände an der Ostflanke mit zusätzlichen ABC-Elementen

In der Nato wird seit einiger Zeit befürchtet, dass Russland angesichts schleppender Fortschritte im Krieg gegen die Ukraine versucht sein könnte, Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Als Hinweis darauf werden auch unbelegte Vorwürfe gegen die Ukraine und Nato-Staaten gewertet, selbst einen Einsatz chemischer und biologischer Waffen vorzubereiten. "Wir haben schon einmal erlebt, dass diese Art, andere zu beschuldigen, eigentlich ein Mittel ist, um einen Vorwand zu schaffen, das Gleiche selbst zu tun", sagte Stoltenberg am Donnerstag.

Zwar sei ein solcher Einsatz von ABC-Waffen vor allem in der Ukraine zu befürchten, doch Stoltenberg warnte, dass sich chemische Kampfstoffe bei einem Einsatz in Russland auch auf Nato-Territorium ausbreiten könnten. Wie die Nato auf einen solchen Fall reagieren würde, sagte Stoltenberg nicht. Er sprach lediglich von "weitreichenden und schwerwiegenden Folgen".

Eine direkte Konfrontation zwischen der Nato und Russland und damit auch Kampfhandlungen außerhalb der Ukraine sind also auch weiterhin nicht wahrscheinlich - aber eben auch nicht ausgeschlossen. Und die verbale Aufrüstung Russlands und die Anschuldigungen gegen die westlichen Länder schaffen zumindest die propagandistische Grundlage dafür, eine solche Eskalation in der russischen Bevölkerung rechtfertigen zu können.  rowa/mit dpa

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