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Motorrad-Fahrverbote: ADAC dagegen - Biker mit überraschender Forderung

Die Politik plant die Fahrmöglichkeiten von Motorradfahrern zu begrenzen. Doch was bedeutet das? Der Biker-Verband ist alarmiert und fordert jetzt Überraschendes. Auch der "ADAC" bezieht Stellung
 
Der "ADAC" hat sich gegen Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen ausgesprochen. Symbolfoto: unsplash.com/ Hans Ripa
  • Laute Motorräder könnten schon bald mit Fahrverboten belegt werden.
  • Bundesrat plant Maßnahmen gegen Motorrad-Lärm
  • Biker-Verband meldet sich mit überraschendem Vorschlag zu Wort

Seit Mai 2020 ist eine Debatte um mögliche Fahrverbote für Motorräder entbrannt. Hintergrund dessen sind die Planungen der Politik, von Motorräder verursachten Lärm unterbinden zu wollen. Nun hat sich auch der "ADAC" dazu geäußert. 

Update vom 01.07.2020: ADAC gegen Motorrad-Fahrverbote

Die Mehrheit der Motorradfahrer sei ordnungsgemäß unterwegs und sollte nicht wegen einzelner Ausreißer benachteiligt werden, sagt eine "ADAC"-Sprecherin mit Blick auf Beratungen im Verkehrsausschuss des Bundestags zu dem Thema am Mittwoch.

Der "ADAC" übersehe nicht, dass sich viele Menschen durch Verkehrslärm belästigt fühlten, so die Sprecherin. "Der insbesondere auch von Motorrädern ausgehende Lärm wird dabei häufig als Störfaktor genannt. Temporäre Streckensperrungen können hier jedoch nicht die Lösung sein. Ein besserer Lärmschutz funktioniert auch ohne die Einschränkung von Mobilität." Statt eines kollektiven Fahrverbotes erscheine es sinnvoll, die Kontrollen zu verstärken, um gegen die tatsächlichen Verursacher vorzugehen. "Motorradfahrer, die bewusst mit hoher Drehzahl manipulieren oder mit nicht zugelassenen Auspuffanlagen unterwegs sind, sollten stärker geahndet werden."

Die Länder hatten sich Mitte Mai dafür eingesetzt, dass Motorräder weniger Lärm verursachen. So sollen die zulässigen Geräuschemissionen auf einen Wert begrenzt werden, der in etwa der Lautstärke eines vorbeifahrenden Lkw oder eines Rasenmähers entspricht.

Der Bundesrat will zudem beschränkte Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen ermöglichen. Konkret hieß es in dem Beschuss, der Bundesrat sehe dringenden Handlungsbedarf, für besondere Konfliktfälle Geschwindigkeitsbeschränkungen und zeitlich beschränkte Verkehrsverbote an Sonn- und Feiertagen aus Gründen des Lärmschutzes zu ermöglichen. Die Bundesregierung entscheidet nun, ob sie die Anregung umsetzen will. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sieht den Beschluss kritisch und hatte sich gegen weitere Verbote für Motorradfahrer ausgesprochen. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur

Update vom 16.06.2020: Bundesrat plant Maßnahmen gegen Motorradlärm - Biker melden sich zu Wort

Die Planungen des Bundesrates Fahrverbote für Motorräder am Wochenende zu ermöglichen, ruft den "Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM)" auf den Plan. 

Der Biker-Verband hat sich nun einer überraschenden Forderung an die Öffentlichkeit gewandt: In einem offenen Brief kritisieren die Motorradfahrer nicht wie möglicherweise erwartet die Pläne der Politik, sondern fordern die "führenden Motorradhersteller" auf, "freiwillig Motorräder zu produzieren, die im realen Fahrbetrieb sozialverträglich leise sind."

"BVDM"-Vorsitzender Michael Lenzen sagt: "Leisere Maschinen sind nicht nur im Interesse von Anwohnern und Motorradfahrern, sondern auch im längerfristigen Eigeninteresse der Industrie." Falls es immer weiter zu Einschränkungen im Straßenverkehr komme, sinke die Attraktivität des Motorradfahrens, so Lenzen. Schließlich ließen sich dadurch auch "weniger Motorräder verkaufen" - was den Herstellern wohl nicht gefallen würde. 

Zudem räumt der Biker-Verband mit dem Vorurteil auf, dass Motorradfahrer grundsätzlich "laute Maschinen" fordern würden. Der Klang des Motorrads sei zwar wichtig. Allerdings werde dieser nicht zwangsläufig besser, "wenn er laut ist". 

Erstmeldung vom 15.05.2020: Bundesländer fordern weniger Lärm durch Motorradfahrer - Fahrverbote als Konsequenz?

Motorräder sollen nach dem Willen des Bundesrats künftig weniger Lärm verursachen. Die Länderkammer will sich nach einem Beschluss vom Freitag (15. Mai 2020) dafür einsetzen, dass die zulässigen Geräuschemissionen aller Neufahrzeuge begrenzt wird. Künftig soll ein Maximalwert von 80 Dezibel (db/A) gelten, der in etwa der Lautstärke eines vorbeifahrenden Lkws oder eines Rasenmähers entspricht. Die Länder möchten, dass Polizisten Fahrzeuge bei "gravierenden Lärmüberschreitungen" sofort sicherstellen dürfen. 

Außerdem soll Tuning härter bestraft werden, wenn das Motorrad dadurch erheblich lauter wird. Das Sound-Design, über das Fahrer die Geräuschkulisse selbst einstellen können, solle verboten werden. Die Länder wollen zudem beschränkte Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen ermöglichen. Die Entschließung des Bundesrats geht nun an die Bundesregierung. Diese entscheidet, ob und wann sie die Anregung umsetzen will. Feste Fristen gibt es hierfür nicht.

Leisere Motorräder und härtere Strafen für Tuner

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zeigte sich am Freitag zufrieden. Es sei eine wichtige Etappe beim Schutz vor Motorradlärm erreicht. "Aber wir sind noch nicht am Ziel angelangt. Auch, wenn Land und Kommunen alles ausschöpfen, was gesetzlich möglich ist, muss deutlich mehr getan werden." Motorräder müssten leiser gefahren werden. "Rücksichtsloses Fahren muss deutlichere Folgen haben", sagte Hermann. "Dafür müssen die rechtlichen Vorgaben erweitert werden. Hier sind insbesondere die Bundesebene und Europa gefragt."

Der "Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM)" sieht Verkehrslärm ebenfalls als Problem – fordert aber, dass bei der Problemlösung alle Fahrzeuge einbezogen werden. "Was wir ablehnen und nicht nachvollziehen können, ist die einseitige Fokussierung beim Thema Lärm auf die Motorräder", sagte der Vorsitzende Michael Lenzen. "Hier sehen wir ganz klar eine Diskriminierung der Motorradfahrer." Es sei ein Unding, mehr als vier Millionen Motorradfahrer wegen Fehlverhaltens einer Minderheit über einen Kamm zu scheren. "Bei Autofahrern, etwa bei den illegalen Straßenrennen in Städten, geht man auch gezielt gegen die Verursacher vor. Hier muss gleiches Recht für alle gelten."

Psychologe lobt Bundessrat: Motorradlärm contra Tourismus

Der Hagener Umweltpsychologe und Lärmwirkungsforscher Dirk Schreckenberg sieht die Bundesrats-Entschließung als einen Schritt in die richtige Richtung. Bislang sei das Thema zu wenig beachtet und eher vernachlässigt worden. Dabei sei Motorradlärm ein großes Problem - vor allem im ländlichen Raum, sagt Schreckenberg.

Der Motorradverkehr hier beiße sich mit Ansprüchen der übrigen Menschen, die dort sind: Touristen, die sich erholen möchten und Anwohnern, die sich dafür entschieden haben, auf dem Land in Ruhe zu wohnen. "Und auch noch zu Zeiten, in denen man besonderen Ruheanspruch hat – am Wochenende, insbesondere am Sonntag." Ob die Begrenzung das Problem wirklich löst, bleibe aber abzuwarten. „Denn ob sich dadurch die Anzahl der Motorräder auf den Straßen verringert, kann man noch nicht sagen – wahrscheinlich eher nicht“, sagte Schreckenberg.

Der Experte sieht neben der Lärm-Begrenzung am Fahrzeug selbst noch eine andere Notwendigkeit: Die durch Motorräder entstehende Lärmbelastung müsste wirkungsbezogener erfasst werden. Weil Motorradlärm nämlich vor allem an Wochenenden im Sommer die Menschen belaste, sei der bislang erfasste Jahresdurchschnittswert nicht aussagekräftig, sagte Schreckenberg. Die Forschung zeige, dass mit dem Lärmpegel eines "Sommersonntags" die Belästigung für die Anwohner deutlich besser vorauszusagen sei als mit dem Jahrespegel. Orientieren könne man sich an der Messung von Fluglärm: Dafür werde anstelle des Jahresdurchschnitts bereits jetzt ein Dauerschallpegel aus den Flugbewegungen in den Sommermonaten, also den Monaten mit dem meisten Flugverkehr, ermittelt.

tu/dpa